, förmliches Tagebuch vorgefunden und kündigte die unverzügliche Publizirung dieses » großartigen Erzeugnisses « an . Natürlich bestellte der Erstaunte das Buch sofort telegraphisch » zu umgehender Sendung mit Nachnahme « . Am andern Morgen aber fand er richtig in der » Berliner Tagesstimme « seinen offenen Brief abgedruckt . Wie folgt . » Eine höchst befremdliche Nachricht dringt zu uns , welche wir nur unter Reserve wiedergeben würden , falls nicht der Name des Betreffenden selbst dafür bürgte , daß hier keinerlei Mystifikation vorliegt . Die Leonhart-Affaire , welche jetzt schon wochenlang die Gemüther der näherstehenden Kreise aufregt , wobei durch Veröffentlichung des angekündigten Tagebuchs wohl kaum eine Sänftigung erhofft werden darf , findet hiermit eine ganz neue höchst überraschende Ergänzung . In einem höflichen Geleitschreiben hat der vornehme Verfasser des nachfolgend abgedruckten Briefes ausdrücklich ersucht , denselben ohne jede Milderung und Streichung zu publiziren . Er bestehe darauf , widrigenfalls er den Brief einem andern Blatte überreichen werde . « Krastinik lächelte flüchtig über diesen schlauen Coup . Er kannte seine Pappenheimer : Ehe die » Tagesstimme « einem andern Blatte eine sensationelle Notiz überließ , sei es auch nur eine Brillant-Ente , eher würde sie wahrhaftig den Inseratentheil des » Botschafter « pachten ! » Graf Xaver Krastinik hat sich bemüßigt gefunden , erst jetzt mit einer Erklärung hervorzutreten , welche das größte Aufsehen erregen wird . Wir bringen sie unverkürzt , seinem Wunsche gemäß . Löbliche Redaction ! Nach § 11 des Preßgesetzes steht mir eine thatsächliche Berichtigung frei , welche ich hiermit erlasse . In der Kreuz- und- Schwertzeitung fand ich kürzlich einen Artikel , dieses christlichhumanen Blattes vollkommen würdig , aus der Feder eines p.p. von Schnapphahnitzkoy . Dieser Herr , von dessen Existenz ich nur mal von meinem verstorbenen Freunde Leonhart gehört zu haben glaube , ist so freundlich , meine Wenigkeit gegen das ungebührlich herausgepriesene Verdienst meines seligen Freundes auszuspielen und zwar speziell das venetianische Drama Die Meeresbraut . Ich erkläre nunmehr hiermit laut und feierlich : Dieses Stück , mit Ausnahme einiger scenischer Einfälle , gehört mit Stumpf und Stiel , mit Haut und Haar , in Idee und Ausführung , ausschließlich ; meinem todten Freunde Friedrich Leonhart . Sind die Herrn Neider und Nörgeler , diese Schurken , die den großen Dichter in jenen Anfall von Geistesstörung des Verfolgungswahns hineintrieben , - ist die Verschwörung von Schurken und Dummköpfen nun vielleicht endlich zufrieden ? ! Ich weiß recht wohl , daß in ihrer Wuth , sich so getäuscht zu sehn , die verbündeten , aber nicht vereidigten Makler nun über mich herfallen werden . Der Verstorbene hatte mein Wort , bis zu einer gewissen Frist den wahren Namen des Dichters zu verschweigen und den unverdienten Ruhm auf meine Achsel zu nehmen . Diese Frist ist jetzt erloschen . Auch hätte ich meines Wortes mich entbunden erachten können , nach jenem traurigen Ereigniß . Ich gestehe daher mit einem demüthigenden Gefühl der Scham , daß ich vor diesem notwendigen Schritt mich ängstete . So sehr hat auch das Beisammenleben mit den größenwahnsinnigen Erfolgjägern Berlins mein Gefühl für Pflicht und Ehre abgestumpft , daß es mir schwer ankam , auf solche unsauber erworbene Eitelkeitsmedaille zu verzichten . Warum überhaupt diese Täuschung der Welt von mir und dem Verstorbenen versucht wurde , fragt wohl nur ein ganz naiver Bruchtheil des Publikums . Damit man es aber einmal Schwarz auf Weiß lese , so will ich es mit dürren Worten aussprechen . Nie wäre ein Drama meines verstorbenen Freundes , und wäre es noch zehnmal besser , je auf einer deutschen Streberbühne zur Aufführung gelangt , nie ! Er konnte nicht dem Direktor ein Ordensbändchen verschaffen , der Frau des Regisseurs die Cour schneiden , mit dem Schauspielerpack Brüderschaft trinken . Ich aber , löbliche Redaction , heiße Graf Xaver Krastinik und bin daher befugt , selbst meinen greulichsten Schund an sämmtlichen Hofbühnen anzubringen . Da Leonhart tausend Feinde und keinen einflußreichen Freund ( nicht mal dem Theater-Portier konnte er ein erhebliches Trinkgeld zu Füßen legen ) besaß , so war ich also der unmaßgeblichen Meinung , daß er nur durch diese geschickte Vermummung zum Ziel gelangen könne . Im Einverständniß mit dem großen Dichter führte ich die Sache denn durch und der Erfolg bestätigte , wie gründlich wir Beide die Verlegenheit der Welt durchschaut hatten . Ein Herr Nordau hat gegen Conventionelle Lügen der Culturmenschheit gedonnert . Auch das ist aber nur eine Lüge . Culturmenschheit , eine Humbugphrase wie so viele . Die ganze Welt ist nur eine einzige Lüge und bei dem Worte Idealismus lachen die Auguren . Ein schöner Kellner hat mehr Aussicht auf Erfolg in der Welt als ein linkisches Genie , und nicht wer am besten dichtet , sondern wer am besten strebert oder dem Tagesbedürfniß schmeichelt , gilt heut als graußer Mann . Ein solcher Gewaltiger vor dem Herrn konnte Leonhart nimmer werden und so hatte er denn Recht , eine Welt zu verlassen , für die er allen Ernstes zu gut war . Ich für mein Theil , nachdem ich diese letzte Pflicht erfüllt , nehme mit wehmüthigem Lächeln Abschied von der Poesie . Ich entsage für alle Zeiten der dichterischen Produktion . Meine litterarische Carrière war kurz genug , aber genügte mir , einen unauslöschlichen Ekel gegen dies Geschmeiß elender Federfuchser einzuflößen , das über seine verhungernden Kinder oder seine unbefriedigte Eitelkeit jammert , statt anständig zu Pflug und Spaten zu greifen , - das als litterarische Pennbrüder den Parnaß bebummelt , aber wie ein nichtsnutziges Knieholzgestrüpp dem aufwärtsschreitenden Bergsteiger die Füße umwickelt , so daß er strauchelnd zu Boden stürzt . Von ihren idealen Zwecken machen sie ein ebenso großes Geschrei wie von ihren materiellen Rechten . Wozu dient diese Kanaille , als den gesunden Sinn der Unbefangenen zu verwiren ? Ihre ganze Existenzberechtigung ist ihre Eitelkeit , mit ihren idealen Zwecken finden ihr schönstes Recht in Niederduckung Sie des wahrhaft Großen . Und ihre materiellen Förderungen der Standesinteressen bestehen höchstens darin , daß