ich so lange schwieg . - Du mußt eingestehen , daß ich mir eine seltene geistige Herrschaft über alles , was mich im Leben umgibt , zu erringen gewußt , und ich glaube , daß dies dem Weibe leichter ist als Euch . Freilich gehört nichts Geringeres dazu , als daß außer jenem unnennbaren unwiderstehlichen Reiz der äußern Gestalt , den die Natur dem Weibe zu spenden vermag , dasjenige höhere Prinzip in ihr wohne , welches eben jenen Reiz mit dem geistigen Vermögen in eins verschmilzt und nun nach Willkür beherrscht . Es ist das eigne wunderbare Heraustreten aus sich selbst , das die Anschauung des eignen Ichs vom andern Standpunkte gestattet , welches dann als ein sich dem höheren Willen schmiegendes Mittel erscheint , dem Zweck zu dienen , den er sich als den höchsten , im Leben zu erringenden gesetzt . - Gibt es etwas Höheres , als das Leben im Leben zu beherrschen , alle seine Erscheinungen , seine reichen Genüsse wie im mächtigen Zauber zu bannen , nach der Willkür , die dem Herrscher verstattet ? - Du , Viktorin , gehörtest von jeher zu den wenigen , die mich ganz verstanden , auch du hattest dir den Standpunkt über dein Selbst gestellt , und ich verschmähte es daher nicht , dich wie den königlichen Gemahl auf meinen Thron im höheren Reiche zu erheben . Das Geheimnis erhöhte den Reiz dieses Bundes , und unsere scheinbare Trennung diente nur dazu , unserer phantastischen Laune Raum zu geben , die wie zu unserer Ergötzlichkeit mit den untergeordneten Verhältnissen des gemeinen Alltagslebens spielte . Ist nicht unser jetziges Beisammensein das kühnste Wagstück , das , im höheren Geiste gedacht , der Ohnmacht konventioneller Beschränktheit spottet ? Selbst bei deinem so ganz fremdartigen Wesen , das nicht allein die Kleidung erzeugt , ist es mir , als unterwerfe sich das Geistige dem herrschenden , es bedingenden Prinzip und wirke so mit wunderbarer Kraft nach außen , selbst das Körperliche anders formend und gestaltend , so daß es ganz der vorgesetzten Bestimmung gemäß erscheint . - Wie herzlich ich nun bei dieser tief aus meinem Wesen entspringenden Ansicht der Dinge alle konventionelle Beschränktheit verachte , indem ich mit ihr spiele , weißt du . - Der Baron ist mir eine bis zum höchsten Überdruß ekelhaft gewordene Maschine , die , zu meinem Zweck verbraucht , tot daliegt wie ein abgelaufenes Räderwerk . - Reinhold ist zu beschränkt , um von mir beachtet zu werden , Aurelie ein gutes Kind , wir haben es nur mit Hermogen zu tun . - Ich gestand dir schon , daß Hermogen , als ich ihn zum ersten Male sah , einen wunderbaren Eindruck auf mich machte . - Ich hielt ihn für fähig , einzugehen in das höhere Leben , das ich ihm erschließen wollte , und irrte mich zum erstenmal . - Es war etwas mir Feindliches in ihm , was in stetem regen Widerspruch sich gegen mich auflehnte , ja der Zauber , womit ich die andern unwillkürlich zu umstricken wußte , stieß ihn zurück . Er blieb kalt , düster verschlossen und reizte , indem er mit eigner wunderbarer Kraft mir widerstrebte , meine Empfindlichkeit , meine Lust den Kampf zu beginnen , in dem er unterliegen sollte . - Diesen Kampf hatte ich beschlossen , als der Baron mir sagte , wie er Hermogen eine Verbindung mit mir vorgeschlagen , dieser sie aber unter jeder Bedingung abgelehnt habe . - Wie ein göttlicher Funke durchstrahlte mich in demselben Moment der Gedanke , mich mit dem Baron selbst zu vermählen und so mit einemmal all die kleinen konventionellen Rücksichten , die mich oft einzwängten auf widrige Weise , aus dem Wege zu räumen ; doch ich habe ja selbst mit dir , Viktorin , oft genug über jene Vermählung gesprochen , ich widerlegte deine Zweifel mit der Tat , denn es gelang mir , den Alten in wenigen Tagen zum albernen zärtlichen Liebhaber zu machen , und er mußte das , was ich gewollt , als die Erfüllung seines innigsten Wunsches , den er laut werden zu lassen kaum gewagt , ansehen . Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke der Rache an Hermogen , die mir nun leichter und befriedigender werden sollte . Der Schlag wurde verschoben , um richtiger , tötender zu treffen . - Kennte ich weniger dein Inneres , wüßte ich nicht , daß du dich zu der Höhe meiner Ansichten zu erheben vermagst , ich würde Bedenken tragen , dir mehr von der Sache zu sagen , die nun einmal geschehen . Ich ließ es mir angelegen sein , Hermogen recht in seinem Innern aufzufassen , ich erschien in der Hauptstadt , düster , in mich gekehrt und bildete so den Kontrast mit Hermogen , der in den lebendigen Beschäftigungen des Kriegsdienstes sich heiter und lustig bewegte . Die Krankheit des Oheims verbot alle glänzende Zirkel , und selbst den Besuchen meiner nächsten Umgebung wußte ich auszuweichen . - Hermogen kam zu mir , vielleicht nur um die Pflicht , die er der Mutter schuldig , zu erfüllen , er fand mich in düstres Nachdenken versunken , und als er , befremdet von meiner auffallenden Änderung , dringend nach der Ursache frug , gestand ich ihm unter Tränen , wie des Barons mißliche Gesundheitsumstände , die er nur mühsam verheimliche , mich befürchten ließen , ihn bald zu verlieren , und wie dieser Gedanke mir schrecklich , ja unerträglich sei . Er war erschüttert , und als ich nun mit dem Ausdruck des tiefsten Gefühls das Glück meiner Ehe mit dem Baron schilderte , als ich zart und lebendig in die kleinsten Einzelheiten unseres Lebens auf dem Lande einging , als ich immer mehr des Barons herrliches Gemüt , sein ganzes Ich in vollem Glanz darstellte , so daß es immer lichter hervortrat , wie grenzenlos ich ihn verehre , ja wie ich so ganz in ihm lebe , da schien immer