« » Ach Tante , ich glaube es wohl , « erwiederte seufzend Vicktorine , » aber Ihre Jugendzeit war anders und besser als die unsere , und auch das Mädchenleben , in allen seinen Anforderungen und Begebnissen , war gewiß himmelweit von dem unsern verschieden . Daher kann ich mir recht wohl denken , daß auch Sie fühlten wie wir , aber ich kann nimmermehr glauben , daß der Schmerz so gewaltsam zerstörend Ihnen nah getreten sei . Seit Sie jung waren , hat sich alles anders gestaltet , und auch wir sind ganz anders ins Leben hingestellt als Sie es waren . Bei Ihnen war Ruhe und Ordnung ; wir aber schiffen auf bewegtem Meer , jauchzend werden wir von der hohen Brandung zum Hafen getragen , oder finden , von ihr zerschmettert , am nächsten Felsenriff ' unser und unsrer Hoffnungen Grab . Jedes Lebensschiff ist jezt das Spiel der Windesbraut der Zeit , jede Bewegung ist Kampf . « » Die Form mag sich freilich , seit ich jung war , sehr verändert haben , « erwiederte die Tante , » aber das innere Wesen der Dinge verändert sich nie , und der Glaube ist kindisch , wenn gleich ziemlich allgemein , daß die Welt , weil wir sie betreten , sich durchaus umgestalten mußte . « Vicktorine schwieg erröthend , und jene fuhr , sehr ernst werdend zu reden fort , indem sie auch Angelikas Hand ergriff , welche inzwischen wieder in das Zimmer gekommen war . » Kinder , « sprach Tante Anna , » ich bin nicht daran gewöhnt , viel von mir selbst zu reden , aber ich liebe Euch mütterlich und habe es in diesen Tagen recht ernstlich bei mir selbst überlegt : ob ich nicht wohl daran thäte wenn ich Euch auch meine Jugend erzählte . Ich glaube , daß Dein Muth , meine Angelika , vielleicht gestärkt und erhöht wird , wenn Du an meinem Beispiele siehst , daß es ein noch herberes Leid geben kann als das Deine , und daß es dennoch möglich sei es zu tragen und dabei zu leben . Und Du , meine Vicktorine , kannst vielleicht lernen , daß die Liebe in Deinem jungen Herzen noch nicht das höchste Werk des alten Meisters ist , nicht die einzige Axe , um die für Dich die Welt sich drehen muß , und daß das , was Du dein Unglück nennst , nicht eine Art von Adelsbrief ist , der vor Andern Dich auszeichnet ; denn wir alle wurden geboren zu lieben , zu leiden , und am Ende in stiller , frommer Ergebung unser wahres Glück zu finden . Den ersten Abend , an welchem wir Drei ruhig und allein bei einander sind , denke ich dieser ernsten Unterhaltung zu weihen , obgleich ich vielleicht nicht ganz gleichgültig und ohne Schmerz daran gehen werde , so manchen längst besiegten bösen Tag noch einmal in der Erinnerung zu durchleben . « » Höre Babet , « fragte Agathe ihre Schwester , Abends beim Auskleiden , » wie gefällt dir Angelika ? « » Ach , geh ' mir mit der , die ist mir viel zu mattherzig , « erwiederte Babet verdrüslich . » Ja es ist wohl wahr , viel Leben hat das arme Ding freilich nicht , « erwiederte Agathe mit einem kleinen Achselzucken , aber gut muß man ihr doch sein . Sieh nur , was für ein großes Stück sie mir , während dem Vorlesen , an meiner Garnirung weiter half . « » Die Tante hat doch wirklich viel Geschmack , « setzte Agathe nach einer kleinen Pause hinzu , während welcher sie das neue Kleid wohlgefällig betrachtete ; » und sie ist dir auch noch sonst gar nicht so übel als wir anfangs meinten . Denk nur , sie weis alles von mir und dem Lieutnant , und dabei ist das das wunderlichste , daß ich ihr das meiste selbst erzählt habe ; ich begreife noch bis diese Stunde nicht , wie ich dazu gekommen bin . « » So ? und was sagte sie denn dazu ? « fragte Babet ganz trübseelig , denn sie überlas eben zum dreissigsten male des blonden Theodors Abschiedskarte , die sie vorhin im Wohnzimmer heimlich vom Spiegel mit weggenommen hatte . » Ach , es war recht wunderlich , « erwiederte Agathe , sie lachte und sagte : » nun mit diesem Herzchen hat es wohl fürs erste keine Noth , das nimmt es wohl noch mit einem ganzen Dutzend hübscher Blond- und Schwarz-Köpfe auf . War das nicht recht frivol gesprochen von einer so alten Person ? Hernach aber ward sie auch wieder mit einemmale ganz ernsthaft , und gab mir gute Lehren , und sagte mir allerlei darüber , wie ich mich gegen den Schwarzen zu benehmen habe . « » So hat sie Dich doch am Ende recht ausgescholten ; « murmelte Babet vor sich hin . » Gescholten ? Ach nein , nicht sehr , nur ein ganz klein bischen , « antwortete Agathe , » und Du wirst es kaum glauben , aber es ist doch wahr , sie hat mir ganz von selbst versprochen , daß er zu der ersten Gesellschaft gebeten werden soll die wir geben , und das geht auch recht gut an , denn Visite hat er beim Onkel gemacht , ich habe selbst die Karte gesehen . Und dann soll er auch mich zu Tische führen und neben mir sitzen dürfen , aber dafür mußte ich ihr auch versprechen , ihr nichts von dem zu verheimlichen was unter uns vorgeht . « » Und das hast Du auch gethan ? « fragte Babet . » Das wohl nicht , « war die Antwort , » ich habe ihr natürlicherweise gesagt , daß ich ihr unmöglich ein jedes Wort wiederklatschen könne , was wir beide miteinander reden , und damit war sie denn auch zufrieden . Sie lachte wieder recht von Herzen ,