die Gräfin , und es scheint mir eine große Schwäche des Geistes und des Charakters anzudeuten , daß der gute Kaiser nach solchen Erfahrungen wie ein ganz gewöhnlicher Comödienvater sich benahm , und statt zu strafen vergab und vergaß . Ich hätte an seiner Stelle den Herrn Grafen laufen lassen , die saubere Helena aber in ein Kloster gesteckt , um - nicht die Leidenschaft , der sie gefolgt war - wohl aber die Lieblosigkeit ihrer kindlichen Gesinnung gehörig zu büßen . Daß die gefühllose Tochter dies verdient hätte , bestreite ich nicht , unterbrach sie Erna , aber sollte , was Ihnen Armuth des Geistes dünkt , nicht eher ein Reichthum des Herzens gewesen seyn , der den Kaiser vielleicht unwillkührlich bewog , nicht als Richter , sondern nur als Vater zu handeln ? Wie der Ocean den Tropfen verschlingt , daß keine Spur mehr sein kurzes Daseyn verräth , so tilgt die Liebe durch ihre unüberschwängliche Fülle ja auch die einzelnen Kränkungen und Beleidigungen aus , die uns von außen kamen , denn die Liebe überwindet alles , und vergiebt alles . - Mit brennenden Blicken lauschte Alexander ihren Worten , die so tröstlich die dunkle Wolke seines Schicksals mit dem goldenen Saum der Hoffnung zu schmücken schienen . Erröthend bemerkte sie die hochgespannte Achtsamkeit , mit der er ihr zuhörte , und setzte , Misverständnissen vorbeugend , hinzu : die himmlische Liebe nämlich , die das eigentliche Leben ist , und die Nacheiferung dessen , der seine erwärmende Sonne Bösen und Guten scheinen läßt , und seinen erquickenden Regen über Gerechte und Ungerechte vertheilt , und die , weil sie nicht im Irrdischen , sondern in einer höheren Region ihr Wesen gründete , unsterblich ist , und unsterblich macht . Sie wandte sich hierauf wieder zu den Gemälden , und die Lebendigkeit , mit der sie nach ächt weiblicher Art sich in der Geschichte wenig um die Heldenthaten berühmter Männer , desto mehr aber um die kleinen individuellen Züge ihres Privatlebens und um die zeitgemäßen Eigenheiten ihrer Sitten bekümmert hatte , und die Genauigkeit , mit der ihr treues Gedächtnis sich ihrer erinnerte , charakterisirte ihr Geschlecht auf eine sehr anmuthige Weise , und nahm ihrem Wissen , das sie unbefangen und freudig aussprach , jeden pedantischen Anstrich gesuchter Gelehrsamkeit , da es nur als freundlicher Antheil an dem menschlich empfundenen Wohl oder Weh der längst in Staub Verwandelten erschien . Es machte ihr Vergnügen , mit dem Gesandten , der die Geschichte als sein Lieblingsstudium trieb , ein kindlich neckendes Examen anzustellen , in welchem er oft nicht zu bestehen im Stande war , da sie begehrte , er solle in die größten Einzelnheiten eingedrungen seyn , und immer mehr den Menschen , als seinen öffentlichen Charakter im Auge behalten haben . Er hingegen , der Würde des historischen Zwecks sich bewußt , und ihn auf höheres beziehend , als auf das eigentlich menschliche Leben , von dem schon Salomon behauptet , daß es nichts neues zu bieten habe , hatte ihn im Allgemeinen aufgefaßt , und weniger enge Gränzen der Uebersicht sich gezogen . Wohlgeordnet wußte er die allmählich aus der Nacht hervortretenden Fortschritte der Bildung nach ihrer Zeitfolge sich vorüber zu führen , aber von dem eigentlich Häuslichen , Herzlichen der Vergangenheit , das für Erna die Hauptsache war , hatte er keine Notiz genommen . Daher als sie jetzt vor Otto des Großen Bilde standen , wußte er zwar in der möglichst chronologischen Ordnung darzuthun , daß dieser seltene , wahrhaft große Mann im Jahr 937 in Aachen von Hildebert , Erzbischoff zu Mainz gekrönt worden sei , tapfer als Kriegsheld für Recht und deutsche Ehre gekämpft , ritterlich seine Feinde überwunden , stets einen frommen gottseligen Wandel geführt habe , und im Jahr 973 in Quedlinburg unter heiligen Betrachtungen der sieben letzten Sterbensworte des Erlösers sanft und selig verschieden sei , worauf man seinem entseelten Leichnam die Ruhestätte in Magdeburg angewiesen , das , durch die Durchzüge barbarischer Völker verwüstet , von ihm neu gegründet , und durch den ehrwürdigen Dom daselbst wahrhaft kaiserlich für alle Zeiten ausgestattet worden sei . Als nun aber Erna ihn fragte , was der große Kaiser einst am Osterfeiertag in Pavia erfahren , und welche mächtigeren Feinde als ein Kriegsheer von außen , er rühmlich damals in seinem Innern bezwungen habe , wußte er ihr nicht Rede und Antwort zu geben . Triumphirend , ihn belehren zu können , trug sie daher im Chronikenton ihm die Begebenheit vor , die sich da ereignete , und lächelte gutmüthig über sich selbst , indem sie , wie sie sagte , vor einem so gründlich unterichteten Publicum als Lehrerin der Geschichte auftrat . Als nämlich einst Otto das Osterfest in Pavia beging , wurde seine Tafel unter andern Speisen , auch mit einem Osterfladen besetzt , dessen köstlicher Duft einen jungen Herzog von Schwaben , der sich am kaiserlichen Hof aufhielt , zu lüsterner Begierde reitzte . Ohne das genäschige Verlangen nach dem Genuß dieses Fladens mäßigen zu können , oder zu wollen , erdreistete er sich , ehe noch der Kaiser herein getreten war , ein Stück davon abzubrechen . Ergrimmt wurde der Truchses diese Verletzung schuldiger Ehrfurcht gegen Kaiserliche Majestät in der frevelhaften Verunzierung seiner Tafel gewahr , und erhob seinen Stab , das knabenhafte Beginnen des jungen Herzogs zu züchtigen . Aber unglückseliger Weise verwundete er ihn , und der Hofmeister desselben , Herr Heinrich von Kempten wurde durch das Blut seines Zöglings , das er fließen sah , so in Wuth versetzt , daß er den Truchses , diese Schmach zu rächen , auf der Stelle niederstieß . Als nun der Kaiser in der Absicht , sein Mahl zu halten , herein trat , und den treuen Diener ermordet zu seinen Füßen erblickte , entbrannte er in ungemessenem Zorn , und befahl , den Thäter augenblicklich hinzurichten . Da warf sich der Hofmeister zu seinen Füßen , und flehte nur um ein kurzes Gehör ,