Noch eine Tasse , werther Gast ! Es ist kein Falerner , wie ihn der glückliche Römer in der eben citirten Ode trinkt , aber doch ein Getränk , das einigen Anspruch auf Classicität machen darf , seitdem unser lieber Voß in seiner Louise es so verherrlicht hat . Sagen Sie , lieber Gastfreund , hat Ihnen nicht der Aufenthalt unter unserem niedrigen Dache manche Reminiscenzen an die liebliche Idylle erweckt ? Haben Sie nicht empfunden , daß in diesen , von dem Treiben der Menschen weit entfernten Stätten die sanfte Stimme der Poesie , die auf dem lauten Markte des Lebens ungehört verhallt , deutlich zu uns spricht ? Jetzt geschieht das Entsetzliche , dachte Oswald . Ich bewundere , sagte er , wie Sie so sinnig Altes und Neues , Wirklichkeit und Poesie zu einem duftigen Kranze zu flechten verstehen . Mir selbst ist leider in jüngster Zeit die Prosa des Alltagslebens nah und näher getreten ; ja , aufrichtig gestanden , ich habe mich , was ich früher für unmöglich hielt , mehr und mehr mit ihr ausgesöhnt , obgleich ich sehr wohl weiß , daß ich dabei die Empfänglichkeit für die Reize der Dichtkunst vollständig eingebüßt habe . O , glauben Sie doch das nicht ! rief Primula . Der Quell der Poesie in uns kann wohl zu Zeiten weniger voll strömen , aber gänzlich versiegt er nie . Sie klagen sich der Unempfänglichkeit für die Reize der Dichtkunst an . Das sollte mich eigentlich von meinem Vorhaben ( hier legte sie die Hand offen an das Büchelchen in schwarzem Einband mit Goldschnitt ) abbringen , Ihnen eine kleine Probe der Gedichte mitzutheilen , die ich , wie Ihnen wohl bekannt sein wird , unter dem Pseudonym Primula in der Novellen-Zeitung veröffentlicht habe . Aber mein Glaube an die Macht der Poesie , vor Allem der latenten Poesie in Ihrem Herzen , ist zu groß , als daß mich Ihre Selbstverleumdung vom Gegentheil überzeugen könnte . Darf ich einen Versuch wagen , die Richtigkeit meiner Ansicht auf die Probe zu stellen ? Wodurch habe ich so viel Güte verdient ? murmelte Oswald , sich voll Resignation in die Ecke seiner Bank zurücklehnend und die Augen bis zu dem Winkel schließend , der glücklicherweise den Augen halb schlummernder und verzückter Zuhörer gemeinsam ist . Ich habe mein Büchelchen Kornblumen betitelt , sagte Primula , hold verschämt in dem Buche blätternd , weil die meisten dieser Poesie auf den Spaziergängen durch die Kornfelder , auf alle Fälle in einer ländlichen Umgebung erblüht sind . Wie sinnig , flüsterte Oswald . Nach den Regeln der besten Aesthetiker und nach dem Beispiele der Griechen , welche die Tragödie der Komödie voranschickten , oder richtiger die Komödie auf die Tragödie folgen ließen , werde ich mir erlauben , Ihnen erst ein ernstes , dann ein launiges , dann wieder - Gewiß , gewiß , das wird den Reiz der einzelnen Gedichte erhöhen , sagte Oswald , den vor dieser endlosen Perspective schauderte . Willst Du nicht , liebe Gustava - sagte der Pastor . Laß mich meine eigene Wahl treffen , Jäger , sagte die Dichterin in einem sanften , aber entschiedenen Tone , und dann sich räuspernd : Auf einen todten Maulwurf - Auf was ? rief Oswald , erschrocken in die Höhe fahrend . Nun , sehen Sie , werther Freund , sagte Primula , wie schon die Ueberschrift allein Sie elektrisirt ! Freilich , freilich ! murmelte Oswald , in seine Ecke zurücksinkend . Auf einen todten Maulwurf , wiederholte die Dichterin , den ich am Wege fand : Wie liegst Du jetzt so ruhig da Mit Deinem glatten Fell ! Dein Schicksal , ach , es geht mir nah , Du schwärzlicher Gesell ! Sie schmähten Dich , Sie höhnten Dich , Sie sagten : Du bist blind ! Das waren solche sicherlich , Die selber Blinde sind . Am Tage zeigtest Du Dich nicht , Gleich eitler Thoren Schaar , Doch war ' s in Deiner Zelle licht , In Deinem Busen klar . Und zu der Sterne hohem Lauf Am nächt ' gen Himmelsdom , Sahst Du von Deinem Hügel auf , Du kleiner Astronom ! Wie lebtest still und harmlos Du , Ein dunkler Ehrenmann ! Bei Tag nicht Rast , bei Nacht nicht Ruh , Wer sieht Dir das nun an ? Nun liegst Du , ach so ruhig da Mit Deinem glatten Fell . Dein Schicksal , o ! es geht mir nah , Du schwärzlicher Gesell ! Das ist schön , sagte Oswald . Das ist die echte Lyrik , wie wir sie heute leider nur zu selten finden . Nicht die Treibhauslyrik jener Dichter , die mit Anklängen an Heine beginnen , in der Mitte einige Lenau ' sche Accorde anschlagen und mit einer Freiligrath ' schen Fanfare schließen . Welch ' ein wahres , inniges Gefühl erwärmt diese Verse ! und dabei diese kernige Kraft der Sprache : Ein dunkler Ehrenmann ! das ist einfach , aber schön ; das haben Sie Ihrem Goethe abgelauscht . Sie sind wahrlich zu gütig , lieber Gastfreund ! sagte Primula hocherfreut . In der That , Sie beschämen mich durch Ihr freigebiges Lob . Aber , seien Sie ehrlich , finden Sie nicht , daß , wenigstens für den modernen Geschmack , das Ganze doch ein wenig zu ideal gehalten ist ? Vielleicht für unsere Realisten , die allerdings in ihren Anforderungen etwas weit gehen , und in ihrem Bestreben , Alles recht natürlich zu machen , im Faust nächstens den Pudel auf die Bühne bringen und durch Kneifen in den Schwanz zum Bellen und Heulen veranlassen werden . Aber ich bin überzeugt , daß , wenn Sie nur wollen , Sie auch diesen Herren gerecht werden können . Was halten Sie von diesem Gedichte ? fragte die Dichterin : An meinen Haushahn . Oswald lehnte sich wieder in seine Ecke . Gleich Richard von der Normandie , Fürcht ' t sich