als bei ihrem Vater , und in der Gartenwirthschaft auch einen Bienenhelm , den gerade ein Knecht aus dem Orte vom Schulmeister borgte , um den Bienen das Leid vom eben verstorbenen Herrn anzusagen . Ueber den sonderbaren hierländischen Gebrauch , daß man mitten in die Bienenstöcke hinein den Tod des Hausvaters anzeigen und den Knecht den Bienen melden läßt : » Einen schönen Gruß von der Frau und der Herr wäre todt ! « konnten sich der Kammerherr und der gerade anwesende Graf in Mittheilungen verlieren , die alle Seiten der Geschichte und der Philosophie berührten . Lucinde staunte über den Glauben , der annahm , daß ohne diese Leid-Ansage die Bienenstöcke in Jahresfrist ausgehen würden ; aber der Kammerherr und der Graf , beide warfen verklärt ihre Blicke empor und sprachen jetzt sogar anerkennend von dem früher gemeinschaftlichen verrätherischen Freunde , Heinrich Klingsohr , der auf die Darstellung des Zusammenhangs der Bienen mit den Staats- und Rechtsbegriffen der Menschheit in Göttingen Doctor geworden war . Und so dunkel es nun auch in des Kammerherrn Begriffen aussah , so wurde er doch auf diese Art Lucinden ein Lehrer . Auf Partieen , die er in einem von seinem Diener geführten Einspänner machte , sprach er mit Lucinden , ob sie es nun verstand oder nicht , nur französisch , ein andermal nur englisch , ein drittesmal , wenn er gerade auf Tacitus und die alten Germanen oder auf eine Sammlung alter Marienlieder , die Graf Zeesen zum Druck vorbereitete , kam , nur lateinisch . Sie erwiderte mit dem Wenigen , was sie früher von Englisch und Französisch aufgegriffen hatte , und bewundernswerth war die Geduld , mit der der Kammerherr sich mühte , einer der Erde nicht angehörenden Erscheinung allmählich die Sprachen derselben beizubringen . Die Sprache , die er an dem Riedbruch damals im Walde beim ersten Finden an sie gerichtet hatte , war ein Gemisch von Lateinisch und Plattdeutsch gewesen . Diesen Gewinn an Kenntnissen ließ sich Lucinde , die unter all dem Düster ihre Heiterkeit nicht verlor , wohl gefallen . Der Gewinn mehrte sich , als die langen Abende kamen und der Pfarrer sich gleichfalls geneigt erklärte , die Civilisation des Wildlings zu unterstützen . Auch im Klavier , dessen Grundlagen Lucinde schon im Hause des Stadtamtmanns gelegt hatte , vervollkommnete sie sich unter Leitung des musikalischen Mannes , der seine Kinder , ja selbst noch seine an sich hierin geringer talentirte Frau unterrichtete . Der Herbst und ein langer , schnee- und frostreicher Winter wurde auf diese Art für Lucinden eine Studienzeit , die bei der Leichtigkeit ihrer Auffassung und der geringen Zerstreuung dieses Aufenthalts reiche Früchte trug . Der Kammerherr selbst , dem es an wissenschaftlichem Material nicht mangelte und dessen liebstes Thema sich immer an die Erinnerungen von Rom oder Göttingen hielt , docirte ihr oft Geschichte und Philosophie , die er mit der Mathematik und , sonderbar und für die Schrullen jener Provinz unsers Vaterlandes kennzeichnend genug , auch mit der Kunst des Drechselns verband . Wie die Adeligen Westfalens in ihrer Erziehung und ländlichen Beschäftigung an den Hofbällen von Berlin und in Münster nicht zu erkennen sind , so wird man seltsam finden , daß es berühmte Geschlechter unter ihnen gibt , die neben ihrem angeblichen Berufe , die unerschütterlichen Erben Karl ' s des Großen zu sein und in Demuth vor Gott , dem Papst und dem Landesherrn ihre Renten zu verzehren , auch ein Handwerk lernen . Manche , die nicht gut schreiben können , aber schon in Potsdam ein Porteépée führen und in Verlegenheit kommen zu bekennen , daß sie nicht viel mehr wüßten , als was auf ihren düstern , einsamen Kampen der » Hauspape « ihnen zu lernen zugemuthet , verstehen sich vortrefflich auf den Hufbeschlag der Pferde oder arbeiten sich das Sattel- und Riemzeug derselben selbst aus . Das Drechseln aber in grobem und seinem Holze ist eine so weit verbreitete Kunstfertigkeit des westfälischen Adels , daß Lucinde sich nicht hätte zu verwundern brauchen , neben dem Maleratelier ihres Freundes auch eine Kammer anzutreffen , die zu einer vollständigen Drechslerwerkstatt eingerichtet war . Ihr aus Kirschbaumholz allerhand Büchsen und Ringe zu drehen , war selbstverständlich seine liebste Aufgabe ; aber er drehte auch Bälle , Kegel , Pyramiden , konische Ausschnitte und Figuren aller Art , von denen er nicht nur mathematische Auslegungen gab , sondern auch philosophische und religiöse . Oft sprach er dabei von einem in der Nähe seiner väterlichen Güter wohnenden Philosophen , der aus den einfachsten Grundbegriffen unserer mathematischen Anschauungen die tiefsten Wahrheiten der Religion hergeleitet hätte . Je geheimer diese Gespräche vor dem Pfarrer geführt wurden , desto reizvoller wurden sie für einen Verstand , der sich aus den verworrenen Begriffen eines Narren manches Körnlein Vernunft entnehmen konnte . Dennoch wünschte Lucinde diese Lage geändert . Das Aufsehen , das sie in der ganzen Gegend mit dem » tollen « Kammerherrn machte , war nicht gering . Auch hatte der Pfarrer erleben müssen , daß ein Brief , den Lucinde an ihre Schwester geschrieben und eine Meile weit erst von ihr auf die Post gegeben war , zurückkam , mit der vollständigen und wahren Adresse seines Schützlings , ja , daß der Meier von Eibendorf ihm Mittheilungen machte , die jetzt den Zustand , wie man Lucinden im Riedbruch gefunden , vollkommen erklärten . Eine scheue Besorgniß des ganzen Hauses vor Lucinden hatte sich schon längst gesteigert , sie wurde zur Abneigung , als man sie bei Ueberreichung des von der Post geöffnet gewesenen und wieder von der Post verschlossenen Briefes wol aufs äußerste über die offene Angabe ihres Namens erschrocken fand , weniger aber über den von einer ungebildeten Hand gekritzelten Zusatz : » Ist vor vier Wochen am Nervenfieber gestorben . « Der Tod ihrer Schwester Luise , einer einzigen , wie sie öfter gesagt hatte , erschütterte sie weniger als die richtige Angabe ihres Namens ! Daß mit so viel Schönheit , jeweiliger Liebenswürdigkeit ,