gewesen , als es Aufklärung über die Verhältnisse gefordert , die ihm auffallend und unverständlich gewesen wären . Es könne sich kein denkendes Wesen zwischen Räthseln wohl befinden , und es gefalle ihm von Daviden , daß sie den Muth gefunden habe , Aufklärung zu fordern . Seba fragte ihn , was sie ihr über seine Jugend und Vergangenheit sagen solle . Er besann sich eine kleine Weile und meinte sodann , daß es nicht nöthig sei , ihr den Namen seines Vaters zu nennen . Seba bemerkte , sie sei dazu ohnehin nicht geneigt gewesen , da Renatus jetzt , wie er wisse , öfter in ihrem Hause sei , und sie knüpfte daran das Bedenken , ob es Paul nicht unerwünscht sein würde , den jungen Freiherrn gelegentlich bei ihr zu treffen . Mir ? fragte der Erstere , indem er sie mit einer gewissen Befremdung ansah . Ich wüßte nicht , daß ich die Begegnung mit irgend Jemandem , am wenigsten eine solche mit diesem jungen Manne zu scheuen hätte ; und auch ihm , obschon ich nicht die mindeste Ursache habe , auf seine Empfindungen Rücksicht zu nehmen , wird es , wie ich mir denke , sehr gleichgültig sein , mit mir zusammen zu kommen . Ich und er haben nichts mit einander gemein , am wenigsten aber wahrscheinlich in unseren Anschauungen , und wer weiß es , ob er mich überhaupt erkennt oder in wie weit seine Erinnerungen an seine Kindheit und an den Tag , an welchem wir uns gesehen haben , in ihm lebendig geblieben sind ? Es war darüber spät geworden , und die Ermüdung fing an , sich dem jungen Manne fühlbar zu machen , da er seit mehreren Nächten in kein Bett gekommen war . Er küßte Seba ' s Hand , als er ihr eine Gute Nacht wünschte ; sie umarmte ihn wie einen Sohn . Die Aussicht , daß sie künftig an demselben Orte , in demselben Hause leben würden , hatte für Beide einen großen Reiz , und Paul gefiel sich darin , es der älteren Freundin auszumalen , wie er sie hegen und pflegen wolle und wie gut er es neben ihr haben würde . Sie hörte ihm mit stillem , glücklichem Lächeln zu , aber ihr Haupt sorgenvoll wiegend , meinte sie : Was aber liegt noch alles zwischen dieser Stunde und der freudevollen Ruhe , die Du mir versprichst ? Es müssen noch Wunder geschehen , ehe wir sie genießen können ! Wunder ? Was sind Wunder ? rief Paul mit Heiterkeit . Alles ist ein Wunder und nichts ist ein Wunder ! Ist ' s denn nicht auch ein Wunder , daß ich jetzt hier in Deiner Nähe bin - daß ich armer Junge mich auf dem besten Wege befinde , ein reicher Mann zu werden - daß der Stein , den die Bauleute verworfen haben , vielleicht noch einmal zum Eckstein wird ? Die alte Wunde in Dir ist nicht vernarbt ! bemerkte Seba warnend . Vernarbt bis auf die letzte Spur , versicherte der junge Mann , und sie schmerzt bei keinem Wetterwechsel ! Bringt mich der Zufall einmal dazu , die Stelle zu betrachten , an der sie sitzt , so sehe ich die Narbe nur , um mich darüber zu freuen , daß ich stark und gesund genug zu solcher Heilung war , daß ich Niemandem dafür zu danken habe , und daß die Einzigen , gegen die ich ein Unrecht begangen , eben Du und Dein Vater sind , die es mir so schön verziehen haben ! Gute Nacht , Du Liebe ! rief er ihr noch einmal zu , und da sie ein Gefallen daran hatte , sich seinem Rathe unterzuordnen , fragte sie ihn noch einmal , was sie mit Davide machen solle . Gieb ihr die rothe Brieftasche , meinte er , im Grunde hat es auch Nichts auf sich , wenn sie die ganze Wahrheit weiß , wenn sie den Namen meines Vaters ahnt . Mich dünkt , sie kann den ganzen Inhalt lesen , und geringfügig , wie er ist , wird er ausreichen , sie zwischen uns wieder festzusetzen . Denn fest sitzen und fest stehen , wo man sich befindet , das ist die Hauptsache , wenn man in sich zu etwas kommen soll ! Neuntes Capitel Am andern Morgen arbeiteten Herr Flies und Paul schon zeitig mit einander . Seba fuhr früher aus , als sie pflegte , ohne zu sagen , wohin sie sich begebe , und Davide saß einsam in dem kleinen Stübchen , das man ihr seit ihrem letzten Geburtstage zu alleiniger Benutzung eingeräumt hatte . Sie hielt eine alte , große Brieftasche , deren fahl gewordenes rothes Leder , deren plumpe Form es deutlich zeigten , daß sie geringen Leuten angehört haben mußte und von diesen viel gebraucht worden war , in ihren Händen . Indeß das junge Mädchen blickte darauf wie auf ein Heiligthum hin , und scheu und ehrfurchtsvoll , wie man an ein solches herangeht , öffnete sie dieses alte , ihr anvertraute Familienstück . Es lagen nur vergilbte Briefe und Documente in der Brieftasche . Der Taufschein eines Hans Christian Mannert , der vor sechsundsiebenzig Jahren geboren worden , der Taufschein einer Louise Maria Wendinn , die um acht Jahre jünger war , und der Trauschein dieser beiden . Dann fand sich ein Taufschein der Pauline Louise Mannert , des Jägers Mannert Tochter , unter deren Taufzeugen sich die gnädige und hochgeborene Frau Baronin Pauline Amanda von Arten-Richten aufgeführt fand , und endlich das Taufzeugniß eines Paul Franz Mannert , der Pauline Mannert unehelich geborenen Sohnes , die alle sammt und sonders in der Kirche zu Neudorf die Taufe empfangen hatten . Daran reihte sich ein Attest , welches die Aufnahme des neunjährigen Paul Mannert in das Gymnasium bescheinigte , eine Anzahl von Schulzeugnissen schloß sich diesem an . Das letzte von diesen war in dem vierzehnten Jahre des Schülers ausgestellt