kehren willst Du nicht , und Menschen , die sich also lieben , reißen von einander ; das soll nicht seyn , spricht der Herr unser Gott , sobald er abgelegt hat den Rock des Zorns , und anlegt das Gewand der Milde und Barmherzigkeit . Darum will ich denn auch , so schwer mir ' s wird , gestehen , was ich weiß , um zu fördern Euer Glück , und mir zu erwerben Euer dankbar Angedenken . « - Ehe er begann , schöpfte er mühsam Athem ; sein kurzes Überlegen war schon eine Ewigkeit für Dagobert und Esther , die mit wißbegierigen Blicken erwartungsvoll an seinem Munde hingen . Endlich hob er an , und sprach mit kurzen Unterbrechungen und Zwischenräumen : » Mein Weib - ihre sey das Paradies - hat mir geboren zwei Söhne , und das letzte Kind , das es mir schenkte , war ein Mägdlein , an das ich mich gewöhnte schneller und leichter , denn an die Buben , was selten ist bei unsern Leuten , die nach Söhnen streben , wie nach Reichthum . So oft ich ging über Feld , legte ich das Töchterlein der Mutter auf ' s Gewissen , und drohte ihr , wofern dem Kinde widerführe etwas Leides , sie zu verstoßen aus dem Hause und der Ehe , so wie ' s das Gesetz erlaubt . Gewiß , - Gott soll mir helfen - ich hätt ' es nicht gethan , aber die Angst war gekommen auf das Weib , und es meinte , sterben zu müssen auf dem Fleck , als es eines Morgens - da ich abwesend war , und mein Töchterlein erst alt drei Wochen - das Kind todt fand in der Wiege ; denn die Katze hatte sich hereingeschlichen vom Nachbarhause , und sich gelegt auf des Kindes Hals , und dasselbe also erstickt . Die Mutter erhob kein groß Geschrei , denn sie wollte nicht kund geben ihre Nachlässigkeit , allein sie setzte sich in den Winkel neben das todte Kind , und weinte bitterlich , und da gerade der Vater Jochai hereinkam , so redete sie zu ihm : Raaf ! sieh hier das Kind . Dein Sohn verstößt mich ; so er ' s erfährt , und ich bin doch unschuldig . Hilf mir , daß wir beten über das Kind , ob es vielleicht erwache , ehe noch der Vater heimkommt mit den Buben . Und sie beteten über das Kind , und Gabriel erweckte es nicht . Da nun mein Weib wieder , anhob zu klagen , so sagte der kluge Greis Jochai : Schweige , Weib : Ich will gehen hinaus , und sehen , was mir der Herr eingibt , oder der Prophet Elias . - Und nicht lange war er fort gewesen , so kehrte er wieder zu der betrübten Mutter , und trug ein klein Mägdlein auf dem Arme , und redete : Weib ! sieh hier ; was mir hat Gott bescheert . Draußen an der Straße hab ' ich gefunden ein Bettelweib im Sterben , und das Würmlein hier an dessen Brust , die doch keine Nahrung mehr gab . - Mutter , sagte ich , weil mir ' s der Herr eingab : willst Du mir erlauben Dein Kind , ehe es mit Dir stirbt ? Ich bin ein ehrlicher Mann . - Das Weib sah schon nicht mehr hell und wußte nicht , daß ein Jude zu ihm sprach : es reichte mir aber das Mägdlein hin , und sagte : » Nimm ' ehrlicher Mann , und Gott vergelt ' s. Getauft ist das Kind , und heißt Marie . « - Es war der Armen letztes Wort ; sie starb , und hier bringe ich Dir die Kleine , damit sie eine Jüdin werde , und Davids Herz nicht betrübt sey bis in den Tod . Legten die beiden das lebende Kindlein von gleichem Alter und selbem Ansehen an die Stelle des todten , das sie heimlich fortschafften , und da ich wiederkam , liebte ich das Kind wie zuvor , und habe es erzogen , und nicht anders gewußt ; als bis ich von Jochai auf seinem Sterbelager erfahren , was er gethan ; wofür ich ihn noch segne , denn mein Weib ist hinüber gegangen im häuslichen Frieden , mein Herz war nicht betrübt bis in den Tod , und ich vermag ' s , zwei Herzen zu verbinden , die sich lieben , denn Du , Esther , .. wahrlich ... Du bist jenes Kind . « » Eine Christin ? « rief Dagobert frohlockend . » Nicht Deine Tochter ? « fragte Esther mit einer Empfindung gemischt aus Freude und Wehmuth : » So steht ja unserm Bunde nichts im Wege ? « fuhr Dagobert fort : » Marie ! Geraubt aus unsrer Kirche kehrst Du doch wieder dahin zurück , zum Glück der Zeitlichkeit , zum Glück des ewigen Lebens . Marie ! o laß uns den Greis segnen , der noch am Sterben seinen Betrug offenbarte ; laß uns diesen ehrlichen Juden segnen , der die Hinterlist seines Volkes verschmähend , uns bekannt gemacht mit dem Geheimnisse , das uns ohne Widerrede verbindet ! « - Dankbar gerührt reichten Beide dem Juden die Hände . » Es quält mich , wie es mich entzückt , daß ich nimmer Deine Tochter seyn soll ; « sprach Esther : » Ganz verwaist stehe ich nun da in dieser Welt . « - » Hast Du nicht mich , Deinen Freund , Deinen Gatten ? « erwiederte Dagobert : » Hast Du nicht den Heiland wieder gefunden , Du , nach seiner Mutter genannte ? O , ich ahnte oft , was sich jetzt entdeckt ! Du warst nie eine Jüdin ; du theiltest nie den Haß jenes Volkes gegen Andersglaubende , Du warst stets so rein , so züchtig , wie die Heilige , deren Namen Du führst . « - »