sie dem Lebenswerthen möglichst den Weg zum allgemeinen Futtertrog versperren , um ihren werthlosen Windbauch vollzustopfen . - Kurz , wo immer eine geniale Natur sich erhebt , da folgt ihr instinktiv der Haß aller Feigen und Schlechten . Das ist der Schatten , den das Genie wirft , und gleichsam seine natürliche Beglaubigung . Nach Erledigung dieser Erklärung , empfehle ich mich hiermit statt jeder besonderen Meldung meinen Berliner Freunden vom Geschäft , besonders den liebenswürdigen Schauspielern , die dem Drama Leonharts - pardon , Graf Krastiniks - eine so begeisterte Theilnahme entgegenbrachten , vor allem Herrn Direktor L ' Arronge . Die Tantièmen der Meeresbraut , welche in Berlin nach Verabredung deponirt wurden , bestimme ich hiermit zu einem Grabdenkmal für meinen großen unglücklichen Freund . Einer löbl . Redaction ergebener Graf Xaver Krastinik . « Schon am andern Tage fielen die Berliner Zeitungen über ihn her . Krastinik las sie ruhig durch und trank als Magenstärkung einen Oranje-Bitter . Den Menschen kann man nicht die Mäuler verbieten . So tadele denn Jeder nur getrost am Anderen , was er im eignen Busen wiederfindet ! Die Frechheit , womit dies Volk über Ungewöhnliches urtheilt , entspricht nur der allgemeinen Ichsucht , deren krankhafte Kleinlichkeit sich berechtigt glaubt , alles zu kennen und zu beurtheilen , was grade in dem Bannkreis ihres eigenen winzigen Lebenskreises durch flüchtigen Zufall an ihnen vorüberhuschte . Und wäre es das Größte , sie ziehen es zu dem alltäglichen Nichts ihrer gleichgültigen Existenzen herab und beschimpfen keck , was zu hoch über ihnen steht , um sich vertheidigen zu dürfen . Souveraine duelliren sich nicht . Eins aber schien jetzt unbedingt nöthig : Daß er Ernst machte mit seiner Absage an das litterarische Geschwätz . Ja , gewiß war er ein echter Dichter , aber er mußte sich tödten , wie der Manne auf des Germanenherzogs Grab , auf der Leiche eines so unendlich größeren Dichters , von dessen Ruhm er unfreiwillig gezehrt . Wie sonnenhell lag im Anfang seine neue Laufbahn vor ihm da ! Welch glückliche Zeit , wo er keine andere nagende Furcht kannte , als die , nicht früh und voll genug fertig zu werden , wo vor seinem Geiste endlose Bilder sich drängten , die er vergeblich alle zugleich zu beschwören hoffte und die sich in seinem schaffenden Gehirne stießen ! Aber ach , die ganze Poesie , welche vor seinen trunkenen Blicken schwankte , löste sich auf und zersplitterte sich in endlose Fragmente , von denen Keines vollendet ward . Durfte er glauben , daß in jenen Kindheitstagen seiner litterarischen Anfängerschaft die echte Poesie , der echte Schöpferdrang in ihm thätig gewesen ? Nein . Seine Jambentragödien waren historische Schulübungen , deren letzten Refrain doch immer das gegenseitige Schwertergeklirr abgab . Und so ging er denn aus Heldenstück der Selbstüberwindung . Bei der Abreise von Berlin hatte er natürlich sein Theuerstes , seine Manuscripte , mit sich geführt . Nun öffnete er das bisher unberührte Fach seines Koffers und häufte seine Schätze vor sich auf . Lange durchwühlte er diese Fragmente historischer Dramen , die er mit Leonhart einst durchgesprochen . Er wischte mit dem Finger über die Wimper , als müsse er dort eine Thräne zerdrücken . Doch sein Auge blickte kalt und starr . Mit einem kräftigen Ruck raffte , er sich zusammen und packte die Manuscripte und warf sie in die helllodernden Flammen des Kamins . Rasch wandte er sich dann ab , wie um das Unheil nicht zu sehen . Erst als die Papiere schon halb verkohlt und zu Asche verbrannt , richtete er seinen Blick darauf . Und mit bebendem Herzen zwang sich ihm auf die Lippen das Lied : Lebt wohl ihr Alle , die einst gelebt In meiner Seele , die euch belauscht ! Ihr Heldenschmerzen , die mich durchbebt , Ihr Völkerkunden , die mich berauscht ! Hinab hinab , versunkener Hort ! Die Welt soll nimmer Dich wiedersehn . So mag das ewige Dichterwort Mit all der anderen Spreu verwehn ! Aber kaum hatte er so in Erhabenheit geschwelgt , als eine innere Stimme ihm mahnend ans Ohr schlug : Hüte Dich , hüte Dich vor neuem Rückfall in das Laster der Andern , vor kindisch selbsttäuschendem Größenwahn ! Das ewige Dichterwort ? Meinst Du wirklich Dich selber ? Wer gab Dir das Recht dazu , Deine hübschen Theatralika à la Heinrich v. Kleist gleich für etwas Besonderes zu halten , in einer Zeit , wo ein großer Dichter an Deiner Seite schritt ? Krastinik versank in tiefes Nachdenken über sich selbst und das allgemeine Problem einer geistigen Thätigkeit , die doch eigentlich direkt der rohen Realität zuwiderläuft . Es ist unwahr , daß Physisches und Psychisches sich ergänzt . Der Eine wird mit überwiegend physischer Kraft geboren , welche sich als sogenannte Lebensfrische offenbart , - weswegen die realistische englische Sprache auch kräftige Lebhaftigkeit kaltblütig » animal spirits « ( thierische Lebensgeister ) nennt . Diese Anlage überwiegt vor allem bei den Frauen . Da aber das psychische Element in Jeder menschlichen Natur liegt , so hindert es fortwährend die freie Entfaltung des Physischen . Denn ist die geistige Fähigkeit eines solchen Individuums eine geringe , so sucht es durch Fleiß und Studium sich zu Höherem aufzuschwingen , verkümmert sich aber nur den physischen Genuß , ohne geistlge Resultate zu erreichen . Und sind die geistigen Fähigkeiten nicht unbeträchtlich , so erkennt ein solches Wesen bald die Nichtigkeit , des Thierischen , kritisirt an sich herum , fühlt die gähnende Lücke seines Innern , bewundert das Höhere , ohne sich zur geistigen Arbeit aufraffen zu können , weil eben das physische Element von Natur aus zu mächtig in ihm . Dies sind all die zerrissenen , zerfahrenen und in falschem Sinne romantischen Naturen . - Der Andre wird mit überwiegend psychischem Element geboren . Ihn hindert nun das schwache physische Element entweder durch Kränklichkeit im geistigen Schaffen , oder die sich stärkende physische Natur rebellirt gegen die übermäßige