Weisheit am Ende gefruchtet ? wahrscheinlich so wenig , als alle Weisheit auf Erden , sobald ein mächtigeres Gefühl das Steuerruder ergreift . Nun so sei es darum , das Vergangene sei vergangen , nur von der Zukunft dürfen wir unser Heil erwarten , und ihr nicht nur würdig , sondern auch vorsichtig entgegen treten , keinen Schritt zu viel , aber auch keinen zu wenig . Dies sei von nun an Deine Aufgabe , Richard ; die meinige , als treuer Berather und Helfer Dir zur Seite zu bleiben . O , die Zukunft ! was kann , was darf ich Unglücklicher , Namenloser vernünftiger Weise von ihr hoffen oder erwarten ? rief Richard . Alles ! habe nur dazu den Muth , erwiederte Eugen . Zur Erreichung eines weit höheren Zieles , als das Deine , von Andern , die in keiner Hinsicht mehr waren als Du bist , wurden in unsrer vielbewegten ereignißreichen Zeit wohl ganz andere Schwierigkeiten besiegt , als die sind , welche Dir im Wege liegen . Soll ich eine Reihe , aus den verschiedensten Ländern stammende Namen Dir nennen , die vor kurzem aus tiefem Dunkel auftauchend , jetzt als leuchtende Sterne auf der nämlichen Bahn glänzen , die Du Dir erwählt hast ? Und schüttle nur nicht so ungläubig den Kopf ; früher , weit früher als Du denkst , können , werden Ereignisse eintreten , die Dir überflüßige Gelegenheit bieten , auch Deinen Namen jenen glänzenden Erscheinungen , die ich Dir andeutete , anzuschließen . Zwar hörte Helena sehr aufmerksam auf alles , was ihre beiden Brüder , wie sie dieselben noch immer nannte , sprachen , doch ohne deutlich zu fassen , wie sie es eigentlich meinten . Ihr einfacher Sinn verlangte und erwartete von der Zukunft fürs erste nur , daß sie alles bleiben und bestehen lasse , wie es gewesen , so lange sie denken konnte . Richard täglich sehen , in den nämlichen Verhältnissen wie bisher , war alles was , wie sie wähnte , ihr zum Glücklichsein unentbehrlich war ; an eine nähere Verbindung mit ihm kam ihr noch kein Gedanke . Aber die Idee , daß ihre Eltern beabsichtigen könnten , sie in Petersburg zu verheirathen , mit der die Amme sie eingeschüchtert hatte , war ihr unbeschreiblich ängstlich , und sie erklärte schon im voraus ihren festen Entschluß , nie darein zu willigen . Im Übrigen ergab sie sich mit großer Bereitwilligkeit darein , sich Eugens Leitung ganz zu überlassen ; sie versprach ihm , nie , unter keiner Bedingung an Richard zu schreiben . Auch dieser gelobte dem Freunde das Nämliche , der dagegen Beiden verhieß , auch hier als Mittelsperson zwischen ihnen einzutreten , und sie nie ohne gegenseitige Nachricht von einander zu lassen . Richard und Helena brachten von nun an die , bis zur Abschiedsstunde noch verfließende Zeit , in stetem Schwanken zwischen Wonne und Schmerz hin . Zwar sahen sie sich täglich , doch immer nur für kurze abgerissene Momente ; und nur selten mochte es Eugens unermüdlicher Vorsorge gelingen , eine geräuschlose Viertelstunde , die ein ungestörtes Beisammensein ihnen gewähren konnte , ihnen zu gewinnen . Von nun an schlichen die langweiligen Tage träge und bleiern , in ihrer grauen Farblosigkeit einer dem andern völlig gleich , dem verlassenen Richard vorüber . Eugen hielt zwar sein Versprechen , aber wie wenig ist ein Brief für das in Sehnsucht und Ungewißheit zagende Herz ! Mehrere Monate vergingen auf diese Weise , Nataliens Hochzeit war längst in Petersburg mit großer Pracht gefeiert , Helena am Hofe vorgestellt , des Winters Annäherung wurde schon merkbar : da endlich fiel ein heller Morgenstrahl in Richards sternlose Nacht ; das Regiment , bei welchem er stand , wurde nach Petersburg verlegt , er selbst zu einem höheren Dienstgrade befördert . Wiedersehn ! welch ein Zauber liegt in diesem kleinen Worte ! der selbst bis an den Rand des Grabes seine Wunderkraft nicht verliert ; der den Sterbenden ermuthigt , und den Zurückbleibenden dem Übermaße des Schmerzes nicht ganz erliegen läßt . Richards Freude war gränzenlos ; Iwan Yakuchin , dem es im Grunde ziemlich einerlei war , ob er in Moskau oder Petersburg lebe , freute ehrlich und treuherzig sich mit ihm , eben nur , weil Richard sich freute ; denn er für seinen Theil wäre wohl lieber in Moskau bei seinen Bekannten geblieben , wenn man ihm die Entscheidung überlassen hätte , doch ohne Richard nimmermehr . Wie alle guten und bösen Stunden des Lebens , ward auch die für Richards glühende Ungeduld höchst peinliche Zeit der Erwartung bis zum Auszuge des Regiments , und der nicht minder ihn fast zur Verzweiflung bringende langsame Marsch , nebst allen damit verknüpften Beschwerden und Unfällen , endlich überstanden . Eugen nahm bei seiner Ankunft in Petersburg seinen Freund sogleich in Empfang , und Richard erlag fast der überwältigenden Freude dieses Wiedersehens , das der Verkündiger eines noch schmerzlicher ersehnten ihm war . Der Fürst , die Fürstin , Natalia und ihr junger Gemahl , sie alle nahmen mit dem nämlichen herzlichen Wohlwollen , mit welchem sie von ihm geschieden waren , ihren Schützling als ganz zu ihnen gehörend wieder auf . Auch Eugens ältere Brüder fand er in ihrem väterlichen Hause versammelt , und die jahrelange Trennung von den Gefährten seiner Kindheit hatte keinen von ihnen ihm entfremdet . Der älteste , Fürst Isidor , der nur um seine Eltern wiederzusehen , und der Vermählung seiner Schwester beizuwohnen , nach Petersburg gekommen war , suchte auf das Freundlichste ihn zu ermuthigen , und ging auf mehr als halbem Wege dem Jünglinge entgegen , den er vor vielen Jahren in seinem väterlichen Hause als Kind gesehen , und der beim ersten Anblick der ihm ganz fremd gewordenen , imposanten Gestalt des schönen jungen Mannes , zögernd und verlegen vor ihm stand . Anders war es mit dem Fürsten Alex , Eugens zweitem Bruder , welcher in der Zeit ebenfalls zu einem recht stattlichen Marineoffizier