der Stadt , daß die da kürzlich ermordete Frau eine Schwester der Frau von Gülpen gewesen ist ! Das alles wird die Antwort gehindert haben ! Und dein Vater wird wol selber kommen ! Nein ! rief Armgart , wild mit dem Fuß auftretend , und entfloh dann und schoß den Weg hinunter . Künstlich angelegte und wohlunterhaltene Wege führten niederwärts und zuletzt in den erwähnten Garten , in welchem Durchreisende unter einer langen Veranda die hochberühmte Aussicht genossen . Armgart war bereits lange unten , als Angelika ihr nachkam ... Die Menschen hier ! jammerte Armgart ihr entgegen und sah dabei doch über alle Tische hinweg , über Engländer , Maler , Studenten , berliner Hofräthe und Hofräthinnen und wer alles in Naturandacht hier beisammensaß ... Sie suchte Benno , der nicht zu sehen war ... Angelika bestellte zwei Gläser Milch . Wenn das da deine Mutter wäre ! flüsterte die Erzieherin neckend und zeigte auf eine junge Dame , die mit der Lorgnette die Gegend und die beiden Ankömmlinge musterte ... Sie wollte nur Armgart durch den Scherz beruhigen ... ... Armgart blickte rasch hinüber , dann wandte sie sich ab ... Du zweifelst wol , schmeichelte Angelika , weil die Dame so jung ist ? Ei , deine Mutter ist eine ganz junge Frau , die nur zu lebendig , zu rührsam noch sein soll ! Dein Vater mag ein vortrefflicher Jäger und Schwimmer und was sonst noch alles sein , aber mürrisch und kalt ist er ! Das hast du doch schon an dem einsilbigen Hedemann gesehen ! Armgart sagte , Hedemann gefiele ihr ganz wohl ... Eines nur hat deine Mutter , fuhr Angelika flüsternd fort , was sonst nur dem Alter gehört ... ganz silbergraue Haare soll sie haben ... Armgart wandte den Kopf ... Sie ist nicht vierunddreißig Jahre , hab ' ich gehört , und doch hat sie ganz silbergraue Haare ! Sie trägt sie vorn in langen Locken und soll bei ihrer Jugendlichkeit und Schönheit damit so auffallen , daß alles still steht und ihr nachsieht ! Armgart gerieth in die größte Aufregung . Sie fand den Ursprung dieser Locken nur im Kummer ... die Augen umflorten sich ihr , wie wenn ihnen Thränen zuströmen wollten ... Nun aber ertönte in nächster Nähe ein Posthorn ... Armgart lehnte sich rasch über die Brüstung des Gartens . Von der Universität her kam eben die Post angefahren ... Hüben schon seit fünf Tagen konnte Armgart das Posthorn nicht hören , ohne sich aus Kocher , und drüben seit gestern nicht , ohne sich schon aus Wien eine Antwort zu denken ... Der gelbe große » Rumpelkasten « ( Pensionsausdruck ) hielt am Roland und heraussprang - seligste Freude belohnter Erwartung ! - in der That Benno ... Die Post selbst fuhr weiter ... Aber Benno war sogleich in den Roland getreten und nun hielt die Post vor den Vier Jahreszeiten . Hier sprang ein zweiter Passagier heraus ... Alles das sah Angelika , aber nicht Armgart mehr . Armgart zog die Freundin mit sich fort - ohne daß die Milch bezahlt war ! Benno könnte ja so leicht zu den drei Birnbäumen hinaufgehen wollen - » unnützerweise « , sagte sie - sie müßten also zu ihm . Der Weg ging durch das Haus ; nun - » schliff sie sich ab « in ihrer Art , an jedem , der ihr in den Weg kam , an Kellnern , die Kaffeegeschirr trugen , am Wirth , der dem neuangekommenen Fremden die besten Zimmer seines Hotels zeigen wollte , an diesem Fremden selbst , der sie mit neugieriger Theilnahme musterte . Sie flog voraus zum Roland und nicht etwa in dem Ueberwallen eines durch das Wiedersehen beglückten liebenden Herzens , sondern weil der » gute Mensch und Vetter sie ja möglicherweise irgendwo suchen könnte , wo sie gar nicht war « ... Alles das sah Angelika mit Entsetzen , zahlte , ließ ganz gegen ihre Gewohnheit einige herauszubekommende Pfennige im Stich und kam nur eilends nach und gerade noch zur rechten Zeit , um die schon über die ersten freudigen Begrüßungen Hinausgekommenen zu trennen mit den Worten : Halt Armgart ! Was soll das ? Der Brief ist an mich ! Die Adresse eines von Armgart schon halb erbrochenen Briefes war allerdings an » Demoiselle Angelika Müller « ... Aber vom Onkel Dechanten ist doch der Brief ! rief Armgart und mit wiederholtem : Was schreibt er denn ? folgte sie Angelika , die zur Seite abgewandt schon mitten auf der Landstraße zu lesen begann ... Und im Grunde besaß Angelika ganz die Spannung , wie Armgart , wenn sie dieselbe auch nicht eingestand . Benno stand inzwischen in bestäubten Reisekleidern vor dem Wirthshause zum Roland und sprach mit dem Wirth , der ganz besonders erwartungsvoll seinem Eintritt entgegengeharrt zu haben schien . Als Armgart gleich mit ihrem Taschentuch ihn abzustäuben begonnen , hatte Herr Zapf mit mächtiger Stimme dem Hausknecht gerufen . In Kurzem war Benno befähigt , die Damen begleiten zu können . Im Lesen vertieft und sogar des Chausseegrabens nicht achtend , schob sich Angelika querwärts in die Anhöhen hinauf . Armgart mit der Linken zurückdrängend , hielt sie mit der Rechten den Brief versteckt und lehnte jetzt schon eine Mittheilung zu machen ab . Müßte sie doch selbst erst ganz orientirt sein , sagte sie , und dann noch hinge jede Entscheidung von dem Pfarrer Engeltraut ab und von den Englischen Fräulein ... und sie wisse ja das alles , was Anstand und Hausregel in Lindenwerth mit sich brächten ! Armgart faltete die Hände gen Himmel ... Benno suchte von dem Wirth loszukommen , der ihn in emsigem Gespräch begleitete ... Das wußte schon Armgart von der ersten Begrüßung her , auf ihr laut gerufenes : Hier ! Hier ! der Brief war an Benno aus der Residenz des Kirchenfürsten nachgeschickt worden , der Dechant hatte ihm diese Zeilen übersandt als Einschluß einer umgehenden Antwort auf die Mittheilung über