den Tod der der Dechanei seit Jahren fremd gewordenen Hauptmännin von Buschbeck ... Er hatte geschrieben , daß er einige Tage lang suchen würde die Zeitungen zu verbergen , um die Tante auf eine nur allmähliche Art mit einer Begebenheit bekannt zu machen , die bei ihrem » zartfühlenden Herzen « eine gewaltige Erschütterung und » allerlei Hausjammer « in Aussicht stellte ... Den Brief an » Demoiselle Angelika Müller « hatte er ihm zu zweckmäßigster Besorgung beigelegt , weil er die Regel solcher Pensionate zu kennen erklärte , daß die Vorsteherinnen alle Briefe , die kämen und gingen , erst selbst zu lesen begehrten ... Daß er dabei die Lage einer Lehrerin mit derjenigen einer Schülerin verwechselte , bewies die wirkliche Aufregung , in der sich der alte Herr befand . Armgart bat und bat : Was schreibt der Dechant ? Reist der Vater nach Wien ? Wenn er mir verspricht , mich mit nach Wien zu nehmen ... Dabei suchte sie mit plötzlicher List den Brief zu erhaschen ... Armgart , nun kein Wort weiter ! sagte Angelika und verbarg den Brief sorgfältigst . Ich habe geloben müssen , dich von keinem Schritt der Deinigen einseitig in Kenntniß zu setzen ! Deine ganze Familie ist betheiligt ! Alle sind sie es , die dich lieben ! Morgen das Weitere nach der Messe ! Und nun genug davon ! Jetzt war es doch für Armgart ein Gefühl , als hätte sie sich auf die abschüssige Anhöhe werfen müssen und sagen : Nun , guter Gott , so laß mich sinken , sinken immer abwärts - bis in die Tiefen des Meers ! Benno hatte Mitleid mit dem lieblichen Kinde , dessen Natürlichkeit sich in keiner Regung ihres Gemüthes verleugnete . Sie sah wie eine von den bittersten Leiden der Seele Gefolterte und sich nun wirklich Ergebende so verklärt , so durchgeistigt aus , daß der von ihr mit einem ihr unbewußten Aufschlag der schönen Augen auf ihn gerichtete wehmüthige Bitteblick ihm das Herz mit Schmerz und Wonne zugleich erfüllte . Um den Ton zur Heiterkeit zurückzuführen , hätte er von diesen und jenen Dingen beginnen dürfen . Doch war er zartfühlend und Menschenkenner genug , die Richtung der Gedanken , die in Armgart ' s Seele lebten , nicht zu verlassen . Von Wien sprechen Sie ? sagte er . Vielleicht ist der fremde Herr da , mit dem ich fuhr , schon der Kurier Ihrer lieben Mutter ! Armgart blickte mit lächelnder Ergebung auf die Vier Jahreszeiten ... Wirklich ! Wirklich ! Er wollte nach Drusenheim zu Herrn Bernhard Fuld hinüber ! Wo eine Dame in den Gasthöfen da am besten aufgehoben wäre , fragte er . Sein Accent war wienerisch . Angelika flüsterte schmeichelnd : Beruhige dich ! Es wird alles gut werden , Armgart ! Morgen , nach der Messe in Drusenheim , da sprech ' ich mit dem Pfarrer und dann sollst du sehen , du bist zufrieden - Gedulde dich ! Geduld ! seufzte Armgart , sich ergebend . Sie überwand sich , nicht dem Fremden nachzueilen , der in behender Weise in der That in einen Nachen sprang , um zum jenseitigen Ufer überzusetzen . Benno ' s Ruhe , Angelika ' s Festigkeit mußten Armgart zuletzt zur Besinnung bringen . Man stieg höher und wieder in die Anlagen hinauf . Benno mußte erzählen , was ihm alles seit dem Abschied an der Maximinuskapelle - dort weithin in blauer Ferne waren ihre schlanken Thürme sichtbar - und seit dem Zusammentreffen mit jener Lucinde Schwarz begegnet wäre ? Wo diese hingewollt hätte ? Wie die Manöver abgelaufen wären ? Wie dem Thiebold de Jonge die Uniform gestanden hätte ? Ob Hedemann nach Witoborn zöge ? Was der Vater überhaupt beginnen würde ? Benno , der seine Cigarren trotz alles Schmerzes von Armgart selbst ausgesucht und fast angeraucht bekam - sie lernte » Unarten « dieser Art von den Mitpensionärinnen , wenn diese den Besuch ihrer Brüder empfingen - und wenigstens die Spitze der von ihr ausgewählten biß sie noch dem » Vetter « in mechanischer Anschmiegsamkeit an all sein Thun und Lassen ab - , Benno erzählte von dem Ersteigen des St.-Wolfgangberges , von der wirklich angeknüpften Bekanntschaft mit Lucinden , von dem Zusammentreffen im Pfarrhause zu St.-Wolfgang , von dem Begräbniß des alten Mevissen , von der Entweihung des Friedhofs ... Alle diese noch nicht auf die Insel Lindenwerth gedrungenen und doch so überraschenden Thatsachen hörte Angelika voll Staunen , Armgart , da sie den Pfarrer von St.-Wolfgang betrafen , mit dem Gefühl , wie wenn sie nicht Armgart , sondern Paula wäre . Benno mußte unausgesetzt erzählen . Einen so langen , so inhaltreichen Brief hatte sie noch nie nach Westerhof geschrieben wie diesen , den sie jetzt schon couvertirt und adressirt im Geiste vor sich liegen sah ; sie betrübte sich bereits um die Vorsteherin Schwester Aloysia , die bei ihrer Censur - alle wenn auch nicht ankommenden , doch aus dem Pensionat abgehenden Briefe las in der That erst Schwester Aloysia - gewiß wieder das Schönste davon für sich genoß , dann aber eine nochmalige Abschrift zu verlangen pflegte , lorsque vous aurez supprimmé les choses inconvenantes . Aber auch für Angelika waren die Mittheilungen , die Benno in glückseliger Behaglichkeit gab , vorzugsweise überraschend . Diese ihr wohlbekannte Lucinde Schwarz , von der sie seit Hamburg nichts mehr gehört hatte , sie war bei Frau von Gülpen » Nichte « gewesen ! Einen Tag , länger nicht ! Wie konnte das anders sein , nach dem Wenigen , das sie von dieser » Abenteurerin « wußte und das sie dem Pensionate an der Maximinuskapelle wohlweislich verschwiegen hatte ! Und man müßte dann die Menschen wenig kennen , wollte man Angelika ' s eigenthümlich gezogenem und erstaunendem : Ist ' s denn möglich ? nicht eine gewisse Genugthuung anmerken , daß auch diese Gesellschafterin , wie so viele andere und vorzugsweise sie selbst , den Anforderungen der Dechanei nicht entsprochen