und ein Zeitraum von mehr als fünf Jahren trennte es von dem ersten der in der Mappe vorhandenen Briefe , der nur aus wenig Linien bestand . Er war mit einer festen kaufmännischen Hand geschrieben , an Mademoiselle Seba Flies nach deren Vaterstadt adressirt und enthielt nichts , als die folgende Anfrage : » Dein früherer Schützling , liebe Seba , den das Andenken an Deine Güte für ihn nie verlassen hat , möchte Dir Kunde von sich geben , wenn Du ihm seine Flucht verzeihen und von ihm hören willst . Es geht ihm sehr wohl , und er hat nichts zu bereuen und zu bedauern , als daß seine Entfernung aus dem Vaterlande , das ihm keine Heimath ist , ihn auch aus Deiner Nähe entfernte . Denkst Du seiner noch , willst Du von ihm hören und ihn sehr erfreuen , so schreibe ihm und sage ihm , wie es Dir , wie es Deinem guten Vater , Deiner Mutter und dem Herrn Kriegsrath geht . Unter dem Namen Paul Tremann treffen ihn alle Briefe , die an das Handlungshaus von Samuell Willway Gebrüder , New-York , gerichtet werden . « Ein zweiter , offenbar als Entgegnung auf Seba ' s Antwort geschriebener Brief schilderte Paul ' s Erlebnisse seit seiner Flucht . » Ich weiß es Dir nicht auszusprechen , « hieß es in demselben , » meine theure , geliebte Seba , wie mir zu Muthe war , als ich vor zwei Tagen Deinen Brief in meinen Händen hielt ! Ein ganz neues Gefühl ist über mich gekommen , ich habe Heimweh empfunden , Heimweh nach Dir , die Du das Einzige bist , was mich an Europa und an meine sogenannte Heimath fesselt ! Der Gedanke , daß Du gestorben sein könntest , daß ich Dich nicht wiedersehen würde , hat mich oft gequält , und ich kann daran ermessen , wie schwer der Tod Deiner Mutter auf Dich und auf Deinen Vater eingewirkt haben muß ! Ich möchte da gewesen sein , Dich zu trösten , ich möchte überhaupt bei Dir sein können , um Dir Freude zu machen , Dir eine Stütze zu werden , wenn einmal auch Dein Vater hingehen wird - und während ich das schreibe , sage ich mir , es werde Dich dies anmaßlich und befremdlich dünken , da ich in Deiner Erinnerung nur als ein Knabe lebe , der sich selber nicht zu helfen wußte , bis eine gewaltsame Empfindung ihn zu einem gewaltsamen Entschlusse brachte . Da Du mich nicht vergessen hast , wirst Du Dich auch erinnern , wie der Gedanke , meinen Vater in meiner Nähe zu wissen , mich bewegte . Ich hatte im Herzen ein Bild von ihm bewahrt , ich dachte an ihn wie an den schönsten Mann , ich wußte , daß er mich geliebt , daß ich auf seinen Knieen gesessen , daß er mich geküßt hatte , daß er mir freundlich gewesen war . Im täglichen Leben fiel mir das nur selten ein , aber seit ich älter geworden war , träumte ich bisweilen davon , und ich hegte damals noch die Zuversicht , daß meine Träume sich doch einmal verwirklichen müßten . Es war meine Märchenwelt , und mein Vater war es , der sie beherrschte . Als ich dann plötzlich erfuhr , daß mein Vater in der Stadt sei , ließ es mir keine Ruhe . Ich hatte ein Verlangen , zu ihm zu gehen , bei ihm zu sein , aber die Furcht , nicht wohl empfangen oder gar abgewiesen zu werden , hielt mich von der Ausführung meiner Wünsche zurück , und in mein Planen und einsames Sinnen fiel , wie ein vernichtender Wetterstrahl , die eilige und harte Erklärung der Kriegsräthin , daß mein Vater sich meines Daseins schäme , daß meine Geburt mich mit unauslöschlicher Schande brandmarke , daß ich es als ein Glück und eine Gnade anzusehen hätte , wenn eine andere Familie , wenn sie und der Kriegsrath sich entschlössen , mit ihrem Namen die Schande meiner Abkunft großmüthig zu verdecken . Ich müßte viel Zeit darauf verwenden , wollte ich Dir deutlich machen , was in der Einen Nacht in meinem Innern vorging und was ich in mir erlebte , als am nächsten Tage mein Vater , den ich mit klopfendem Herzen wiedersah und der mich auch erkannte , sein Auge von mir wendete , da ich ihm im Laden gegenüber stand . Ich konnte nicht bleiben ! Wie sollte ich , so rief es immerfort in mir , einem andern Menschen frei unter das Auge treten , da meines Vaters Auge sich von mir abgewendet hatte ? Ich fürchtete , ich scheute mich vor Jedem , der mich kannte , die Scham trieb mich von dannen . Ich lief nach dem Hafen hinaus . Ich war stets gern im Hafen gewesen , das Kommen und Gehen der Schiffe , die Namen der Orte , von denen sie kamen , hatten mich oft beschäftigt , meine Gedanken oft in die weite Ferne gelockt ; aber als ich an dem Bollwerke des Ufers auf und nieder ging , ohne zu wissen , wohin ich mich wenden sollte , gewann das Wasser selbst eine Gewalt über mich . Es zog mich an . Ich dachte , so müsse es meiner Mutter auch gewesen sein und ich müsse es machen wie sie , als auch ihr das Leben und die Schande zu viel und zu schwer geworden waren . Ich stellte mir mit Vergnügen vor , wie die Kriegsräthin , die mir so weh gethan hatte , erschrecken würde , wenn man ihr meine Leiche brächte ; ich hoffte , auch meinem Vater werde es Kummer machen und Reue einflößen , und so voll Bitterkeit und Haß war meine Seele , daß ich Deiner kaum dabei gedachte . Ich wollte mir das Leben nehmen , um der Schande los zu werden und mich an denen zu rächen , die mir alle diese