, zu Freude und Lust , oder zu Leid und Trübsal hinreißt . Hätte nicht ein zu tiefer Eindruck die Lebenswoge meines Herzens zertrümmert gehabt , ich würde mich dem göttlichen Leichtsinn angeschlossen und das Glück geschöpft haben aus reinstem Kristall . Die Unterredung mit Gleichmuth , das Manuscript , dessen Convolut ich in der Brusttasche fühlte , zogen mich dem Schatten entgegen . Dennoch wagte ich nicht , schon in dieser Nacht die Siegel zu brechen . Ich wollte mich erst laben am Sonnenblick der Liebe , stürzte die steilen Gassen hinab zum Rhein und stand mit klopfender Brust an der Wohnung Auguste ' s. Ihr Fenster war erhellt , ein Zug an der Klingel öffnete mir den Eingang zum Paradiese . Die Hausflur war finster . Ich griff mit umherfahrenden Armen nach der Treppe , stieß aber überall an und fiel endlich polternd über altes Gerümpel . » Ephraim ! « rief eine warme Frauenstimme von Oben herab , in der ich sogleich den silbernen Ton Auguste ' s erkannte . » Ephraim Klapperbein , so laß doch Dein Singen und leuchte hinab ! Die Menschen zerstoßen sich ja Köpfe und Beine an Deinen Korbflechtereien . « Während ich mich wieder aufzuraffen suchte , schimmerte ein Lichtstreif die Treppe herab und mit ihm zugleich stolperte die lustige Sangesweise eines jovialen Liedes an mich heran . Meine Lust am Gesange ist Dir bekannt , so wenig auch meine eigne Kehle gesangsfähig erfunden wird . Ein lustiges Lied läßt mich auf Augenblicke den Untergang einer Welt vergessen . Mit kindischem Kosen hänge ich mich in die Locken eines singenden Greises , dessen Jugend glücklicheren , heiteren Zeiten angehörte , als die unsern sind . Ephraim Klapperbein , ein Mensch , so curios , wie sein Name , schlappte in Holzpantoffeln langsam die Treppe herunter , und ließ sich nicht im geringsten dabei in seiner Gesangübung stören . Von seinem Liede verstand ich nur folgende Verse : » Fehlt ' mir ' s nicht an Geld und Wein , Möcht ' ich ewig leben , Auf und ab den goldnen Rhein Mit dem Schifflein schweben . Müßt ' ein muntres Dirnlein auch Frei den Mund mir reichen . ' Sist ein guter alter Brauch , Lockt zu losen Streichen . Küssen , lieben , trinken , Geld - Das ist mein Vergnügen . Und wer ' s mit der Erde hält , Dem wird ' s auch genügen . Bleibt mir mit dem Himmel fort ! Kommt zurecht noch immer . Selig bin ich hier und dort Blinkt mir Weingeflimmer ! « » So , « sagte Ephraim Klapperbein , ein alter rüstiger Greis von einigen siebenzig Jahren , und beleuchtete mich von allen Seiten , » so ! Also in meine Körbe ist der Herr gefallen ? Wunderliche Zeit , fremde Leute zu besuchen . Nachts in der neunten Stunde ! Als ich jung war , gingen nur junge Bursche an ' s Fenster der Liebsten . Was will der Herr ? « » Lieber Alter , meldet mich bei dem Fräulein vom Hause . « » Fräulein vom Hause ! « wiederholte der schlaue Fuchs . » Ein ganz neues Geschlecht ; gibt keins dieses Namens in ganz Köln . Vor alter Zeit könnt ' es sein , es wäre so ' was von dieser Ausländerei hier zu Lande vorhanden gewesen , dazumal , als das römisch Zeugs sich mausig machte am Rhein . Heut zu Tage aber ist ' s ausgestorben ganz , rattenkahl , auf Ehre ! « » Ich frage nach Fräulein Auguste . « » Ist mir ganz unbekannt . « » Ephraim ! « rief es von Oben wieder in demselben lieblichen Flötentone . » Was schwatzest Du denn ? « » Gleich , gnädiges Fräulein , « antwortete Klapperbein . » Das ist die Jungfrau , der ich eine wichtige Nachricht zu bringen habe , « fiel ich ein , » ich kenne sie an der Stimme . « Oberhalb der Treppe ward ein zweites Licht sichtbar , ich drängte den Alten zur Seite und flog eilig die Treppe hinan . Unten hörte ich den Korbflechter noch murmeln : » Kennt meine Herrschaft an der Stimme ! Ueber die Einbildungen ! Und ist doch der Mensch ganz gewiß nicht mehr der Jüngste . Saubere Geschichten ! Ephraim , Ephraim , Du kömmst in die Jahre und magst Dir den Witz schleifen lassen , wenn er künftig hin noch schneiden soll ! « Auguste empfing mich mit banger Verschämtheit . Sie machte mir Vorwürfe über mein spätes Kommen und geleitete mich mit sanfter Eile in ihr liebliches Zimmer . Der Genius weiblicher Ordnungsliebe waltete in diesem zierlich ausgeschmückten Raume . Ein Fortepiano stand am Fenster , darüber hing eine Mandoline . Vor dem einen Fenster duftete ein kleiner Blumengarten . Die warme Nachtluft wehte leis durch die geöffneten Flügel . Ueberall sprach sich ein süßes Behagen aus und reizte zu stillem , verschwiegenem Genusse . Schon wollte ich mich dem ungebundenen Geschwätz überlassen , als ich bemerkte , daß eine dritte Person gegenwärtig sei . Wie ein plötzlicher Nebel den Himmel , störte diese Erscheinung meine aufspringende Freude . Mein innerstes Leben , die Ufer übersprudelnd , ebbte zurück in die Borde zahmer Gewöhnlichkeit . Doch nur Minuten dauerte mein Unmuth . Es war eine volle , verführerisch üppig gebaute Mädchengestalt , die Auguste in die Arme schloß und mich mit lächelndem Gruß bewillkommte . Ein Blick genügte , mir zu sagen , daß dieses Mädchen meine jüngst durch Zufall neu erworbene Bekanntschaft aus der Kirche der heiligen Ursula sei . » Bist Du doch glücklich , Auguste ! « rief die Fremde mit einem fast komischen Seufzer aus . » Dein Geliebter läßt nicht auf sich warten , während mein Oskar grausam genug ist , oft einen ganzen Tag nichts von sich hören zu lassen . Seit gestern ist er wie verschwunden . Ich glaube , er ist in den Rhein gesprungen .