Rachegefühl überwanden und auf das Vergeltungsrecht mit Mühe verzichteten , schienen mir oft dadurch mehr Vorteil über ihren Feind zu gewinnen , als sich mit dem Begriffe der reinen Selbstentäußerung vertrug ; weil zufolge der tiefen Vernunft und Klugheit , die zugleich im Verzeihen liegt , der Widersacher allein es ist , welcher sich in seiner unfruchtbaren Wut aufreibt und vernichtet . Dies Verzeihen ist es auch , was in großen geschichtlichen Kämpfen die Überlegenheit des Siegers , nachdem er einen Handel männlich ausgefochten hat , vermehrt und beurkundet , daß dieselbe auch moralisch eine reifgewordene ist . So ist das Schonen und Aufrichten des gebeugten Gegners mehr Sache der allgemeinen Weltweisheit und vor der Einführung des Christentums wohl so oft zur Geltung gekommen als nach derselben verleugnet worden ; das eigentliche Lieben aber des Feindes , in voller Blüte und solange er uns Schaden zufügt , habe ich nirgends gesehen , weil ich auch bei einigen armen und ungebildeten Sektierern , welche in ihrem heißen Bestreben , das Evangelium ganz wörtlich zu nehmen , neben andern verpöntern Dingen auch diese Tugend übten , das aufrichtige Wesen nicht sattsam von dem ängstlichen Scheine unterscheiden konnte . Im Verlaufe meiner ersten Schuljahre fand ich nun häufige Gelegenheit , meinen Verkehr mit Gott zu erweitern , da die kleinen Erlebnisse sich vermehrten . Ich hatte mich bald in den Weltlauf ergeben und tat , wie die andern Kinder , was ich nicht lassen konnte . Dadurch war ich abwechselnd zufrieden und geriet in Bedrängnis , wie es das Wohlverhalten oder die Vernachlässigung meiner Pflichten nebst allerhand kindischem Unfuge mit sich brachten . In jeder üblen Lage aber rief ich Gott an und betete in meinem Innern in wenigen wohlgesetzten Worten , wenn die Krisis zu reifen begann , um eine günstige Entscheidung und um Rettung aus der Gefahr , und ich muß zu meiner Schande gestehen , daß ich immer entweder das Unmögliche oder das Ungerechte verlangte . Oft war es der Fall , daß meine Sünden übersehen wurden ; und alsdann ließ ich es nicht an herzlichen Dankgebeten aus dem Stegreife fehlen , welche um so vergnüglicher waren , als mir der Sinn für die Verdientheit der Strafe so lange verschlossen blieb , bis ich bewußte Fehler beging . So bestand der Stoff meiner Anrufungen aus der wunderlichsten Mischung ; das eine Mal bat ich um die gelungene Probe eines schwierigen Rechnenexempels oder daß der Vorgesetzte für einen Tintenklecks in meinem Hefte mit Blindheit geschlagen werde , das andere Mal , ein zweiter Josua , um Stillstand der Sonne , wenn ich mich zu verspäten drohte , oder auch um Erlangung eines fremden reizenden Backwerkes . Als die Jungfrau , welche ich die weiße Wolke nannte , einst für lange Zeit verreiste und eines Abends bei uns Abschied nahm , während ich schon in meinem Bettchen lag , jedoch alles hörte , bat ich meinen himmlischen Vater in sehnlichen Ausdrücken , er möchte bewirken , daß sie mich hinter meinen Vorhängen nicht vergesse und noch einmal tüchtig küsse . Ich schlief über der steten Wiederholung des gleichen kurzen Satzes endlich ein und weiß zur Stunde noch nicht , ob meine Bitte in Erfüllung gegangen ist . Eines Tages wurde ich zur Strafe über die Mittagszeit in der Schule zurückbehalten und eingeschlossen , so daß ich erst auf den Abend etwas zu essen bekam . Das war das erste Mal , wo ich den Hunger kennen und zugleich die Ermahnungen meiner Mutter verstehen lernte , welche mir Gott vorzüglich als den Erhalter und Ernährer jeglicher Kreatur anpries und als den Schöpfer unsers schmackhaften Hausbrotes darstellte , der Bitte gemäß Gib uns heut unser tägliches Brot ! welches nie fehlen dürfe , wenn die Sache nicht schiefgehen sollte . Überhaupt gewann ich für Essen und Trinken ein großes Interesse und manche Einsicht in die Beschaffenheit derselben , indem ich fast ausschließlich den Verkehr von Frauen mit ansah , dessen Hauptinhalt der Erwerb und die Besprechung von Lebensmitteln war , und die Wichtigkeit , welche ich diesem Verkehre beilegen sah , trug sich mir auch auf meine Bitte um das tägliche Brot über . Auf meinen Wanderungen durch das Haus drang ich allmählich tiefer in den Haushalt der Mitbewohner ein und ließ mich oft aus ihren Schüsseln bewirten , und undankbarerweise schmeckten mir die Speisen überall besser als bei meiner Mutter . Jede Hausfrau verleiht , auch wenn die Rezepte ganz die gleichen sind , doch ihren Speisen durch die Zubereitung einen besondern Geschmack , welcher ihrem Charakter entspricht . Durch eine kleine Bevorzugung eines Gewürzes oder eines Krautes , durch größere Fettigkeit oder Trockenheit , Weichheit oder Härte , bekommen alle ihre Speisen einen bestimmten Charakter , welcher das genäschige oder nüchterne , weichliche oder spröde , hitzige oder kalte , das verschwenderische oder geizige Wesen der Köchin ausspricht , und man erkennt sicher die Hausfrau aus den wichtigsten Speisen des Bürgerstandes , nämlich dem Rindfleisch und dem Gemüse , dem Braten und dem Salate ; ich meinerseits , als ein junger frühzeitiger Kenner , habe aus einer bloßen Fleischbrühe den Instinkt geschöpft , wie ich mich zu der Meisterin derselben zu verhalten habe . Die Speisen meiner Mutter hingegen ermangelten , sozusagen , aller und jeder Individualität . Ihre Suppe war nicht fett und nicht mager , der Kaffee nicht stark und nicht schwach , sie verwendete kein Salzkorn zuviel , und keines hat je gefehlt , sie kochte schlecht und recht , ohne Manieriertheit , wie die Künstler sagen , in den reinsten Verhältnissen ; man konnte von ihren Speisen eine große Menge genießen , ohne sich den Magen zu verderben . Sie schien mit ihrer weisen und maßvollen Hand , am Herde stehend , täglich das Sprichwort zu verkörpern Der Mensch ißt , um zu leben , und lebt nicht , um zu essen ! Nie und in keiner Weise war ein Überfluß zu bemerken und ebensowenig ein Mangel . Diese nüchterne Mittelstraße langweilte mich , der ich meinen Gaumen