Dialogen , aber den gegenwärtigen noch viel stärker als die meisten andern , trifft : daß er dem guten Sokrates unaufhörlich seine eigenen Eier auszubrüten gibt , und ihm ein System von Philosophie oder Mystosophie unterschiebt , womit der schlichte Verstand des Sohns des Sophroniskus wenig oder nichts gemein hatte ; kurz , daß er ihn nicht nur zu einem ganz andern Mann , sondern in gewissen Stücken sogar zum Gegentheil dessen macht was er war . Wir wissen was er hierüber zu seiner Rechtfertigung zu sagen pflegt , und lassen es dabei bewenden . Aber auf die sehr natürliche Frage : » Woher uns dieser Dialog komme ? « sollte er doch die Antwort nicht schuldig bleiben . Das Ganze ist die Erzählung eines im Peiräon9 am Feste der Thracischen Göttin Bendis10 im Hause des reichen alten Cephalus vorgefallenen philosophischen Gesprächs zwischen Sokrates , Glaukon und Adimanthus ; denn die übrigen im Eingang vorkommenden Personen nehmen an dem Hauptgespräche bloß mit den Ohren Antheil . Diese Erzählung legt Plato dem Sokrates selbst in den Mund ; aber an wen die Erzählung gerichtet sey , und aus welcher Veranlassung ? Wo und wann sie vorgefallen ? davon sagt er uns kein Wort . Was müssen wir also anders glauben , als Sokrates habe dieses Gespräch allen , die es zu lesen Lust haben , schriftlich erzählt , d.i. er habe ein Buch daraus gemacht ? Wir wissen aber daß Sokrates in seinem ganzen Leben nichts geschrieben hat , das einem Buche gleich sieht . Plato verstößt also gegen alle Wahrscheinlichkeit , da er ihn auf einmal zum Urheber eines Buches macht , das kaum um den sechsten Theil kleiner ist als die ganze Ilias . Doch wir wollen ihm die Freiheit zugestehen , die man einem Dichter von Profession nicht versagen würde , den Sokrates zum Schriftsteller zu machen , was dieser wenigstens hätte seyn können , wenn er gewollt hätte : aber wie kann er verlangen , wir sollen es für möglich halten , daß ein Gespräch , welches von einem nicht langsamen Leser in sechzehn vollen Stunden schwerlich mit einigem Bedacht gelesen werden kann , an Einem Tage gehalten worden sey , wenn gleich ( was doch keineswegs der Fall war ) sein redseliger Sokrates von Sonnenaufgang bis in die sinkende Nacht in Einem fort gesprochen hätte ? Adimanth und Glaukon , welche bei weitem in dem größten Theile des Gesprächs bloße Wiederhaller sind , brauchten sich zwar auf ihre ewigen , » ja freilich , allerdings , nicht anders , warum nicht ? so scheint ' s , ich sollte meinen , « und wie die kopfnickenden Formeln alle lauten , eben nicht lange zu bedenken ; aber man muß doch wenigstens Athem holen , und da in diesen vollen sechzehn Stunden , die das Gespräch dauert , weder gegessen noch getrunken wurde , so kann man ohne Uebertreibung annehmen , der gute Sokrates müßte sich , trotz seiner kräftigen Leibesbeschaffenheit , dennoch zuletzt so ausgetrocknet und verlechzt gefühlt haben , daß es ihm unmöglich gewesen wäre , das wundervolle Ammenmährchen von dem Armenier Er , womit Plato seinem Werke die Krone aufsetzt , in hörbaren Lauten hervorzubringen . Laß uns indessen aus Gefälligkeit gegen den philosophischen Dichter über alle diese Unwahrscheinlichkeiten hinausgehen : aber wer kann uns zumuthen ( höre ich einige meiner kunstliebenden Freunde sagen ) , daß wir die Urbanität so weit treiben , die Augen mit Gewalt vor einem andern Fehler zuzuschließen , der ganz allein hinreichend ist , jedes Kunstwerk , wie schön auch dieser oder jener einzelne Theil desselben seyn möchte , insofern es ein Ganzes seyn soll , verwerflich zu machen ? Was würden wir von einem Baumeister sagen , der sich um die Richtigkeit und Schönheit der Verhältnisse der Seiten , Hallen , Säle , Kammern , Thüren und andrer einzelner Theile seines Gebäudes so wenig bekümmerte , daß er ohne Bedenken die rechte Seite kürzer als die linke , oder das Vorhaus größer machte als das Wohnhaus ; einem hohen geräumigen Speisezimmer kleine Fenster und ungleiche Thüren gäbe , und den Gesellschaftssaal neben die Küche setzte ? Oder wie würden wir den Maler loben , der , wenn er z.B. den Kampf des Hercules mit dem Achelous zum Hauptgegenstand eines Gemäldes genommen hätte , uns auf derselben Tafel die schöne Deianira unter einem Gewimmel von Mägden mit Trocknen ihrer Wäsche beschäftigt zeigte , und , zu mehrerer Unterhaltung der Liebhaber , auf beiden Seiten noch eine Aesopische Fabel , eine Gluckhenne mit ihren Küchlein neben einem sich stolz in der Sonne spiegelnden Pfauhahn anbringen , und das alles so genau und zierlich auspinseln wollte , daß der Zuschauer , zweifelhaft ob der Fuchs und der Rabe , oder Deianira mit ihren Mägden , oder Hercules und Achelous , oder die Gluckhenne und der Pfau die Hauptfiguren des Stücks vorstellen sollten , über dem Betrachten der Nebendinge den eigentlichen Gegenstand immer aus den Augen verlöre ? Wiewohl dieser Tadel sich auf eine , meiner Meinung nach , etwas schiefe Ansicht des Dialogs , als Kunstwerk betrachtet , gründet , und daher um vieles übertrieben ist , wie ich in der Folge zu zeigen Gelegenheit finden werde : so muß ich doch gestehen , daß das vor uns liegende Werk von einem auffallenden Mißverhältniß der Theile zum Ganzen , und von Ueberladung mit Nebensachen , welche die Aufmerksamkeit von der Hauptsache abziehen und nöthigern Untersuchungen den Weg versperren , nicht ganz frei gesprochen werden könne . Das Problem , warum es dem angeblichen Sokrates eigentlich zu thun ist , nämlich den wahren Begriff eines gerechten Mannes durch das Ideal eines vollkommenen Staats zu finden , macht kaum den vierten Theil des Ganzen aus ; und ob ich schon nicht in Abrede bin , daß der Verfasser die häufigen Abschweifungen und Episoden mit der Hauptsache in Verbindung zu setzen gesucht hat , so ist doch unläugbar , daß einige derselben wahre Auswüchse und üppige Wasserschößlinge sind , andere hingegen ohne alle