schien , bis sie den Ansatz machte , diesen oder jenen Weg einzuschlagen , sprang jene schon voraus und machte den von Angelika endlich gewählten Weg zweimal und da gab es denn bald wieder Heiterkeit , Lachen , Kuß und Umarmung . Das gewohnte Ziel ihrer stillbeschaulichen Wanderungen lag auf der Anhöhe . Angelika wäre heute lieber in die schönen , eleganten Wirthschaften und Gasthöfe gegangen , die am Fuße des Hüneneck liegen oder in den dem Wasser näheren , wenn auch weniger comfortablen Roland . Doch dahin brachte Armgart nichts . Sie wies zu Hecken und Obstgärten hinauf und umschmeichelte die Freundin so lange , bis diese zuletzt zu den bekannten drei Birnbäumen folgte . Das waren drei einsame Birnbäume auf einem terrassenartigen Vorsprung der hohen Berglehne am Fuße des Hüneneck mit einer kleinen Bank und einer ganz himmlischen Aussicht . Hier oben pflegte sich Armgart , wenn sie etwas athemlos von der steilen Anhöhe angekommen war , gleich in das rings wachsende Gras zu werfen und sich manchmal noch ganz wie ein fünfjähriges Kind zu kugeln , manchmal aber auch von hundert Sorgen , von denen sie bedrückt zu sein vorgab , sich auszuklagen und auszuweinen ... So heute ... Und heute nicht einmal vor Sorgen allein , sondern nur vor Ungeduld und Unruhe . Sie wußte , daß Benno in der Gegend war ... Er hatte ihr durch Tönneschen ' s Vater , der ihn gestern oberhalb der Insel übergesetzt hatte , sagen lassen , er hätte zwar bald in diesem , bald in jenem Dorfe ringsum zu thun , aber auch am Hüneneck , und vielleicht könnte er sie am Sonnabend Nachmittag irgendwo flüchtig begrüßen , am liebsten da , wo nicht die ganze Pension dabei wäre und jedenfalls nicht auf der Insel . Nun denke man sich die Unruhe , als die Beichte und das Mittagessen vorüber waren ! Und sagen wollte sie es Angelika auch nicht , was sie von Tönneschen ' s Vater wußte , den sie mit ganzen fünf Silbergroschen für seine Mittheilung belohnt hatte . Kind ! sprach Angelika , die noch immer nicht ganz die Kränkung ihres funfzehnjährigen Geliebten vergessen konnte , mit ernstem Verweise . Ich bewundere die Nachsicht , die Pfarrer Engeltraut mit dir hat ! Er kennt mich immer noch besser als du ! antwortete Armgart mit klagender Stimme ... Weil er so nachsichtig ist , dir alles zu glauben ! Freilich , wo soll auch der gute Mann all ' die Geduld herbekommen , von so vielen jungen , zur Hälfte erst gefirmelten Mädchen sich ihre Unarten erzählen zu lassen ! Sprach der Pfarrer heute von deinen abgeschickten beiden Briefen ? Wovon nur sonst ! Was sagte er ? Ich würde die Mutter doch nicht sehen können , ohne ihr nicht gleich ans Herz zu fliegen ! Das denk ' ich auch ! Und du gelobtest es ? Nein ! Armgart ! Ich werde die Mutter umarmen , wenn ich dabei die Hand des Vaters halte ! Bisjetzt war Onkel Levinus mein Vater ; Tante Benigna meine Mutter ! Ich will Aeltern haben , aber Aeltern , die sich lieben ! Lieben sie sich nicht , so will ich sie nicht hassen , aber - Der Hufschlag eines Reiters aus der Gegend von der Universitätsstadt her unterbrach sie ... Nun merkte Angelika etwas an dem Aufblicken und dem Abbrechen und Vergessen der Rede und wurde ängstlich . Sie schlug vor , am Gelände des Berges weiter zu wandern und dann in den Garten der » Vier Jahreszeiten « niederzusteigen . Dort hätte sie , wenn wie sie ahnte , Benno oder Thiebold kommen sollte , den lebhaften Verkehr vorschützen können . Sie sagte : In den Vier Jahreszeiten ist immer so auserlesene Gesellschaft ! Und ihr jungen Mädchen könnt euch nicht früh genug abschleifen ! Komm , Armgart ! Damit ging sie schon . Armgart lachte hinter ihr her . » Abschleifen ! « rief sie ... Es war ein Lieblingsausdruck Angelika ' s ... eines von den klugen Lebensworten , zu denen auch das » Sichherausreißen « der Madame Serlo-Leonhardi einst gehört hatte . Schon manche der Pensionärinnen hatte die boshafte Bemerkung gemacht : Fräulein Angelika Müller ist allerdings vom Leben schon so abgeschliffen , daß nichts mehr an ihr übrig geblieben ist ! - eine böse Anspielung auf die allerdings nicht unbedeutende Abstraction ihrer äußern Erscheinung . Als Angelika nach Armgart ' s Ausdruck » consequent wie eine gerade Linie « weiter ging , um durch die Baumwege von hinten her in den Garten der Vier Jahreszeiten zu kommen , folgte Armgart ihr erst leise auf den Zehen nach und wollte sie rasch mit der Schleife ihres Strohhutes an einen Baum binden . Hier ist unsere Jahreszeit ! sagte sie . Siehst du ! Trauriger , düsterer Herbst ! Wie die Blätter fallen ! Und die Birnen sind noch nicht einmal reif - Dabei hatte sie eine gepflückt und versuchte sie trotz alles Weinens und aller Ungeduld des Herzens ... Die Erzieherin zankte jetzt wieder in allem Ernst , band sich frei , behauptete ihre Autorität und ging . Sie ängstigte sich wahrhaft , Benno von Asselyn oder der dreiste Thiebold de Jonge könnten hier so plötzlich hinter einem Busch hervortreten ... Armgart folgte und sagte : Ich habe keine Kraft ! Wie eine Binse könnt ihr mich biegen ! Als aber Angelika immer mehr eilte , erhob sie die Stimme zu feierlichem Ernst und rief laut hinter ihr her : Das aber sag ' ich euch , wenn ich Furcht bekomme vor mir selbst und gegen euch alle nicht mehr aufkommen kann , dann flieg ' ich davon und sollt ' es in die Flamme des großen Gottesherzens selber sein ! All ' ihr Heiligen ! wandte sich Angelika jetzt und sagte mit ängstlich schmeichelnder Geberde : Aber Kind , so beruhige dich doch ! Der Dechant ist ja nur so lässig ! Er wird ja schreiben ! Auch hört man ja aus