. Es wurde sofort eine Art Altar unter Gottes freiem Himmel errichtet , wie es schon oft geschehen sein soll . « » Jawohl , ist leider bekannt , « unterbrach sie hier der Kandidat Möhring , der bis dahin nicht viel gesprochen und sich damit begnügt hatte , die Berichte der Frau von Lehr mit einem zuvorkommenden Lächeln oder einem beipflichtenden Kopfnicken zu begleiten . Jetzt aber war sein breites , etwas glänzendes Gesicht dunkelrot , als er , gegen die Baronin gewendet , spöttisch fortfuhr : » Gnädigste Frau Baronin , ja , es ist weit gekommen - die alten Götzen steigen hernieder in die heiligen Haine , und der Druide opfert ihnen unter den Eichen ! « » Ich wüßte nicht , daß dergleichen vorgekommen wäre , und hätte mir mit der lebhaftesten Einbildungskraft in jenem Augenblicke auch nicht vorstellen können , daß ich einem heidnischen Opferfeste beiwohne , « entgegnete Elisabeth . Sie lächelte , fuhr dann aber warm und ernster fort : » Mir war an dem herrlichen Pfingstmorgen , als der Orgelton aus den geöffneten Kirchenfenstern und Thüren quoll , und der ehrwürdige alte Mann unter dem lebendigen Grün der Bäume seine bewegte Stimme erhob , genau so zu Mute , wie da ich zum erstenmal in meinem Leben das Gotteshaus betreten durfte . « » Sie scheinen ein vortreffliches Gedächtnis zu haben , mein Fräulein , « warf hier Frau von Lehr ein . » Wie alt waren Sie damals , wenn man fragen darf ? « » Elf Jahre . « » Elf Jahre ? ... O , mein Gott , wie ist das möglich ? « rief die alte Dame entsetzt . » Können das christliche Eltern wohl übers Herz bringen ? ... Meine Kinder kannten das Haus des Herrn schon in ihrer frühesten Kindheit , das müssen Sie mir bezeugen , bester Doktor ! « » Ja wohl , meine Gnädigste , « entgegnete dieser ernst . » Ich erinnere mich , daß Sie den Krupanfall , an welchem Sie leider Ihr zweijähriges Söhnchen verlieren mußten , einem Besuche des Kindes in der kalten Kirche zuschrieben . « Elisabeth sah erschrocken ihren Nachbar an . Der Doktor hatte der anfänglichen Unterhaltung nur insofern beigewohnt , als er hier und da in trockener Weise Sarkasmen einstreute , die dem jungen Mädchen um so ergötzlicher waren , als die Baronin ihm jedesmal einen verweisenden Blick dafür zusandte . Als Elisabeth selbst zu sprechen begann , hatte sie auf ihn nicht mehr geachtet , ebensowenig wie die anderen , die nur das unglückliche Heidenkind im Auge hatten ; deshalb bemerkte niemand , daß er sich innerlich fast zu Tode lachen wollte über die freimütigen Antworten des jungen Mädchens und deren Wirkung auf die Anwesenden . Jetzt kam er Elisabeth grausam vor durch seine Antwort ; aber er mußte wohl seine Leute kennen , denn Frau von Lehr blieb ruhig und unbewegt und sagte salbungsvoll : » Ja , der Herr nahm den kleinen , frommen Engel zu sich , er war zu gut für diese Welt ... Und so war und blieb Ihnen für die ersten elf Jahre Ihres Lebens das Reich des Herrn verschlossen ? « wandte sie sich an Elisabeth . » Nur sein Tempel , gnädige Frau ... Ich wußte schon als kleines Kind die Geschichte des Christentums und lernte jedenfalls mit meinen ersten Gedanken das höchste Wesen kennen und verehren , denn ich weiß nicht , daß ich je gelebt hätte ohne die Vorstellungen von Gottes Dasein ... Es ist meines Vaters Grundsatz , seine Kinder nicht zu früh das Haus Gottes betreten zu lassen ; er meint , so junge Seelen seien unfähig , die hohe Bedeutung desselben zu verstehen , langweilen sich bei der Predigt , die sie mit dem besten Willen nicht fassen könnten , und so entstände von vornherein eine saloppe Anschauung ... Mein kleiner Bruder ist sieben Jahre alt und war noch nicht in der Kirche . « » O der glückliche Vater , « rief der Doktor , » daß er dies durchführen kann und darf ! « » Nun , was hindert Sie , Ihre Kinder moralisch wie die Pilze aufschießen zu lassen ? « fragte malitiös die Baronin . » Das kann ich Ihnen mit wenig Worten sagen , gnädige Frau . Ich habe sechs Kinder und bin nicht reich genug , einen Hauslehrer für sie zu halten . Sie selbst zu unterrichten , daran hindert mich mein Beruf ; mithin bin ich gezwungen , sie in die öffentliche Schule zu schicken und mich mit ihnen zugleich in die Gesetze der Anstalt zu fügen - dahin gehört der Kirchenbesuch der Kleinen ... Genau so verhält es sich mit einer anderen Ueberzeugung , die ich ebensowenig zur Geltung bringen darf - das ist das selbständige Bibellesen der Kinder . In diese kleinen Hände gehört die Bibel nicht , die , als Fundament unseres ganzen späteren Lebens und Wirkens , für die Jugend mit einer unnahbaren Glorie umgeben sein müßte ... Das Kind , mit sehr seltenen Ausnahmen , sucht lieber Unterhaltung als ernste Belehrung , und hat den Trieb , gerade das , was ihm verschwiegen wird , zu enthüllen . Und so weiß ich , und streng beobachtende Lehrer wissen es auch , daß die Kleinen , das ehrwürdige Buch auf dem Schoße und von unachtsamen Eltern darüber belobt , nicht immer den Text der letzten Predigt , sondern auch anderes aufblättern und sich gegenseitig auf verpönte Worte aufmerksam machen , die die gebildete und moralische Mutter daheim nie zu ihren Ohren gelangen läßt , deren Sinn ihnen aber oft genug klar gemacht wird durch Kinder , die , in ungebildeter Sphäre lebend , von unvorsichtigen , rohen Eltern und Dienstboten mehr erfahren , als ihnen gesund ist . Und gesetzt auch , das letztere fällt nicht vor und das Kind fragt die Mutter über die Bedeutung des unverstandenen Wortes , so wird sich eine verständige Frau wohl zu helfen wissen