Dorotheas Gestalt mit dem Nimbus ihrer dunklen Geburt , ihrer eigentümlichen Weltanschauung , Schönheit und Bildung den Einzug scheinbar in das Herz und nicht in den Kopf hielt ; oder wenigstens verrichtete dieser in seinen offenen Licht- und Schallstübchen einen bloßen Pförtner und Wahrnehmungsdienst , um das Wahrgenommene in die dunkle Purpurmühle der Leidenschaft hinunterzusenden . Selbst die Vernunft leistete ihr Frondienste und tat ein übriges , ihr gerecht zu werden . Die Vergänglichkeit und Unwiederbringlichkeit des Lebens , durch Dortchens Augen gesehen , ließ mir die Welt bald ebenso in einem stärkern und tiefern Glanze erscheinen , wie es bei ihr der Fall war ; ein sehnsüchtiges Glücksgefühl durchschauerte mich , wenn ich mir nur die Möglichkeit dachte , für das kurze Leben mit ihr in dieser schönen Welt zusammen zu sein . Ich hörte daher ohne alle Bedenklichkeit vom Sein oder Nichtsein jener Dinge sprechen und fühlte ohne Freude oder Schmerz , ohne Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken von Gott und Unsterblichkeit sich in mir lösen und beweglich werden . Die Veranlassung solcher Freiheit war allerdings eine Unfreiheit und für einen Mann nicht gerade rühmlich ; im Gefühle hievon suchte ich mich mit Gründen zu schulen und nahm die Zuflucht zu der Bücherei des Grafen . Ich kannte die groben Umrisse der philosophischen Geschichte , aus denen die letzten Fragen für den Unerfahrenen nicht klar hervorgehen . Jetzt griff ich zu den eben in der Verbreitung begriffenen Werken des lebenden Philosophen , der nur diese Fragen in seiner klassisch monotonen , aber leidenschaftlichen Sprache , dem allgemeinen Verständnisse zugänglich , um und um wendete und gleich einem Zaubervogel , der im einsamen Busche sitzt , den Gott aus der Brust von Tausenden hinwegsang . Der Graf gehörte geistig und zum Teil auch persönlich dem Verbande von Männern an , welche den begeisterten Kultus des Philosophen förderten , wenn er auch nicht die Ansicht und die Hoffnung teilte , daß er zunächst die politische Freiheit unfehlbar bringen müsse . Er hatte mich als Gastfreund nicht auf die Sache stoßen wollen ; als ich aber jetzt den gewöhnlichen Anfangswiderstand gegen die neuen Einflüsse erhob und die Veränderungen untersuchte , welchen ich in moralischer Hinsicht ausgesetzt sein dürfte , begann ein gewisses Kannegießern über den lieben Gott , welches mich freilich von den Kinderschuhen an begleitet hat . Über diese Dinge längst beruhigt , ward der Graf etwas ungeduldig und sagte : » Es ist mir ganz gleichgültig , ob Sie an den lieben Gott glauben oder nicht ! Denn ich halte Sie für einen Menschen , bei welchem es nicht darauf ankommt , ob er den Grund seines Daseins und Bewußtseins außer sich oder in sich verlegt , und wenn dem nicht so wäre , wenn ich denken müßte , Sie wären ein anderer mit Gott und ein anderer ohne Gott , so würde ich nicht das Vertrauen zu Ihnen hegen , das ich wirklich empfinde . Dies es auch , was diese Zeiten zu vollbringen und herbeizuführen haben nämlich vollkommene Sicherheit von Recht und Ehre bei jedem Glauben und jeder Anschauung , und zwar nicht nur im Staatsgesetz , sondern auch im persönlichen vertraulichen Verhalten der Menschen zueinander . Es handelt sich nicht um Atheismus und Freigeisterei , um Frivolität , Zweifelsucht und Weltschmerz , und welche Spitznamen man alles erfunden hat für kränkliche Dinge ! Es handelt sich um das Recht , ruhig zu bleiben im Gemüt , was auch die Ergebnisse des Nachdenkens und des Forschens sein mögen . Übrigens geht der Mensch in die Schule alle Tage , und keiner vermag mit Sicherheit vorauszusagen , was er am Abend seines Lebens glauben werde . Darum wollen wir die unbedingte Freiheit des Gewissens nach allen Seiten . Aber dahin muß die Welt gelangen , daß sie mit eben der guten Ruhe , mit welcher sie ein unbekanntes Naturgesetz , einen neuen Stern am Himmel entdeckt , auch die Vorgänge und Ergebnisse des geistigen Lebens hinnimmt und betrachtet , auf alles gefaßt und stets sich selbst gleich , als eine Menschheit , die in der Sonne steht und sagt : Hier steh ich ! « Es dauerte jedoch nicht lang , so bedurfte ich der Zurechtweisungen des freidenkenden Grafen nicht mehr , sondern wandelte selbständig auf demselben Pfade weiter und fand mich in der eintönig erregten Sprache des großen Gottesfreundes zurecht , wenn man ironischer- oder auch ernsthafterweise denjenigen so nennen darf , der sich ein Leben lang von seinem geliebten Gegenstande nicht trennen konnte . Wie alle Neubekehrten wurde ich sogar eifriger als die andern , und die Fackel , mit der ich in meine alten Gedankenwälder hineinleuchtete , brannte um so heißer , als sie an dem Feuer der Liebe angezündet war . Ich kannegießerte nun in entgegengesetztem Sinne , besonders während der länger gewordenen Abende , wo der wunderliche Kaplan , angezogen von dem Streite , sich einfand , um den neuen Abgefallenen in seiner Art zur Rechenschaft zu ziehen . Dieser Mann war vorzüglich drei Dinge , nämlich ein leidenschaftlicher Esser und Trinker , ein großer religiöser Idealist und ein noch größerer Humorist , und zwar letzteres fast nur in dem Sinne , daß er alle Viertelstunden das Wort Humor gebrauchte und es zum Maßstabe und Kriterium alles dessen machte , was irgendwie vorfiel und gesprochen wurde . Alles , was er selbst tat , redete und fühlte , gab er zunächst für humoristisch aus , und obgleich es dies nur in den minderen Fällen war und mehr in einem maßlosen Klappern und Feuerwerken mit Gegensätzen , Bildern und Gleichnissen bestand , so erzeugte dies Wesen dennoch einen gewissen Humor , besonders wenn wir alle zusammensaßen und er uns mit ungeheurem Wortschwall erklärte , was Humor sei und wie wir dieser Gottesgabe auch nicht eines Senfkörnleins groß besäßen . Er las eifrigst alle humoristischen Schriften und alle , welche vom Humor handelten , und hatte ein ordentliches System über dies Feuchte , Flüssige , Ätherische , Weltumplätschernde , wie er es nannte