von oben her eine ganze Salve in das Dunkel hinein , und der Hund , dessen Liebestreue seinen Herrn gedeckt hatte , brach zusammen . Lewin stand unbeweglich und wußte nicht , was tun ; endlich rissen Berndt und Hirschfeldt ihn mit sich fort . Alles stürzte den Schlitten zu , und nur Hektor , zurückgelassen , lag winselnd am Fuße des Bastions . » Nein « , rief Tubal , » das soll nicht sein . « Und wieder umkehrend , bückte er sich und lud das treue Tier , das sich vergeblich fortzuschleppen trachtete , auf seine beiden Arme . Aber lange bevor er den nächsten Schlitten erreicht hatte , folgte der ersten Salve eine zweite , und Tubal , unterm Schulterblatt getroffen , taumelte und fiel . » Fort , fort ! « und zehn Hände griffen zu , und über den Schnee hin , ihn tragend und ziehend , erreichten sie das Pachalysche Gefährt und legten den Schwerverwundeten auf die Strohbündel nieder , Hektor ihm zu Füßen . So ging es zwischen den schwarzen Kusseln hin in die Nacht hinein . An Verfolgung war nicht zu denken . Hätte sie stattgefunden , so wäre man mit Hilfe der aufgestellten Seitenkommandos stark genug gewesen , ihr zu begegnen . Als sie bis in Höhe von Gorgast waren , bogen sie rechts aus ihrer Kiefernallee heraus und fuhren langsam die Böschung des Ufers hinauf . Tubal hatte brennenden Durst , und man gab ihm Schnee ; so ging es weiter bis an die Manschnower Mühle . Hier wurde der Weg immer holpriger , und Pachaly mußte des Verwundeten halber im Schritt fahren . Der andere Schlitten trabte vorauf . Berndt hatte die Leinen genommen . Als er zwischen den Pfeilern der Auffahrt hindurch wollte , scheuten die Ponies , und er sah jetzt , daß Hoppenmarieken auf dem linken Prellstein saß . Sie lehnte sich wie gewöhnlich an ihre Kiepe und hielt den Hakenstock in ihrer Hand . Aber sie salutierte nicht - und rührte sich nicht . Vierundzwanzigstes Kapitel Salve caput Es war zwölf Stunden später ; die helle Mittagssonne stand über Hohen-Vietz , und es taute von allen Dächern . Auch das Eis , das , stumpf geworden , an den Rädern von Miekleys Mühle hing , blitzte wieder durchsichtig und kristallen , und die Tauben saßen auf Kniehases langem Scheunenfirst . Alles war licht und heiter , und ein erstes Frühlingswehen ging durch die Natur . Und in hellem Sonnenscheine lag auch das Herrenhaus . Wer aber von der Auffahrt her einen Blick auf den Vorplatz und die lange Reihe der Fenster geworfen hätte , der hätte doch wahrnehmen müssen , daß es ein Trauerhaus sei oder , schlimmer als das , in jedem Augenblicke ein solches zu werden drohe . Über den Damm hin war eine dichte Strohlage gebreitet , und hinter den Scheiben wurde niemand sichtbar . Auch nicht hinter der Glastüre der Halle . Alles wie ausgestorben . Nur die Sperlinge waren guter Dinge ; sie saßen in Scharen auf dem ausgestreuten Stroh und pickten die verlorenen Körner . Ihr Zwitschern war der einzige Ton , der in der tiefen Stille laut wurde . Zwölf Stunden lagen zurück , und nur eine Minute vollen Glücks und höchster Freude hatten sie gebracht : die Minute , wo , nach der ersten Begrüßung mit der Schwester , das in Jubel und Tränen ausbrechende Wiedersehen zwischen Lewin und Marie auch zugleich ihr Verlöbnis bedeutet hatte . Und ein Verlöbnis , wie Menschenaugen kein schöneres gesehen . Denn es war nur gekommen , was kommen sollte ; das Natürliche , das von Uranfang an Bestimmte hatte sich vollzogen , und Berndt selber , tiefbewegt in seinem Herzen , hatte sich des Glückes der Glücklichen gefreut . Aber welch andere Minuten dann , als eine kleine Weile später der zweite Schlitten vorgefahren war und Krist und Pachaly den auf Betten und Kissen gelegten Tubal langsam und leise treppauf getragen hatten . Und auch Hektor hatte mit hinauf gewollt ; aber gleich an der ersten Treppenstufe hatte seine Kraft versagt , und er war den schmalen Küchenkorridor entlang bis an seine Binsenmatte zurückgekrochen . Da lag er nun und schob sich näher an die warme Wandstelle hinter dem Herde ; denn ihn fror . Um elf Uhr war Doktor Leist von Lebus gekommen . Er stieg - so geräuschlos es seine Gewohnheit und seine Schneestiefel zuließen - in den oberen Stock hinauf und trat hier in das Krankenzimmer ein , in dem die Vorhänge , der prall auf die Fenster stehenden Morgensonne halber , dicht geschlossen waren . » Wir müssen Licht haben « , sagte er und schob eine der Gardinen beiseite . Nun erst sah er Tubal . Dieser hatte heftige Schmerzen , ertrug aber ohne Zucken das Sondieren seiner Wunde , trotzdem eine » leichte Hand « nicht gerade das war , worüber Doktor Leist Verfügung hatte . » Brav , junger Herr , das nenn ich tapfer ausgehalten . « » Was ist es ? « fragte Tubal . » Ein häßlicher Fall ; Perforation der Milz . Aber was ist die Milz ? Das Überflüssigste , was der Mensch hat . Es gibt welche , die sie sich ausschneiden lassen . Und Jugend überwindet alles . In vier Wochen setzen wir uns hier ans Fenster , zählen die Dohlen auf dem Kirchendach und rauchen eine Pfeife Tabak . Sie rauchen doch , junger Herr ? « Tubal verneinte . » Nun , dann spielen wir Patience oder Mariage . « » Patience . « Der alte Leist streichelte dem Schwerverwundeten die Hand . » Das ist recht ; immer Kopf oben und bei Laune geblieben . Gute Laune heilt und ist das beste Pflaster . « Und darnach stieg er wieder treppab , um unten in Berndts Arbeitscabinet über den Befund seiner Untersuchung zu berichten . » Nun , Doktor ? « fragte Vitzewitz . Der alte Leist zuckte die Achseln . »