Geschwister , sagte sie , und andere Leute . Mathilde , liebst du denn auch mich ? erwiderte ich . Ich hatte sie nie du genannt , ich wußte auch nicht , wie mir die Worte in den Mund kamen , es war , als wären sie mir durch eine fremde Macht hineingelegt worden . Kaum hatte ich sie gesagt , so rief sie : Gustav , Gustav , so außerordentlich , wie es gar nicht auszusprechen ist . Mir brachen die heftigsten Tränen hervor . Da flog sie auf mich zu , drückte die sanften Lippen auf meinen Mund und schlang die jungen Arme um meinen Nacken . Ich umfaßte sie auch und drückte die schlanke Gestalt so heftig an mich , daß ich meinte , sie nicht loslassen zu können . Sie zitterte in meinen Armen und seufzte . Von jetzt an war mir in der ganzen Welt nichts teurer als dieses süße Kind . Als wir uns losgelassen hatten , als sie vor mir stand , erglühend in unsäglicher Scham , gestreift von den Lichtern und Schatten des Weinlaubes , und als sich , da sie den süßen Atem zog , ihr Busen hob und senkte : war ich wie bezaubert , kein Kind stand mehr vor mir , sondern eine vollendete Jungfrau , der ich Ehrfurcht schuldig war . Ich fühlte mich beklommen . Nach einer Weile sagte ich : Teure , teure Mathilde . Mein teurer , teurer Gustav , antwortete sie . Ich reichte ihr die Hand und sagte : Auf immer , Mathilde . Auf ewig , antwortete sie , indem sie meine Hand faßte . In diesem Augenblicke kam Alfred auf uns herzu . Er bemerkte nichts . Wir gingen schweigend neben ihm in dem Gange dahin . Er erzählte uns , daß die Namen der Bäume , die auf weiße Blechtäfelchen geschrieben sind , welche Täfelchen an Draht von dem untersten Aste jedes Baumes hernieder hängen , von den Leuten oft sehr verunreinigt würden , daß man sie alle putzen solle und daß der Vater den Befehl erlassen sollte , daß ein jeder , der einen Baum wäscht , putzt oder dergleichen , oder der sonst eine Arbeit bei ihm verrichtet , sich sehr in Acht zu nehmen habe , daß er das Täfelchen nicht bespritzt oder sonst eine Unreinigkeit darauf bringt . Dann erzählte er uns , daß er schöne Borsdorfer Äpfel gefunden habe , welche durch einen Insektenstich zu einer früheren , beinahe vollkommenen Reife gediehen seien . Er habe sie am Stamme des Baumes zusammengelegt , und werde den Vater bitten , sie zu untersuchen , ob man sie nicht doch brauchen könne . Dann seien viele andere , welche vor der Zeit abfielen , weil die Bäume heuer mit zu viel Obst beladen wären , und ihre Kraft nicht genug ist , alle zur Reife zu bringen . Diese habe er auch zusammengelegt , so viele er in der ersten Baumreihe habe finden können . Sie werden wohl zu gar nichts tauglich sein . Er freue sich schon sehr auf den Herbst : , wo man alles das herabnehmen werde , und wo auch die schönen roten , blauen und goldgrünen Trauben von diesem Ganggeländer heruntergelesen werden würden . Es sei gar nicht mehr lange bis dahin . Wir sprachen nicht , und gingen einige Male in dem Gange mit ihm hin und wider . Die große Erregung hatte sich ein wenig gelegt , und wir gingen in das Haus . Ich ging aber nicht mit Mathilden zu ihrer Mutter , wie ich sonst immer getan hatte , sondern nachdem ich Alfred in sein Zimmer geschickt hatte , schweifte ich durch die Büsche herum , und ging immer wieder auf den Platz , von welchem ich die Fenster sehen konnte , innerhalb welcher die teuerste aller Gestalten verweilte . Ich meinte , ich müsse sie durch mein Sehnen zu mir herausziehen können . Es war erst ein Augenblick , seit wir uns getrennt hatten , und mir erschien es so lange . Ich glaubte , ohne sie nicht bestehen zu können , ich glaubte , jede Zeit sei ein verlornes Gut , in welcher ich das holde , schlanke Mädchen nicht an mein Herz drückte . Ich hatte früher nie irgend ein Mädchen bei der Hand gefaßt als meine Schwester , ich hatte nie mit einem ein liebes Wort geredet oder einen freundlichen Blick gewechselt . Dieses Gefühl war jetzt wie ein Sturmwind über mich gekommen . Ich glaubte sie durch die Mauern in ihrem Zimmer gehen sehen zu müssen mit dem langen kornblumenblauen Kleide , mit den glanzvollen Augen und dem rosenherrlichen Munde . Es bewegte sich der Fenstervorhang ; aber sie war nicht an demselben , es schimmerte an dem Glase wie von einem rosigen Angesichte ; aber es war nur ein schiefes Hereinleuchten der beginnenden Abendröte gewesen . Ich ging wieder durch die Büsche , ich ging durch den Weinlaubengang in den Obstgarten , der Weinlaubengang war mir jetzt ein fremdwichtiges Ding , wie ein Palast aus dem fernsten Morgenlande . Ich ging durch das Haselnußgebüsch zu dem Rosenhause , es war , als blühten und glühten alle Rosen um das Haus , obwohl nur die grünen Blätter und die Ranken um dasselbe waren . Ich ging wieder zu unserem Wohnhause zurück , und ging auf den Platz , von dem ich Mathildens Fenster sehen mußte . Sie beugte sich aus einem heraus und suchte mit den Augen . Als sie mich erblickt hatte , fuhr sie zurück . Auch mir war es gewesen da ich die holde Gestalt sah , als hatte mich ein Wetterstrahl getroffen . Ich ging wieder in die Büsche . Es waren Flieder in jener Gegend , die eine Strecke Rasen säumten und in ihrer Mitte eine Bank hatten , um im Schatten ruhen zu können . Zu dieser Bank ging ich immer wieder zurück . Dann ging ich wieder auf ein Fleckchen Rasen und sah gegen die Fenster