Und nun schicken Sie mir den Doktor , ich will mich noch einmal trösten lassen . Die Schmerzen kommen wieder , und sein Opium ist mein bester Trost . « Hirschfeldt ging , um den alten Leist hinaufzuschicken . Dieser verordnete dem Kranken eine neue Dosis von seiner » Crocata « , sprach eingehend von » Anno zweiundneunzig « und der Kanonade von Valmy und schloß nicht bloß mit der Versicherung , daß in höchstens sechs Wochen alles wieder in Ordnung sein würde , sondern empfahl ihm auch aufs ernsthafteste , bei der bevorstehenden Reise nach Breslau , lieber in Sagan als in Sorau übernachten zu wollen . Er machte dies so gut und so geschickt , daß Tubal einen Augenblick über seine wirkliche Lage getäuscht wurde . Aber nicht auf lange . Denn in der Tat , es ging rasch zu Ende , rascher noch , als der alte Doktor erwartet hatte . Um acht kam Seidentopf , und die Schorlemmer ging jetzt nach oben , um den Kranken zu fragen , ob er den » alten Freund des Hauses « vielleicht noch sprechen wolle ; sie wollte nicht sagen : » den Geistlichen « . Tubal lächelte und verneinte , trotzdem er ein Trostbedürfnis und eine rechte Sehnsucht nach Erhebung fühlte ; aber er empfand auch , daß Seidentopf ihm nicht geben könne , wonach er verlangte . Eine halbe Stunde später stellten sich Phantasien ein : er sprach von der Muttergottes , die das Jesuskindlein habe fallen lassen ; dann bat er , daß sie mit dem Trommeln und Blasen aufhören möchten , und zuletzt richtete er sich auf und sagte : » Nein , nein , das soll nicht sein ; Hektor , das treue Tier . « Aber plötzlich war es , als würd er wieder klar ; er verlangte zu trinken , und gleich darauf bat er die Schorlemmer , ihm Renate zu rufen . » Und den Doktor ? « » Nein , den nicht . Er lügt mit jedem Wort , und seine Tropfen lügen auch . Ich will von beiden nicht mehr . Renate soll kommen . « Und Renate kam . Als sie da war , war aus allem zu sehen , daß er mit ihr allein sein wollte , und die Schorlemmer verließ das Zimmer . » Setze dich zu mir , Renate « , sagte der Kranke . » Ich will Abschied von dir nehmen . « Sie brach in krampfhaftes Weinen aus , warf sich auf die Knie und barg ihr Haupt in die Kissen . » Nicht doch ; mach es mir nicht so schwer . Ach , du weißt nicht , wie schwer . Und du sollst es auch nicht wissen . Nie , ich hoffe , nie ... Ach , Renate , das Scheiden ist doch bitterer , als ich dachte , und nur eines ist , das mich tröstet : es war nichts Rechtes mit mir , und ich hätte dich nicht glücklich gemacht . « Sie wollte antworten , aber er fuhr abwehrend fort : » Sage nichts , sage nicht nein . Ich weiß es besser . Denn was gibt Glück uns und andern ? Fest sein und stetig sein , stetig sein im Guten . Und wir waren immer unstet , alle , alle . Auch mein Vater war es . Land , Glauben , Freunde gab er hin . Und warum ? Einem Einfall zuliebe . Und wir haben nichts Gutes davon gehabt . « » Verklage dich nicht , mein Geliebter . Ach , Tubal , um was stirbst du jetzt ? Um Lieb und Treue willen . Ja , ja . Erst galt es Lewin , und dann , als er gerettet war , da dauerte dich die arme Kreatur , die verlassen dalag und vor Schmerz und Jammer aufwinselte , und du stirbst nun , weil du dich des treuen Tieres erbarmtest . « » Ja , Mitleid hatt ich ! Das hatt ich immer , Mitleid und Erbarmen . Und vielleicht auch , daß meiner ein Erbarmen harrt , um meines Erbarmens willen . Ich kann es brauchen ; jeder kann es . Und in der letzten Stunde tut es wohl , etwas von diesem Ankergrund zu haben ... Ich entsinne mich eines langen Liedes , das ich in der Predigerstunde bei dem alten Oberkonsistorialrat lernen mußte ; ich hatte keinen Sinn dafür , aber eine Strophe gefiel mir , die war schön . « » Welche ? Sprich sie , oder willst du , daß ich sie spreche ? « » Es war etwas von Tod und Sterben und von Christi Beistand in der Scheidestunde . « Renate hatte seine Hand genommen und sprach jetzt , ohne weiter zu fragen , mit leiser , aber fester Stimme vor sich hin : » Wenn ich einmal soll scheiden , So scheide nicht von mir , Soll ich den Tod erleiden , Tritt du für mich herfür ; Wenn mir am allerbängsten Wird um das Herze sein , Reiß mich aus meinen Ängsten Kraft deiner Angst und Pein . « Tubal hatte sich aufgerichtet . » Ja , das ist es . « Er schien noch weitersprechen zu wollen , sank aber , immer matter werdend , in die Kissen zurück und begann unruhig und hastig , wie die Sterbenden tun , an seiner Bettdecke herumzuzupfen . Dabei war es , als ob er in seiner Erinnerung nach etwas suche . Endlich hatte er es und fuhr in abgerissenen Sätzen fort : » Es war noch früher , viel früher , und wir waren noch in der alten Kirche , da sagte mir der Kaplan ein lateinisches Lied vor . Und als Ostern herankam , da mußt ich es hersagen vor meinem Vater und vor meiner Mutter und vor Graf Miekusch . Und meine Mutter lachte , weil sie das Lateinische nicht verstand . Aber mein Vater war ernst geworden und Graf Miekusch auch . «