sie den Wagen schon von Weitem kommen sehen . Sie nahm ihren Hut ab , und legte ihn auf die Bank , damit er sie nicht etwa am Sehen hindere . Bange Minuten vergingen ihr - sie fühlte und dachte dabei aber sonst Nichts , weil sie immer nur auf den einen Punkt der Gegend hinstarrte , von wo der Wagen kommen mußte , der Wagen , den sie so sehnlich erwartete , und vor dessen Nahen sie doch auch wieder so zitterte , weil dann bald der Augenblick für immer vorüber sei , wo sie noch ein Mal vor dem theuern Menschen gestanden . Jetzt wirbelten Staubwolken auf - ein zurückgeschlagener Wagen ward sichtbar - ein einzelner Mann saß darinnen - er war es - sie sprang auf den Wagen zu , wie er bei ihr vorüberfliegen wollte , warf den Strauß hinein , und rief : » Mein Lehrer ! « Er befahl hastig , den Wagen zu halten - er sprang heraus . » Sie hier , Elisabeth ? « fragte er sanft im Tone der höchsten Verwunderung . Sie stand zitternd vor ihm mit gesenktem Blick , und wie die Morgenröthe am Osthimmel aufflammte , so erglühte auch ihr Gesicht wie im sanften Wiederschein - und gleichsam , als fühle sie jetzt bei Thalheims Befremden über ihr Hiersein , daß der Schritt , den sie gethan , vielleicht nicht nur ungewöhnlich , sondern auch unmädchenhaft sei , hauchte sie leise » Vergebung « und senkte ihr Haupt auf seine Hand herab , welche die ihrige hielt , so daß sie in einer gebeugten , halb knieenden Stellung vor ihm verharrte , bis er selbst sagte : » Richten Sie sich auf , Elisabeth , Sie haben mir vielleicht noch Etwas zu sagen , zögern Sie nicht - ist es ein Wunsch , vielleicht ein Auftrag , ich werde wenigstens versuchen , Ihnen Nichts unerfüllt zu lassen . « Sie richtete sich plötzlich auf mit aller Kraft , welche ihr zu Gebote stand , und sagte unter Thränen , lächelnd : » Ich habe um Nichts bitten wollen , als daß Sie diese Blumen mitnehmen - Nelken sind ja Ihre Lieblingsblumen - und deshalb kam ich hierher - und zu einem letzten Lebewohl . « Sie hatte diese Worte mit ruhiger Fassung gesagt : » Ich werde Sie niemals vergessen , Elisabeth - ich habe es sie immer ahnen lassen : Sie sind meine theuerste Schülerin gewesen , und es wird mir eine süße Genugthuung sein , wenn Sie mir ein freundliches Andenken bewahren . « Sie zitterte , und vermogte Nichts zu antworten , er nahm ihre Hand , führte sie zu der Steinbank unter den Linden , und sagte : » Ruhen sie hier aus in der schönen Morgenfrische , und lassen Sie uns Beide dieser Stunde ein dauerndes Andenken bewahren . Leben Sie wohl und glücklich . « » Leben Sie wohl ! « rief sie ihm noch nach , als er sie hastig verließ und in den Wagen sprang , blieb aber wie angewurzelt auf der Bank sitzen , an welche er sie geführt hatte . Der Wagen rollte davon . Sie sah ihm starr nach - wie er ganz verschwunden war , glitt sie von der Bank herab auf ihre Kniee , drückte die bleichwerdenden Wangen auf die kalte Steinplatte der Bank , und ließ ihr Antlitz von den feuchtgewordenen Locken verhüllen . So lag sie regungslos da . Ihr schwarzes Morgenkleid umfloß weit , wie das Trauerkleid einer Büßerin , die knieende Gestalt . Nachdem sie eine lange Weile so gelegen , hauchte sie : » Nun ist Alles aus , « und wollte sich langsam erheben . Da - plötzlich , wie sie ihr Gesicht wandte , blickte sie in ein paar Augen , in welche sie schon ein Mal geblickt - sie erschrak - denn eine hohe Männergestalt hatte sich über sie geneigt - sie bemerkte es erst jetzt , als sie rasch und erbebend aufsprang . Es war Jaromir von Szariny , welcher sich ihr genähert hatte . Jaromir war nicht früh aufgestanden - für ihn war der heutige Tag noch gestern . Er hatte die Nacht mit Bekannten bei einem Trinkgelag zugebracht - er hatte wieder einmal für die Leere , die Unbefriedigtheit seines Herzens Vergessenheit gesucht in den goldnen Fluthen des Weines - er hatte sie auch gefunden , er hatte sich einige Stunden unbeschreiblich amüsirt , und wie Einer nach den Andern lärmend oder stumm gegangen war , so war er doch noch geblieben , und hatte Füßly und noch ein paar andere Herren mit zurückgehalten . Endlich waren sie auch aufgebrochen . Drinnen das große , durch geschlossene Laden gegen das Morgengrauen verwahrte Zimmer , in welchem Cigarrenrauch mit hellem Gaslicht kämpfte , in welchem der Dunst starken Weines und dampfenden Grogs eine betäubende warme Luft hervorbrachte , hatte wohl zu dieser nächtlichen Orgie gepaßt . - Aber wie paßte zu dieser Aufregung derer , welche sie gefeiert , nun die frische Morgenluft , in welche sie traten ? Der reine , blaue Himmel mit dem sanften Morgenroth und ziehenden Silberwölkchen über ihnen ? - Die geschäftige Thätigkeit , mit welcher die vom Schlaf noch rothen und frischen Gesichter der Dienstmädchen , welche zum Brunnen liefen ? Wie die fröhlichen Morgenlieder , mit welchen die Handwerker zur Arbeit gingen ? Wie das » guten Morgen « , was Vorübergehende ihnen zuriefen ? » Gute Nacht ! « sagten die vorhin so Heitern und Glücklichen plötzlich übelgelaunt und verstimmt zu einander , und an den verschiedenen Straßenecken sich trennend , ging Jeder , verdrießlich vor sich ausschauend , den Weg nach seiner Wohnung . Jaromir war plötzlich ernüchtert - vielleicht auch noch nicht ganz - er fühlte nur auf ein Mal wieder , daß sich eine Last auf sein Herz senkte , welche er vorhin für immer abgeschüttelt zu haben meinte . So fremd und unharmonisch er jetzt seine eigne , verstörte Erscheinung fand in