Eins , was ihn ganz erfüllen , ganz und voll ergreifen kann : die Liebe ! Alles Andre , was sonst in sein Inneres drängt , ist ja noch unreif , unfertig und bedarf tausendfacher Bestätigung durch die Erfahrung und durch die unermeßliche Bücherwelt ! Nur die Liebe bedarf keines Buches , sie liest die größten Schätze der Weisheit und der Wahrheit im Auge der Geliebten . Die Liebe bedarf keiner Prüfung , sie sieht nur und glaubt ja und vertraut . Die Liebe bedarf der Erfahrung nicht , denn sie liegt vom Anbeginn in unsrem Herzen ! Und diese Zauberkraft war Beiden plötzlich gelähmt ! Gelähmt Beiden durch einen einzigen Schlag ! Beiden war nichts geblieben als das Bewußtsein ihrer Unfertigkeit und vielleicht nie sich abschließenden Vollendung ! Siegbert fühlte es an sich , was auch Dankmarn bewegen würde . Er sucht , wie du jetzt , sagte er sich , die Fäden , die ihn in die alte gewohnte Auffassung seiner Mühen und Pflichten wieder zurückführen sollen ! Er sucht , wie du jetzt , das in Kupfer verwandelte Gold seines Glückes in den Strom des Vergessens zu werfen und steht am Ufer vielleicht in Thränen dem schweren Falle nachhorchend ! Er bittet die Bäume vielleicht auf einsamer Wanderung , ob sie ihm den Namen der Geliebten nicht mehr zurufen würden , um ihn zu quälen ! Er bittet sie um mildernde Gedanken und Alles säuselt und rauscht doch vielleicht nur das alte süße , verlorne , erträumte Glück ! Spare mir deinen Duft doch auf , du treuherzige , vertrauliche Blume , spar ' ihn mir auf ein künftiges Glück , wenn ich es finde ! Jetzt entlockt mir dein Gruß nur Thränen ! Die Sprache , die du sprichst , darf ich ja nicht mehr verstehen . So durchbebte es Siegbert von Mitleid um den Bruder - und um sich ! Ja , auch um sich ! Gibt es denn nicht ein Mitleid auch um sich selbst ? Habt Ihr nie Thränen vergossen , träumte Siegbert , als er sich auf des Bruders hartes Sopha streckte , um Euch selber ? Nie geweint um die bittern Schläge des Schicksals , die Euch trafen ? Nicht , daß Ihr erlaget , daß Ihr unglücklich waret , schmerzte Euch so tief - Ihr hattet Kraft und Muth , das Widerwärtigste zu ertragen ; aber daß es kam , daß es Euch gerade traf , daß Ihr es sein mußtet , denen das Füllhorn Fortunas immer und immer nur stachlichte Früchte zuwarf dies Mitleid mit Euch selbst war Euch rührender als das Unglück selbst . Lebensfrohe , hoffende , glückberechtigte Jugend , warum mußt du weinen ? Stolzes , von Göttern geliebtes , riesenkräftig arbeitendes Genie , warum mußt du leiden ? Edler , großer Wille , warum mußt du scheitern ? Warum du ? Warum du ? Diese bittre Frage um Etwas , Das deine Kraft längst stolz beantwortet hat , Die ist es , die an deinem Herzen nagt und dein Gemüth verwundet ! ... Siegbert war von seinem Kummer fortgerissen und so erfüllt von der Vorstellung , daß sein Bruder , der ihn erst um neun Uhr , bei jenem ihm plötzlich sonderbarerweise so nahe gerückten Fritz Hackert in der unheimlich alten , verrufenen Brandgasse sehen wollte , die Zeit bis dahin auf einer einsamen Wanderung vor den Thoren , im Parke , am Schloßteiche , in den Alleen , die zu den Dörfern führten , zubrächte , daß er sich aufraffte und ihn dort suchen wollte . Es hatte sechs geschlagen . Die Sonne warf freundliche Lichter . Spaziergänger suchten wie er die Thore . Er flog nach der Gegend hin , die ihm die stillste und für den Kummer einladendste schien ... In einer halben Stunde war er unter jenen Gärten und Villen , die wir bei Gelegenheit der Wohnungsangabe Paulinen ' s von Harder kennen lernten . Hier gab es stille Plätze und enge Wege , die hinaus in ' s Feld führten . Kinder mit Kornblumenkränzen begegneten ihm . Liebende gaben sich hier hinter den Mauern der Gärten ihre unbelauschten Stelldicheins . Gelehrte setzten sich mit Büchern auf eine einsame Bank und schöpften freie Athemzüge in ihre gebückte Brust . Hier siehst du , sagte sich Siegbert , den Bruder unter irgend einem Lindenbaum ! Du kennst einen solchen , dicht am Eingang in die Kornfelder ! Dort sitzt er gewiß und denkt : Warum ist Siegbert nicht bei dir und wir plaudern über das Leben , die Täuschungen der Herzen , das allgemeine Ziel der Menschheit und unser eigenes ! So nachdenkend , bemerkte Siegbert kaum , daß er in dieselbe Gegend kam , wo ihm Rudhard gesagt hatte , daß auch die Fürstin Wäsämskoi wohne ... Wie erstaunte er , als er an einem Spalier in einem kleinen Vorgarten plötzlich wieder denselben strengen Mann mit einem Buche lesend fand , umgeben aber von zwei wunderschönen Kindern , einem Knaben und einem Mädchen ... Bald spielte der rüstige Greis mit den Kindern , bald las er eine Stelle in seinem Buche . Ein Teller voll Obst stand auf einem grünen Tische neben ihm . Die Kinder naschten und er stellte sich , als sähe er es nicht ... Wenn eins eine Kirsche ergriffen hatte , fuhr er mit der Hand nach den kleinen Dieben und diese freuten sich jubelnd ihn überlistet zu haben . Siegbert , der Das so beobachtete , wollte erst an dem Stacket vorüber und wußte nun nicht , ob er sich nicht lieber zurückziehen sollte . Dem Besinnen über seinen Entschluß blieb aber nicht viel Zeit ; denn Rudhard entdeckte ihn bei einer Wendung , die er , um die Kirschendiebe zu haschen , nehmen mußte . Er schien sehr angenehm überrascht , seinen eben verlassenen Bekannten schon wiederzufinden und lud Siegbert ein , jetzt nur gleich hereinzutreten .. Hier wohne er ! Dies wären die jüngsten Kinder der Fürstin ! Siegberten war es , als wenn