wir ganz wieder zurückgekehrt zur eigenthümlichen Anschauungsart unserer Väter , das Fremdartige , was durch Jahrhunderte sich in unser Blut gefressen , abstreifend und ausmerzend , daß nur dann Rettung sei für unsere Nation von der Fremdherrschaft : da hörte man wohl belobende Phrasen , die Meisten aber verstanden es nicht , Andere schwiegen , noch Andere schüttelten den Kopf . Der Redner hatte eine noch kühnere Hypothese aufgestellt : nur in der Nationalität sei die Wurzel der Kraft , um der Tyrannei zu widerstehen . Der corsische Riese , der mit den Flügeln des Vogels Rock die Welt umspanne , wisse was er thue , indem er das Ureigene der Nationen erdrücke , um sie in eine Allgemeinheit von gleicher Farbe , gleicher Prägung zu stampfen . Das ermatte den Lebensnerv ; woran solle die Begeisterung , der Patriotismus sich klammern , wenn ein Pfeiler nach dem andern der alten heiligen Erinnerungen , der Töne und Bilder zerbreche , an denen wir uns als Kinder gehalten ? Das unscheinend Unbedeutendste sei da von Wichtigkeit , ein altes Lied , es dünkt uns ohne Sinn , ein Sprüchwort , eine Ruine , ein dunkler Winkel , den ein Geist , eine Sage umschwebt , eine Gewöhnung , die uns albern erscheint , Alles sei doppelt bedeutend , was als Heftnadel gelten könne , um ein Volk zusammenzuhalten , in einem Augenblick , wo Alles hinarbeitet , es zu zersplittern und sein Dichten und Trachten in allgemeine Begriffe von Wohlergehen und Glückseligkeit aufzulösen . Er ging noch weiter : nur den Nationen , welche diese ihre Nationalität festgehalten , winke die Palme des Sieges . Nicht seine Insellage schütze Albion , sondern das ehrenwerthe Festhalten an den alten Sitten und Gesetzen . So sah er in Spanien eine Mauer , an welcher des Eroberers Ehrsucht scheitern müsse , er erwartete von den Basken in den Pyrenäen , daß sie die Standarte der heilig gehaltenen Volksrechte erheben würden , er blickte nach Russlands Steppen , wo eine Völkerwiege das Ureigene braue , aber seine Stimme wurde bewegt , als er von dem theuren , deutschen Vaterlande sprach , einem Volk , das sich selbst zerrissen und sich nicht wiederfinden könne , das wie Kinder , die Muscheln am Meere sammeln , alles Neue , Fremde , Glänzende aufgreife , das wie ein Schwamm die Feuchtigkeit der Luft einsauge und seine schönsten Eigenschaften zu selbstmörderischer Thätigkeit auspräge . Mit seltener Empfängnißkraft begabt , drängt seine Natur es dazu , alles Große zu bewundern , aber sein böser Geist wolle , daß es nur das Fremde bewundert ; wo die eigne Größe Anerkennung fordert , erschrecke es scheu , kalt , ängstlich , und im Mißtrauen an sich selbst zergehe die schönste Kraft . Der Redner , ein junger Mann von hoher Abkunft , hatte einen doppelten Fehler begangen . Er hatte begeistert gesprochen ; die Begeisterung gehört in keinen Salon . Er war selbst gerührt worden ; das war ein Fehler unter allen Umständen . Er hatte aber auch sein Auditorium nicht berechnet , und das war unverzeihlich . Er befand sich in Friedrichs Hauptstadt , in einem Kreise von Würdenträgern und ausgezeichneten Männern , die sich für Träger der Monarchie des großen Königs hielten , diese selbst aber für so fest , gesichert und in gutem Stande , daß es nur einiger Ausbesserungen bedürfe , aber keines Fundamentalbaues . War nicht seine ganze Rede ein einziger Angriff gegen die Schöpfung des Einzigen ? Wo war denn die Nationalität hier , die er als einzigen Anker , der Zukunft und Vergangenheit zusammenhalte , anpries ? Wo das ureigne deutsche Element ? Friedrich , der mit dem Degengriff und der Feder zerstörend in das Zerfallende hineingegriffen , hatte eine Schöpfung hingestellt , die der Gegenwart angehörte . Freilich hatte er diesen Vorwurf in seinem Sinne nicht deutlich ausgesprochen , noch begriffen es Alle , aber man fühlte es . Ein peinliches Schweigen war eingetreten . Einige Damen lobten hinter dem Rücken das sonore Organ des Redners : leise aber laut genug , daß er es hören konnte . Man begegnete ihm mit großem Respekt , aber - es galt seinem Stande . Der junge Mann fühlte sich unbehaglich , er verschwand bald ; er war noch zu Hofe geladen . Dennoch hatte sein Rede einen Eindruck hinterlassen . Ob die Fürstin das Lob der Nationalität , die Hoffnung auf Rußland , für ein Kompliment genommen ? » Was sagen Sie dazu ? « sprach sie , aus ihrem Nachsinnen erwachend , als ihr Blick auf einen Mann fiel , dessen Stirn , Auge , Haltung den Künstler nicht verkennen ließen , der sich mit dem Stolz des Bewusstseins in dem Kreise bewegte , welcher an Stand und Geburt weit über ihm stand . Aber sein Blick , seine Sprache , die Nonchalance seines Wesens bekundete , daß er sich , wenn nicht ihnen gleich , doch frei und unberührt von der Präponderanz dieser Geburts- und Standesvorzüge fühlte , ohne doch in das umgekehrte Extrem einer brusken Nichtachtung zu verfallen . Er hatte der Rede des jungen vornehmen Mannes mit zugehört , anfangs aufmerksam , dann hatte er mit dem Kammerherrn von St. Real eine Marmorgruppe betrachtet , und schien ihn jetzt auf einige Fehler derselben aufmerksam zu machen . » Ich habe , die Eloquenz admirirt , « entgegnete der Künstler . » Überhaupt , wenn in den Schulen etwas dafür gethan würde , möchte die art rhétorique auch in Deutschland Progressen machen . « - » Ich meine , was Sie zur Sache sagen . Was halten Sie von der Nationalität , Schadow ? Ein Künstler muß darüber ein Urtheil haben . « - » Meine gnädige Fürstin , « entgegnete der Bildhauer , » wenn man die Menschen nackend auszieht , so sieht Einer aus wie der Andere , und wir Skulpteurs haben ' s eigentlich nur mit nackten Menschen zu thun . « - » Aber die Rassen sind anders gebildet