bis ans Ende Lais seyn sollte . Ich möchte sagen , das Schicksal war es gewissermaßen der Menschheit schuldig ; sie mußte fallen ; aber ich bin gewiß sie fiel wie die Polyxena des Euripides , » selbst im Fallen noch besorgt keine Blöße zu zeigen . « Nichts wäre ihr unerträglicher gewesen als vor irgend einem Auge , das einst Zeuge ihrer Glorie war , als ein Gegenstand des Mitleidens zu erscheinen . Die Art , wie sie verschwand , war die letzte Befriedigung ihres Stolzes : wir werden nichts mehr von ihr hören . Du siehest , guter Eurybates , wie ich bei diesem traurigen Ereigniß mein Gefühl zu beschwichtigen suche . Aber die Natur behauptet ihr Recht darum nicht weniger ; es kommen Augenblicke , da ich , wenig stärker als Musarion ( deren Thränen um ihre geliebte Freundin und Wohlthäterin so bald nicht versiegen werden ) eine Art von Trost darin finde meinem Schmerz nachzuhängen ; Augenblicke , da die schöne Unglückliche in aller ihrer Liebenswürdigkeit vor mir steht , und einen Glanz um sich her wirft , worin jede Schuld verschwindet und Flecken selbst zu Reizen werden . In solchen Augenblicken möcht ' ich mit dem Schicksal hadern , daß es einen so düstern Schatten auf das herrliche Götterbild fallen ließ ; und die vom Herzen bestochne Einbildungskraft spiegelt mir eine trügerische Möglichkeit vor , wie alles anders hätte gehen können ; bis endlich die Vernunft das gefällige Duftgebilde wieder zerstreut , und mich , wiewohl ungern , zu gestehen nöthigt : es habe dennoch so gehen müssen , und , wie unbegreiflich uns auch die Verkettung unsrer Freiheit mit dem allgemeinen Zusammenhange der Ursachen und Erfolge seyn möge , immer bleibe das Gewisseste , daß das ewige , mit der schärfsten Genauigkeit in die Natur der Dinge eingreifende Räderwerk des Schicksals nie unrichtig gehen kann . 4. An Ebendenselben . Ueber Platons Dialog von der Republik . In Lagen , wo das Gefühl mit der Vernunft ins Gedränge kommt , ist uns alles willkommen , was uns in einen andern Zusammenhang von Vorstellungen versetzt , die entweder durch Neuheit , Schönheit und Wichtigkeit anziehen , oder durch einen Anstrich von sinnreichem Unsinn und Räthselhaftigkeit zum Nachdenken reizen , und sich unvermerkt unsrer ganzen Aufmerksamkeit bemächtigen . In dieser Rücksicht , lieber Eurybates , hätte mir der neue Platonische Dialog , womit du mich beschenkt hast , zu keiner gelegenern Zeit kommen können . Ich habe ihn , unter häufig abwechselnden Uebergängen von Beifall , Interesse , Bewunderung und Vergnügen - zu Mißbilligung , Kopfschütteln , Langeweile und Ungeduld , bereits zum zweitenmale durchgelesen ; was wenigstens so viel beweiset , daß , meinem Gefühle nach , das Lobenswürdige in diesem seltsamen Werke mit dem Tadelhaften um das Uebergewicht kämpfe , und es daher keine leichte Sache sey , über den innern Werth oder Unwerth desselben ein unbefangenes Urtheil auszusprechen . Wirklich scheint mir Plato alle Kräfte seines Geistes und den ganzen Reichthum seiner Phantasie , seines Witzes und seiner Beredsamkeit aufgeboten zu haben , um das Vollkommenste , was er vermag , hervorzubringen ; und ich müßte mich sehr irren , oder es ist ihm gelungen , nicht nur alle seine Vorgänger und Mitbewerber , so viele ich deren kenne , sondern , in gewissem Sinne , auch sich selber zu übertreffen . Denn unstreitig muß sogar sein Phädon , Phädrus , und das allgemein bewunderte Symposion selbst , vor diesem neuen Prachtwerke zurückweichen . Da man über diesen Punkt ( wie mir Lysanias sagt ) zu Athen nur Eine Stimme hört , und die meinige zu unbedeutend ist , um das allgemeine Koax Koax der Aristophanischen Frösche merklich zu verstärken , so wäre wohl das Bescheidenste und auf alle Fälle das Klügste , was ich thun könnte , wenn ich es bei dem bisher Gesagten bewenden ließe . Aber du verlangst meine Meinung von dieser neuen Dichtung unsers erklärten Dichterfeindes ausführlich zu lesen , und hast mich gewissermaßen in die Nothwendigkeit gesetzt dir zu Willen zu seyn , da ich nicht umhin kann , ihn gegen einen Vorwurf zu vertheidigen , den du ihm machst , und der , neben so vielen andern , die er nur zu sehr verdient , mit deiner Erlaubniß , gerade der einzige ist , von welchem ich ihn frei gesprochen wissen möchte . Bei so bewandten Dingen will ich denn ( nach andächtiger Anrufung aller Musen und Grazien die Freiheiten , die ich mir mit ihrem Günstling nehmen werde , nicht in Ungnaden zu vermerken ) mich dem Wagestück unterziehen , und dir meine Gedanken sowohl von Platons Republik als von diesem Dialog überhaupt ungescheut eröffnen ; ohne mich jedoch zu einer vollständigen Beurtheilung anheischig zu machen , welche leicht zu einem zweimal so dicken Buch als das beurtheilte Werk selbst , erwachsen könnte . Vor allem laß uns bei der Form dieses Dialogs , als dem ersten was daran in die Augen fällt , eine Weile stehen bleiben . Ich setze als etwas Ausgemachtes voraus , was wenigstens Plato selbst willig zugeben wird : daß ein Dialog in Rücksicht auf Erfindung , Anordnung , Nachahmung der Natur u.s.f. in seiner Art eben so gut ein dichterisches Kunstwerk ist und seyn soll , als eine Tragödie oder Komödie ; und ist er dieß , so muß er allen Gesetzen , die ihren Grund in der Natur eines aus vielen Theilen zusammengesetzten Ganzen haben , und überhaupt den Regeln des Wahrscheinlichen und Schicklichen in Ansehung der Personen sowohl als der Zeit , des Ortes und anderer Umstände , eben so wohl unterworfen seyn als diese . Laß uns sehen , wie der Werkmeister dieses Dialogs gegen die verschiedenen Klagepunkte bestehen wird , die ich ihm zum Theil von etlichen strengen Kunstrichtern aus meiner Bekanntschaft machen höre , zum Theil ( ohne selbst ein sehr strenger Kunstrichter zu seyn ) meinem eigenen Gefühle nach , zu machen habe . Ich übergehe den allgemeinen Vorwurf , der beinahe alle seine