Noth so ausführlich behandelt werden , daß der Verfasser selbst das Hauptwerk darüber gänzlich zu vergessen scheint . Indessen werden alle diese Fehler in meinen Augen zu Kleinigkeiten , sobald gefragt wird : wie dieses Platonische Machwerk in Ansehung dessen , worin die wesentlichste Schönheit eines Dialogs besteht , beschaffen sey ? - Vorausgesetzt , daß die Rede nicht von Unterweisung eines Knäbleins durch Frage und Antwort , sondern von einem Gespräch unter Männern , über irgend einen wichtigen , noch nicht hinlänglich aufgeklärten , oder verschiedene Ansichten und Auflösungen zulassenden Gegenstand ist , so läßt sich doch wohl als etwas Ausgemachtes annehmen : ein erdichteter Dialog sey desto vollkommener , je mehr er einem unter geistreichen und gebildeten Personen wirklich vorgefallenen Gespräch ähnlich sieht . In einer solchen gesellschaftlichen Unterhaltung stellt jeder seinen Mann ; jeder hat seinen eigenen Kopf mitgebracht , hat seine Meinung , und weiß sie , wenn sie angefochten wird , mit starken oder schwachen , aber doch wenigstens mit scheinbaren , Gründen zu unterstützen . Wird gestritten , so wehrt sich jeder seiner Haut so gut er kann ; oder sucht man einen Punkt , welcher allen noch dunkel ist , ruhig und gemeinschaftlich aufzuhellen , so trägt jeder nach Vermögen dazu bei . Glaubt einer die Wahrheit , welche gesucht wird , gefunden zu haben , so hört er die Zweifel , die ihm dagegen gemacht werden , gelassen an , und die daraus entstehende Erörterung dient entweder die gefundene Wahrheit zu bestätigen und anerkennen zu machen , oder den vermeinten Finder zu überführen , daß er sich geirret habe ; und wäre auch einer in der Gesellschaft allen übrigen an Scharfsinn und Sachkenntniß merklich überlegen , so ist dieser so weit entfernt sich dessen zu überheben , das Wort allein führen zu wollen , und den andern nichts übrig zu lassen als immer Ja zu sagen , daß er ihnen sogar , falls sie ihre Zweifel und Einwürfe nicht in ihrer ganzen Stärke vorzutragen wissen , mit guter Art zu Hülfe kommt , ihre Partei gegen sich selbst nimmt , und nicht eher Recht behalten will , bis alle Waffen , womit seine Meinung bestritten werden kann , stumpf oder zerbrochen sind . Unterhaltungen dieser Art sind es , die der Dialogendichter zu Mustern nehmen muß ; aber auch dadurch hat er den Forderungen der Kunst noch kein Genüge gethan . Denn da er , als Künstler , sich nicht auf das Gemeine und Alltägliche beschränken , sondern das Schönste und Vollkommenste in jeder Art , oder genauer zu reden , ein in seinem Geiste sich erzeugendes Bild desselben , zum Vorbilde seines Werkes nehmen und dieses eben dadurch zum wahren Kunstwerk erheben soll : so kann mit dem größten Rechte von ihm erwartet werden , daß die gelungene Bestrebung , dem Ideal eines vollkommenen Dialogs so nahe als möglich zu kommen , in seinem ganzen Werke sichtbar sey . Ich darf nicht besorgen einer Ungerechtigkeit gegen unsern Dialogendichter beschuldiget zu werden , wenn ich sage , daß er bei der Ausarbeitung des Gespräches , wovon wir reden , eher an alles andere als an diese Pflicht gedacht habe ; denn statt eines Gemäldes , worin Sokrates als die Hauptfigur in einer Gesellschaft , in welcher es ehrenvoll ist der erste zu seyn , erschiene , glauben wir den Homerischen Tiresias unter den Todten zu sehen . » Er allein hat Verstand , die andern sind flatternde Schatten . « In der That sind von der letzten Hälfte des zweiten Buchs an alle übrigen eine Art von stummen Personen ; selbst Glaukon und Adimanth , an welche Sokrates seine Fragen richtet , haben größtentheils wenig mehr zu sagen , als was sie , ohne den Mund zu öffnen , durch bloßes Kopfnicken , oder ohne sichtbar zu seyn , wie die körperlose Nymphe Echo , durch bloßes Widerhallen hätten verrichten können ; und so ist nicht zu läugnen , daß dieser sogenannte Dialog eben so gut und mit noch besserm Recht ein Sokratischen Monolog heißen könnte . Daß das erste und zweite Buch hiervon eine Ausnahme macht brachte die Natur der Sache mit sich . In einer Gesellschaft von mehr als zwölf Personen , will sich ' s nicht wohl schicken , daß einer sich der Rede sogleich ausschließlich bemächtige ; und Plato benutzt diesen Umstand , seine Leser gleich anfangs durch das Gespräch zwischen Sokrates und dem alten Cephalus ( dem Herrn des Hauses ) über die Vortheile und Nachtheile des hohen Alters ( die kleinste und schönste Episode dieses Werks ) in Erwartung einer angenehmen und interessanten Unterhaltung zu setzen . Aber lange kann der Platonische Sokrates ein Gespräch dieser Art nicht ausdauern . Er muß etwas zu disputiren haben ; und da ihm Cephalus keine Gelegenheit dazu gibt , macht er sie selbst , indem er ihn , man sieht nicht recht warum , durch eine verfängliche Frage in einen Streit über den richtigen Begriff der Gerechtigkeit zu ziehen sucht , und dadurch den eigentlichen Gegenstand dieses Dialogs , wiewohl ein wenig bei den Haaren , herbeizieht . Der schlaue Alte , der die Falle sogleich gewahr wird , macht sich , mit der Entschuldigung , daß seine Gegenwart beim Opfer nöthig sey , in Zeiten aus dem Staube ; seinem Sohne Polemarchus auftragend , die Sache mit dem kampflustigen Herrn auszufechten . Der junge Mann zeigt sich dazu bereitwillig , und der Streit beginnt über den Spruch des Simonides , » jedem das Seine geben ist gerecht , « welchen Polemarch behauptet , Sokrates hingegen mit verstellter Bescheidenheit und Ehrfurcht » vor einem so weisen und göttlichen Manne wie Simonides , « unter dem ironischen Vorwand er verstehe die Meinung dieser Worte nicht recht , nach seiner gewohnten Art bestreitet , indem er jenen durch unerwartete Fragen und Inductionen in die Enge zu treiben und zum Widerspruch mit sich selbst zu bringen sucht . Polemarch wehrt sich zwar eine Weile , sieht sich aber , da er zu