Vater , vor der Mutter , vor Alfred und vor allen Menschen . Nur in Zeichen , die sich von selber gaben , und in Worten , die nur uns verständlich waren , und die wie von selber auf die Lippen kamen , machten wir sie uns gegenseitig kund . Tausend Fäden fanden sich , an denen unsere Seelen zu einander hin und her gehen konnten , und wenn wir in dem Besitze von diesen tausend Fäden waren , so fanden sich wieder tausend , und mehrten sich immer . Die Lüfte , die Gräser , die späten Blumen der Herbstwiese , die Früchte , der Ruf der Vögel , die Worte eines Buches , der Klang der Saiten , selbst das Schweigen waren unsere Boten . Und je tiefer sich das Gefühl verbergen mußte , desto gewaltiger war es , desto drängender loderte es in dem Innern . Auf Spaziergänge gingen wir drei , Mathilde , Alfred und ich , jetzt weniger als sonst , es war , als scheuten wir uns vor der Anregung . Die Mutter reichte oft den Sommerhut und munterte auf . Das war dann ein großes , ein namenloses Glück . Die ganze Welt schwamm vor den Blicken , wir gingen Seite an Seite , unsere Seelen waren verbunden , der Himmel , die Wolken , die Berge lächelten uns an , unsere Worte konnten wir hören , und wenn wir nicht sprachen , so konnten wir unsere Tritte vernehmen , und wenn auch das nicht war , oder wenn wir stille standen , so wußten wir , daß wir uns besaßen , der Besitz war ein unermeßlicher , und wenn wir nach Hause kamen , war es , als sei er noch um ein Unsägliches vermehrt worden . Wenn wir in dem Hause waren , so wurde ein Buch gereicht , in dem unsere Gefühle standen , und das andere erkannte die Gefühle , oder es wurden sprechende Musiktöne hervorgesucht , oder es wurden Blumen in den Fenstern zusammengestellt , welche von unserer Vergangenheit redeten , die so kurz und doch so lang war . Wenn wir durch den Garten gingen , wenn Alfred um einen Busch bog , wenn er in dem Gange des Weinlaubes vor uns lief , wenn er früher aus dem Haselgebüsche war als wir , wenn er uns in dem Innern des Gartenhauses allein ließ , konnten wir uns mit den Fingern berühren , konnten uns die Hand reichen , oder konnten gar Herz an Herz fliegen , uns einen Augenblick halten , die heißen Lippen an einander drücken und die Worte stammeln : Mathilde , dein auf immer und auf ewig , nur dein allein , und nur dein , nur dein allein ! O ewig dein , ewig , ewig , Gustav , dein , nur dein , und nur dein allein . Diese Augenblicke waren die allerglückseligsten . So war der tiefe Herbst gekommen . Wir hatten in dem Reste des Sommers ein Äußeres nicht vermißt . Mathilde und Alfred hatten immer weniger verlangt , in die Nachbarschaft zu fahren , und so war es gekommen , daß auch die Eltern weniger fuhren , und daß auch Fremde weniger zu uns kamen . Wenn sie aber da waren , wenn auch Alfred an den Spielen und Ergötzungen der Kinder Teil nahm , so war Mathilde doch teilnahmloser als je . Sie hielt sich ferne , wie eine , die nicht hieher gehört . Auch in ihrem körperlichen Wesen war in dieser kurzen Zeit eine große Veränderung vorgegangen . Sie war stärker geworden , ihre Wangen waren purpurner , ihre Augen glänzender geworden . Alfred liebte mich sehr . Neben seinen Eltern und seiner Schwester liebte er vielleicht nichts so sehr als mich , und ich vergalt es ihm mit ganzer Seele . Der späte Herbst war endlich dem Beginne des Winters gewichen . Wie wir sehr früh von der Stadt auf das Land gingen , so blieben wir auch sehr tief in die sinkende Jahreszeit hinein auf demselben . Alfreds Erwartung war in Erfüllung gegangen . Das Obst und die Trauben waren abgenommen worden . Auf den Zweigen der Bäume war kein Blatt mehr , und der Nebel und der Frost zogen sich durch die Gründe des Tales . Da gingen wir in die Stadt . Dort war Mathilde enger umgrenzt . Lehrer , Erziehungsstunden , Unterricht , Arbeiten drängten sich an sie heran . Ihr ganzes Wesen aber war begeisterter und getragener , und ich erschien mir reich , um vieles reicher als die Besitzer all der Häuser , der Paläste und des Glanzes der ungeheuren Stadt . Wir konnten uns nur seltener sprechen ; aber wenn sie mir auf dem Gange begegnete , wenn sie mir in dem Zimmer der Mutter einige Worte sagen konnte , wenn in der Menge das Geschick uns an einander vorüberführte , oder wenn uns ein anderer günstiger Augenblick gegeben war : dann sagten mir ihre schönen Augen , dann sagten einige Worte , wie sehr wir uns liebten , wie unveränderlich diese Liebe sei , und wie unbegrenzt unsere Seelen einander beherrschten . Sie wurde jetzt auch von andern Leuten bemerkt , und junge Männer richteten ihre Augen auf sie ; aber wenn man ihr entgegen kam , wenn ihr gehuldigt wurde , wenn man sie in einer Familie feierte : so war sie ganz ruhig gegen diese Dinge , setzte ihnen gar keine Äußerung entgegen , und ihr engelschönes Wesen sagte mir , es sagte es nur von mir verstanden , daß sie mit ihrer wundervollen Gestalt , mit der Wärme ihrer Seele und dem Glanz ihres Aufblühens nur mich beglücke , und daß es ihr Wonne mache , mich beglücken zu können . Oft , wenn ich von weiten Gängen in der Stadt zurückkehrte und zu dem Hause kam , in welchem wir wohnten , blieb ich stehen und betrachtete das Haus . Es war merkwürdiger , es war gefeit worden vor den Häusern der