Redaktion des Bunten Allerlei von sich rühmen durfte . Lange blieb es ja unter Eingeweihten kein Geheimniß mehr , daß in Leonhart der eigentliche Centraldichter unsrer Zeit schlummerte . In ihm wäre uns der lang Ersehnte beschieden gewesen . Und nun ein so schreckliches Ende - weihen wir ihm eine stille Thräne ! Vielleicht wäre er der deutsche Shakespeare geworden ; so blieb er nur ein zerrütteter Shakespeare . Der schreckliche Fluch , den man unter seinen Papieren fand , trifft uns natürlich nicht . Wir haben unsre Pflicht erfüllt . Mögen die Elenden , die sich getroffen fühlen , es auf sich beziehen ! Das ist das ewig alte Los des Genies in Deutschland . Erst wenn es im Grabe ruht , erkennt man neidlos seine Größe . Was könnte dieser große Mann unserm Volke geworden sein , wenn man ihn an die richtige Stelle gesetzt hätte ! So - mußte er verkümmern , verbluten an tausend Nadelstichen . O wie ein edler Zorn uns bei diesem Gedanken durchtobt ! Wir werden demnächst Briefe des Verstorbenen publiziren , dem wir einst nahe standen . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf . II. Krastinik lag halb zurückgelehnt auf einer Bank im Regentspark . Ein traumhaftes Erinnerungsweh bewältigte ihn . Vor wenigen Minuten fuhr eine offene Karosse an ihm vorüber , in welcher Alice Egremont , jetzt Lady Mowbray , in nachlässiger Eleganz auf den Polstern sich wiegte . Unwillkürlich zuckte er empor . Ihr Auge glitt über ihn hin , sekundenlang blieb es hängen . Er grüßte , sie dankte flüchtig . Er bemerkte , daß sie erröthete . Aber wie bleich sie war ! Sollte das Gerücht begründet sein , daß sie eine unglückliche Ehe führe , daß ihr Gatte , der nur ihr Vermögen freite , sie roh behandele ? - - Regungslos saß er noch immer wie angewurzelt . Wie lange er so gesessen , er wußte es nicht . Seine gestorbene Liebe , sein gestorbener Freund , seine gestorbene Muse , die er weiter und weiter von sich entschwinden fühlte - alles floß ihm in ein gespenstiges Bild zusammen . Wo flüsterte hier nicht Erinnerung ! Er hörte ihre Stimme überall , im Zwitschern der Vögel , im Rauschen der Bäume , im Klang der fernen Vesperglocken . In jedem dieser Laubgänge wehten einstgeliebte Locken - wessen , er wußte es selber nicht . Bewahrte die Urne der Erinnerung noch ihren Nektar , dies London noch eine Spur von dem , was sein Herz hier verließ ? Hier werden einst Andre wandeln , wo er mit Dorrington plaudernd sich erging . Sie kamen hierher , Andre werden kommen . Den Traum früherer Menschenseelen werden sie fortsetzen und doch nicht vollenden . Denn diesem Traum frommt kein Erwachen . Nichts vollendet sich ja auf Erden , nichts . Alles beginnt , um nimmermehr zu enden . Wir alle erwachen , die Schlechten wie die Guten , die Großen wie die Kleinen , aber dies Erwachen heißt der Tod . Ja , der Tod weckt uns , wie ein Morgengruß . Und Leben heißt sich verschwenden an Schatten , an Schatten . Wie die alten Aegypter ihre Mumien , balsamirt die Erinnerung ihren Gram für ewig ein . Ob man den Spiegel in Scherben wirft , jede Scherbe spiegelt doch das alte Bild . Spiegle Dich nur kokett in der schmeichelnden Fluth ! Schritt für Schritt lockt es Dich tiefer , bis der Fuß ausgleitet und die Woge über Dich hingeht . So ist die Erinnerung - man spiegelt sich darin und badet und ertrinkt . Und wenn dies alles nun wahr , wahr wie Leben und Tod , - da sollte man es der Mühe werth erachten , die Befriedigung der Eitelkeit allen Geboten der Ehre voranzusetzen ? Nein , nimmermehr . - Krastinik fuhr zu Lady Dorrington und verabschiedete sich bei ihr . Zu Hause schrieb er zwei Briefe . Einen nach Haus . Von Berlin her war ihm ein Brief seines älteren Bruders nachgesandt . Die Brüder correspondirten sonst wenig , da ihre Lebensanschauungen zu verschieden . Diesmal aber erhielt er einen langen Brief des Majoratsherrn . Er befinde sich momentan auf den Stammgütern in Siebenbürgen und erwarte den Adel der Umgegend zu einer Bärenjagd . Auch sein Freund Graf A - y , der Führer der klerikalen Opposition , werde sich einfinden . Da würde man sich wohl mit Schmerz davon unterhalten müssen , auf welche traurige Bahnen ein Krastinik gerathen sei . Erstlich solle Xaver ja in Berlin sich ganz germanisirt haben und abscheuliche Preußomanie pflegen . Den Kreisen der Oesterreichischen Botschaft halte er sich ganz fern , wie man höre . Unverzeihlich von einem Krastinik . Aber noch schlimmer , man sehe , ihn stets in Gesellschaft plebejischen Gesindels , herabgekommener Litteraten . Er scheine sich allen Ernstes als » Schriftsteller « von Beruf zu fühlen . Jetzt nun gar , - mit Indignation habe er als Haupt der Familie davon Kenntniß genommen , daß Xaver Krastinik mit einem sogenannten Bühnenstück Furore mache . Vermuthlich sei er vom Publikum auch herausgebrüllt worden und , dem Hervorruf gehorsam , vor den Vorhang getreten ? Ob er denn nicht selber fühle , wie wenig das für einen Krastinik schicklich sei ? In andern Ländern möge das ja angehn . Ein Graf Tolstoy und verschiedene Fürsten schrieben ja auch . Aber grade , in Deutschland , wo man mit Recht die Schriftsteller als Menschen auffasse , die ihren Beruf verfehlten ! Als erhabener Dilettant Werke zu redigiren , wie Sr. k.k. Hoheit Kronprinz Rudolf , sei ja gewiß ein vornehmer Sport . Aber die Art und Weise , wie Xaver diesen Sport treibe , sei skandalös . Ganz als bürgerliches Metier . Ob er vielleicht mit Cohn und Itzig schon