sie etwas für ihren Sohn auszurichten hätte , und diese , indem sie mit Beschämung gestehen mußte , daß sie nicht einmal wisse , wo er sei , und sich zu diesem Geständnis nur widerstrebend verstand , bat ihn , den Sohn aufzusuchen und denselben aufzufordern , ihr Nachricht von sich zu geben , oder ihn womöglich zu bestimmen , nach Hause zu kommen . So stand Heinrich nun vor dem stattlich aussehenden blühenden Paare , welches bei aller Freundlichkeit sich nicht enthalten konnte , prüfende Blicke auf seinen schlechten Anzug zu werfen . Da es der letzte Tag ihres Aufenthaltes war und sie auf den Abend abreisen wollten , so luden sie ihn ein , mit ihnen zu gehen und die übrige Zeit noch mit ihnen zu verbringen . Sie führten ihn in den Gasthof , und Heinrich aß mit ihnen zu Mittag . Es war lange her , seit er sich an einem so wohlbesetzten Tische gesehen und feuriger Wein seine Lippen berührt . Der landsmännische Gastfreund ließ reichlich auftragen und drang wohlmeinend in ihn , es sich schmecken zu lassen , und alles dies machte Heinrich nur um so verlegener und ließ ihn seine Armut doppelt empfinden , und indem er sah , daß die jungen Eheleute das wohl bemerkten , sich in ihrer glücklichen Stimmung mäßigten und mit zartem Sinne einen der seltsamen Lage angemessenen Ton innezuhalten suchten , empfand er es wieder bitter , nicht nur selbst unglücklich zu sein , sondern durch sein so beschaffenes Dasein die heitere Stimmung anderer vorübergehend zu trüben , gleich einer Regenwolke , die über einen hellen Himmel hinzieht . Obgleich es ihn drängte , soviel als möglich von seiner Mutter sprechen zu hören , suchte er sich lange zu bezwingen und nicht durch Fragen zu verraten , daß er gar nichts von ihr wisse , bis der edle Wein , welchen der Mann genugsam strömen ließ , ihm die Zunge löste , ihn alles Widerstreben vergessen , sehnlich und unverhohlen nach der Mutter fragen ließ . Da nahm sich der Landsmann zusammen und sagte » Ich will es Ihnen nicht verhehlen , Herr Lee , daß Ihre Mutter sehr Ihrer Rückkunft bedarf , und ich würde Ihnen raten und fordere Sie sogar auf , so bald als immer möglich heimzukommen ; denn während die brave Frau den tiefsten Kummer und die Sehnsucht nach Ihnen zu verbergen sucht , sehen wir wohl , wie sie sich darin aufzehrt und Tag und Nacht nichts anderes denkt . Soviel ich jetzo sehe , wenn Sie meine Freiheit nicht übelnehmen wollen , steht es nicht zum besten mit Ihnen , und erachte ich , daß Sie in dem Stadium sind , wo die Herren Künstler allerlei durchmachen müssen , um endlich mit Ehre und stattlichem Ansehen aus der Not hervorzugehen . Unsereines hat wohl auch allerlei Strapazen auf der Wanderschaft durchzumachen oder als Anfänger harte Zeit zu erleben ; allein mit der Arbeit können wir , wenn wir nur wollen , uns jederzeit helfen , und unsere Hände sind immer so gut wie bares Geld oder gebackenes Brot und für jede Stunde eine unmittelbare Selbsthilfe , während es bei Ihnen dazu noch gutes Glück und allerlei Unerhörtes braucht , wovon ich nichts verstehe . Vorlaute und unverständige Weibsen und auch ebensolche Männer in unserer Stadt , wo es ruchbar geworden , daß Ihre Mutter große Summen an Sie gewendet und ihr eigenes Auskommen dadurch bedeutend geschmälert hat , haben es sich beikommen lassen , dieselbe hart zu tadeln hinter ihrem Rücken und auch ihr ins Gesicht ungefragt zu sagen , daß sie unrecht getan und sowohl ihrem Sohne schlecht gedient als durch solche unzukömmliche Opfer sich selbst überhoben habe . Jedermann , der Ihre Mutter kennt , weiß , daß alles eher als dieses der Fall ist , aber das unverständige Geschwätz hat sie vollends eingeschüchtert , daß sie fast mit niemand zusammenkommt und so in Einsamkeit und harter Selbstverleugnung dahinlebt . Obgleich die Nachbaren ihr manche Dienste anbieten , nimmt sie nichts an , und die Art , wie sie dies tut und wie sie ihre Sachen besorgt , hat , soviel man davon sehen kann , etwas höchst Seltsames und Schwermütigmachendes für uns Zuschauer . Sie sitzt den ganzen Tag am Fenster und spinnt , sie spinnt jahraus und - ein , als ob sie zwölf Töchter auszusteuern hätte , und zwar , wie sie sagt , damit doch mittlerweile etwas angesammelt würde und , da sie nichts anderes ansammeln könne , wenigstens ihr Sohn für sein Leben lang und für sein ganzes Haus genug Leinwand finde . Wie es scheint , glaubt sie durch diesen Vorrat weißen Tuches , das sie jedes Jahr weben läßt , Ihr Glück herbeizulocken , gleichsam wie in ein aufgespanntes Netz , damit es durch einen tüchtigen Hausstand ausgefüllt werde , oder gleichsam wie die Gelehrten und Schriftsteller durch ein Buch weißes Papier gereizt und veranlaßt werden sollen , ein gutes Werk darauf zu schreiben , oder die Maler durch eine ausgespannte Leinwand , ein schönes Stück Leben darauf zu malen . Zuweilen stützt sie ausruhend den Kopf auf die Hand und staunt unverwandt in das Land hinaus , über die Dächer weg oder in die Wolken ; wenn es aber dunkelt , so läßt sie das Rad stillstehen und bleibt so im Dunkeln sitzen , ohne Licht anzuzünden , und wenn der Mond oder ein fremder Lichtstrahl auf ihr Fenster fällt , so kann man alsdann unfehlbar ihre Gestalt in demselben sehen , wie sie immer gleich ins Weite hinausschaut . Seit Jahren geht sie in demselben braunen Kleide , welches sich gar nicht abzutragen scheint , über die Straße und hat sich streng von aller , auch der einfachsten Zier entblößt , daß es unsere Weiber ärgert , welche gewöhnt sind , sich mit der Zeit immer reicher zu kleiden anstatt schlichter , und darnach ihr Gedeihen berechnen . Wahrhaft melancholisch aber ist es anzusehen , wenn sie zuweilen ihre Betten sonnt