Seine Aufmerksamkeit auf das Körbchen , das er erkannt haben mochte , hinderte ihn , mich sogleich zu bemerken . Im ersten Taumel der Freude war ich unfähig , Ueberlegungen anzustellen . Ich folgte dem Zuge , der mich gewaltsam zu ihm riß , ich rief ihn beim Namen , er erkannte mich , und ich fühlte in seinen Armen , an seinem sprachlosen Entzücken , daß mich meine Hoffnungen nicht getäuscht hatten , daß ich noch eben so sehr in seinem Herzen lebte , wie zu jener Zeit , da wir , als schuldlose Kinder , ungestört , ungetrennt von ernsten Verhältnissen , mit einander spielten . Ich weiß nicht , wie lange der glückliche Rausch währte , in welchem ich , Alles um mich her vergessend , an seiner Brust lag , und kein anderes Gefühl , als des namenlosen Glückes kannte , den Gegenstand meiner unaussprechlichen Liebe wieder gefunden zu haben . Warum konnte ich nicht in diesem Augenblicke sterben ? Warum mußte ich zum Bewußtseyn meines Unglücks erwachen ? Demetrius Bild , das Bild meiner Pflicht stieg schreckend vor mir empor . Dieser plötzliche Uebergang , und vielleicht die heftige Erschütterung einer so fremden Empfindung , als mir die Freude ist , schlug meine Kraft nieder , ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe . Von ihm unterstützt , von ihm bedauert , an seiner Brust sank ich bewußtlos hin , und wäre so glücklich , so gern in seinen Armen vergangen ! Seine Stimme , dieser süße wohlbekannte Klang , rief mich in ' s Leben zurück . O meine Junia ! in welches Leben ! Die erste Regung des wiederkehrenden Bewußtseyns mußte ich anwenden , um ihm zu sagen , daß wir auf ewig getrennt sind . Er verstand mich nicht , ich glaube es wohl , seine Begriffe sind wahrscheinlich hierin von den meinigen sehr verschieden . Ich bat ihn , mich zu verlassen , er konnte sich nicht entschließen . Ich zitterte vor seinem längern Bleiben , vor der Schwäche meines Herzens , vor dem Verlöschen des Ueberrestes von Kraft , den ich in mir fühlte . Doch gelang es mir . Sein schönes Gefühl verstand mich . Er verließ mich . Als er fort war , als ich das Ende seines Mantels hinter den Hecken verschwinden sah : da - da fühlte ich erst die ganze Größe meines Verlustes , mein ganzes Unglück und seines ! Meine Thränen floßen von Neuem so unaußhaltsam , daß , als meine Frauen kamen , sie mich beinahe zurücktragen mußten . Aber , o meine Junia ! wie gern wollte ich leiden , Alles , was Gott über mich zu verhängen für gut fände , wenn ich sein edles Herz von dieser Last befreien könnte ! Der Gedanke , noch so treu , so warm von dem Besten aller Menschen geliebt zu seyn , war in dem ersten Augenblicke mir eine Quelle unaussprechlicher Freuden - ist ' s noch manchmal in einer schwachen Stunde : aber ich kann es vor Gott bezeugen , daß den größten Theil der Zeit , die seitdem verflossen ist , mein zerrissenes Gemüth mit inniger Ueberzeugung wünscht , daß er mich vergessen , daß er seine Ruhe wieder finden , und so glücklich werden möchte , als sein Herz verdient ! Was kann - was soll ich jetzt thun ? Mein Gewissen ruft mir oft genug zu , daß jeder leidenschaftliche Gedanke an ihn eine Verletzung meiner Pflichten gegen Demetrius ist , dem ich vor Gottes Angesicht Treue und Liebe bis an den Tod geschworen habe . Nun - Liebe konnte ich nicht geben , und Demetrius in seinen Jahren verlangte sie auch nicht ; aber die Treue bin ich verpflichtet zu halten , und diese bricht nicht blos das äusserste Vergehen , zu dem ein Weib herabsinken kann , es bricht sie auch die allzuzärtliche Neigung für einen Andern . Diese Ueberzeugung und die Achtung für meine Pflicht war bis jetzt lebendig genug , um mir Kraft zur Befolgung des Weges zu geben , den ich mir als den einzig richtigen vorgezeichnet habe . Ich habe Agathokles seitdem nicht mehr gesehen . Die Erschöpfung , in welcher ich mich seit jener Scene befinde , und die wahrscheinlich an Krankheit grenzt , hat mir bis jetzt zum schicklichen Vorwand gedient , nirgends zu erscheinen , wo ich ihn treffen könnte . Was das mich kostet , weiß nur Gott , vor dessen Vaterblicke ich mein wundes Herz enthülle , der allein Zeuge meiner einsamen Thränen ist . Aber wie werde ich es in der Länge behaupten können ? Agathokles dient unter den Truppen , die dem Befehl meines Mannes gehorchen ; er ist seit einigen Tagen zu seinem Legaten ernannt worden , er wohnt in unserm Hause , ich kann es in die Länge nicht vermeiden , ihn zu sehen , und mit ihm umzugehen . Demetrius Gemüthsart , die sich langsam und schwer an neue Gegenstände gewöhnt , machte ihn im Anfange auch gegen Agathokles rauh . Du kannst aus meiner Unwissenheit über seine Gegenwart in unserm Hause schließen , wie wenig Aufmerksamkeit ihm Demetrius schenkte . Das fängt an sich zu verlieren . Ich höre meinen Mann oft , und immer mit größerer Achtung von den Fähigkeiten , den vorzüglichen Sitten , der Entschlossenheit u.s.w. seines neuen Legaten sprechen . So wohl mir dieses Zeugniß für Agathokles Tugenden aus dem Munde eines so strengen Richters thut , so sehe ich doch den Augenblick herannahen , wo er ihn in den Kreis der Wenigen ziehen wird , die er mit seinem Vertrauen beehrt , und gern und oft um sich hat . Was bleibt mir dann für eine Zuflucht übrig ! Welche Kämpfe stehen mir , welche Leiden dem Unglücklichen bevor , dem ich so gern jedes unangenehme Gefühl ersparen möchte ! Es wird nicht dabei stehen bleiben , es wird zu Fragen , zu Erklärungen kommen , die ich nicht vermeiden , und eben so wenig ganz nach der