eben so empfunden , so lange er sich dem Ungleichartigen entgegenstellend , Sitte und Sinnesart und Menschen aus der Ferne an sich vorbeigehen ließ , das war die unbewundene Strenge , die noch kein vermittelndes Element mildern konnte . Alles was der hochherzige Jüngling im gerechten Unwillen sagte , hatte ihn ja auch tausendmal durchzuckt , seinen Zorn entflammt und tiefe , unbezwingliche Verachtung in seine Seele gelegt . Und nichts war anders geworden , alles noch heute so wahr und doch sein Gefühl so himmelweit verschieden ! Wenn Haß eine Strafe unserer Sünden ist , dachte er , womit , Ewiger , habe ich es verdient , daß ich lieben durfte , wo Andre das empörte Herz abwenden . Er erschrak über die dreiste Frage , und sahe schüchtern und verlegen , als habe ein Mensch in sein Innres gelesen , im Kreise umher . Nicht weit von ihm stand ein fein gebaueter , sehr schlanker Offizier , das helle Haar lag schlicht und kurz an beiden Seiten der Schläfe , reine blaue Augen sahen bescheiden und mehr im sinnigen Nachdenken mit sich als Andern beschäftigt , vor sich nieder , sein Gesicht war kurz , fast kindlich gerundet , die Züge klein . Er hatte noch wenig geredet , seine Freude , dies Land zu verlassen , schien still und bestimmt . Das Widerwärtige lag schon weit hinter ihm . Jetzt zog er aus einer grünen Saffiantasche ein kleines Buch , er hielt es behend und sauber , der Deckel war von mattem Golde , auf der einen Seite sahe man die Verkündigung , auf der andern die Verklärung sehr sauber in Oel gemalt . Er blies fast ängstlich die anfliegenden Stäubchen ab , öffnete es und zu einem nahe stehenden Freunde gewandt , sagte er mit angenehm nordischem Organ : der Kreis wird nun bald geschlossen sein , wer weiß welche Blume die Endpunkte des Kranzes verbindet . Nur keine französische Immortelle , entgegnete sein Nachbar lächelnd , er hielt den Finger , ohne das Blatt zu berühren , gegen die aufgeschlagene Seite des Buches . Nicht doch ! rief jener fast unwillig , du weißt ja , dies alles sind die Blüthen eines Jahres , soll das schöne französische Mädchen nicht auch ihren Platz finden dürfen ? Auf dem feinen , fast listigen Gesicht des Andern , spielte unaufhörlich neckender Muthwille , o ja , erwiederte er unbefangen , da kann sie recht schön stehn , sie nimmt just keiner bessern den Raum weg , und es ist auch um des Contrastes willen gut . Was diese Lippen übrigens für eine Sprache reden , fuhr er fort , eine leicht entworfene Zeichnung betrachtend , ist doch wirklich keine Frage , man sieht das krause Gelispel aus dem zugekniffenem , nur in der Mitte spitz geöffnetem Munde , kann da wohl ein herzliches Wort heraus ? Er hatte dies Letztere in französischer Sprache , zu Alenzo gewendet , gesagt , der es höchst verlegen , unter fliegendem Erröthen bejahte . Dieser suchte indeß die innere Bewegung unter einer äußeren zu verbergen , indem er angelegentlich auf die vorgehaltene Zeichnung sahe , und sie in allen ihren Theilen zu studiren schien . Der Besitzer des kleinen Buches schlug gefällig noch einige andere Blätter um , und vergönnte Alonzo in das zarteste Blüthennez kindlicher , unendlich sinnvoller Gedankenspiele hineinzusehen . Hier , sagte er , hat alles was in dieser unermeßlichen Zeit im tiefsten Schmerz , in der reinsten Freude meine Seele durchzog , was Freundschaft mir gegeben , was Liebe mich ahnden ließ , duftige , traumartige Gestalt gewonnen , der Hauch , der von diesen Bildern wehet , denke ich , soll mein ganzes Leben erfrischen . Alonzo blätterte in dem Arabeskengedicht , Blumenkelche schlossen sich auf , helle Menschengesichter sahen aus dem geheimnißvollen Blätterkragen hervor , kühne Heldensänger auf fliegendem Pferde Regenbogenbrücke erstürmend , ernste Schlachtscenen , tiefsinnige , trauernde Liebe , Engelsköpfe aus Passionsblumen , unverbrüchlicher Treue fester Bund , alles rankte sich phantastisch an Erlebtem und Gedachtem hin . Was eine treu bewahrte Seele in demüthigen Schauern hier geahndet , es war auch Liebe , freundliche allumfangende Engelsliebe , nirgend ein Zwiespalt , nirgend Kampf , keine Spur von unausreichendem Weltsinn , das ganze verderbte Frankreich war so rein an der unbefleckten Einbildungskraft hingegangen , nichts als das zarte Mädgenbild fiel in die Erinnerung zurück . Alonzo schloß beschämt das Buch , er gab es dem stillen Jüngling wieder , ohne seinen Blick zu suchen , die Bilder gaukelten fast ängstlich vor ihm her , was sich auf so ruhiger Fluth zurückgespiegelt , wie sollten die dunklen Wellen das bewahren ? Doch was er heut gesehen und gehört , es war nichts gegen die Qual der folgenden Tage . Alle verbündete Truppen fort , kein verwandtes gleichfühlendes Wesen zu finden , das dreiste laute Geschrei der Eingebohrnen oben auf , kein andrer Ton in den Straßen als dieser eine ! Ganz dumpf und hohl schlugen die Klänge zum erstenmale wieder an sein Ohr , wie geächtet wand er sich dann umher , alles Leben schien geschwunden , die Angst der Verdammniß klemmte ihm die Brust . Ich unter diesen ? fragte er sich besinnend ? - Er flog zu Blansche , sie war in der Messe , ihre Mutter unwohl , verstimmt , der Aufenthalt im Kloster fing an diese zu drücken , die Einsamkeit machte sie schwer , alles haftete an ihr , sie empfand ihr Unglück mit ungekannter Herbigkeit , gleichwohl war der Entschluß hier einige Zeit zu verleben , einmal ausgesprochen , ohne Unanständigkeit war daran nichts zu ändern , so suchte sie denn ihren Kreis zu erweitern , sie war sich das schuldig , sie zog ihre Freunde herbei . Zum erstenmale fand Alonzo mehrere , bis jetzt ungekannte Glieder der Familie bei Frau von Saint Alban versammelt . Die fremden Gesichter fielen ihm unangenehm auf . Man empfing ihn ziemlich leichthin , das Gespräch ward wie es war ,