- und deine Schwester , die sogenannte Severina . Dein Vater war nicht da , aber sein Wachsbild , wornach ich ihn gleich achtzehn Jahre später in Rom wieder erkannte . Auch deine Schwester war noch wächsern wiederholt , nur du nicht . Eine dir von weitem ähnliche Wachsfigur , die dich als einen Mann vorgaukelte , stellte der Bruder deines Vaters , der mit da war , dir immer als einen Flügelmann deiner Zukunft vor , sagte , du seiest hier im voraus kubiert und schon ins Große getrieben , von der Flasche auf das Faß gefüllt , um dich anzufeuern , damit du erwüchsest . Man mußte dir eine ähnliche Uniform , wie der Wachsmann trug , anziehen - ich weiß nicht welche - Du fordertest dann keck , um deinen eignen Mikromegas schreitend , ihn heraus , aus der Zukunft in die Gegenwart . Jetzt weißt du , was du geworden , und magst wohl wieder und mit mehr Recht so stolz auf den Kleinen herabsehen wie der Kleine sonst zu dem Großen hinauf . Ich wollte nie deinem Oheim diese Maschine der geistigen Streckbarkeit gutheißen ; dabei hab ' ich vor allen Wachs-Marionetten einen so hassenden Schauder ! Mein einziger Zweck auf der schönen Insel war die Abreise von ihr und von der schönen Insulanerin , sobald ich diese abgemalt hätte . Dummes Jahrhundert , sagt ' ich , will ich denn mehr von dir ? Sie saß mir gern - wie auf einem Thron - ich riß , halb im Gewitter , halb im Regenbogen wohnhaft , sie ab und mußt ' ihr natürlich das Bild lassen unkopiert . Aber , Jüngling , einige Buchstaben , die meinen damaligen Namen formierten und die ich aufs Bild an der Stelle des Herzens unter die Wasser-Farben schrieb und versteckte , können für dich ein Tetragrammaton , elf Sonntagsbuchstaben und Lesemütter ( matres lectionis ) deines Daseins werden , falls ich glücklich nach Spanien komme und in Valencia am Bildnis die Färberei von meinen Buchstaben weg wischen und nun in dessen Herzen lesen kann : Löwenskiold . So dänisch hieß ich damals . Dann ist die Gräfin Linda de Romeiro ohne Gnade deine Schwester Severina . Gott schenke nur , daß du sie nicht vor diesem Brief etwan gesehen hast und geheiratet ; sie soll , wie ich gestern hörte , nach Italien abgereiset sein . Denn als ich die Gräfin Linda hier zum ersten Male sah , war mir auf dem Pestitzer Markt-Viereck , als ständ ' ich oben auf der Terrasse der Isola bella und schauete die Alpen , deine Mutter , meine Jugend kaum drei Schritte vor mir ! Bei Gott , wie als wäre aus der tiefen Ferne im Pfeilerspiegel der Zeit auf einmal das weiße Rosenbild deiner verhüllten Mutter heraufgerissen worden dicht ans Glas heran und hinge davor nun rotblühend , so stand Linda vor mir ! Denn die göttliche Ähnlichkeit beider ist so groß ! Gar kein Arianisches Homoiusion , sondern ein ganzes orthodoxes Homousion ist hier zu glauben , würd ' ich dir gerne schreiben , hättest du sonst die nötige Kirchengeschichte dazu auf dem Lager . Ich malte auch Linda in diesem Winter . Was sie mir vom Charakter ihrer Mutter erzählte , war ganz dasselbe , was ich ihr hätte vom Charakter der Prinzessin di Lauria berichten können - Lindas Vater oder Herr von Romeiro wollte nie erscheinen , und doch ist er noch nicht verschwunden , wie ich höre - Lindas Mutter hieß sich eine Römerin und eine Verwandte des Fürsten di Lauria - In Spanien , wo ich zweimal war und fragte , wollte nirgends der Name einer Cesara wohnen - Trillionen Spinnenfäden der Wahrscheinlichkeit spinnen sich zum Ariadnens-Strick im Labyrinth - Eine neue unbekannte Schwester wird dir im gotischen Hause mit Schleiern und in Spiegeln vorgeführt - Und zwar wird vom redlichen Kahlkopf - dem fast mehr zum Christuskopf fehlt als die Locken , und den ich im Herbste einen Hund geheißen - dirs vorgespiegelt aus wirklichen Spiegeln - Gedachter Anubis- oder Kahl-Kopf stand nun ( der Himmel und der Teufel wissen am besten warum , aber ich glaub ' es ) als Vater des Todes auf Isola bella , lag als Handwerkspursch am Fürstengrabe und in jedem Hinterhalt , um dir deine Schwester zur Frau zu geben - - falls ichs litte ; aber sobald ich jetzt zugesiegelt , brech ' ich nach Spanien auf und in Lindas Bilderkabinett ein , suche nach einem gewissen Bilde ihrer Mutter , dessen Stelle und Zimmer ich mir deutlich angeben lassen - und ist es das Bild von mir : so ist alles richtig , und der Donner kann in alles schlagen - Der Kahlkopf ist schon ein Fünfviertelsbeweis - er gehört unter die wenigen Menschen , die schon , kaum Spinnen-dick , in ihrer Mutter Leib aus Bosheit pißten - Vielleicht treff ' ich deinen Oheim , der mich hier , wie er sagte , wiedererkannte und der wirklich nach Valencia abgereiset ist201 - O Himmel , wenn mirs gelänge ( aber warum nicht , da meine Zunge von Eisen bleibt und dieses Blatt in Eisen kommt , beim redlichen Wehrfritz , dessen Herz ein alter Deutscher ist , und mit Recht stellt in der Jungfer Europa Deutschland das Herz vor ) , ich schreibe , wenn mirs gelänge , daß ich anbrennte an einem verfluchten Geheimnis eine Strohtür , risse alles auf , ein und weg , blinde Tore und Opfertore , und ein starkes Licht fiele herein auf die tapfere Linda und den tapfern Jüngling , anleuchtend den nahen Kahlkopf ( vielleicht noch jemand ) , der eben in der Dunkelheit mit zwei langen blanken Okulier- und Schlachtmessern in die Geschwister schief herunterstechen will - - Wenn mir das einmal gelänge , nämlich im Erntemonat - denn da käm ' ich in Pestitz wieder an und hätte das Bildnis in der Tasche - , und ich hätte mich und zwei Unschuldige tapfer gerächt an Schuldigen