. Ein Wink Rudhard ' s , ein leichtes Kopfschütteln , foderte ihn auf , fortzufahren . Siegbert las : » Dennoch nutz ' ich jede Frist , die mir die Anfälle der traurigen Krankheit , an der ich sterbe , lassen , - es ist dies Übel jenes schmerzlichste , an dem wir Frauen uns auflösen müssen - um doch irgend Etwas abzuthun , was mit meiner schwachen Kraft mir erreichbar scheint , und da bin ich zu einer ernsthaften Betrachtung gekommen , die mich darauf führt , Ihnen zu schreiben . « Sie wird Sie , unterbrach sich Siegbert , um Verzeihung bitten , daß sie Ihnen so weh gethan , Ihren aufrichtigen Sinn verkannt , Sie von Haus und Herd vertrieben hat . O nein , sagte Rudhard , mit ironischer Miene . Erwarten Sie eine solche Reue von einer Gottbegnadigten nicht ! Auch ich erwartete , daß sie vielleicht , alle religiöse Parteiung bei Seite setzend , sich auf einen rein menschlichen Standpunkt stellen und mir als Menschen , als ehemaligem Freund , als Erzieher ihres Sohnes in der letzten Stunde ein Wort der Versöhnung zurufen würde . Nein ! Davon finden Sie nichts ! Im Gegentheil , sie verharrt in ihrem Bewußtsein reinster Gottseligkeit und überläßt mir nur noch eine Gewissenspflicht , die ich nach einer allgemeinen , rein praktischen und nur klugen Auffassung des Lebens prüfen solle . Sie anerkennt in mir den rechtlichen Mann ; Das ist Alles ! Aber viel ! sagte Siegbert . Viel wenn es ein Auftrag ist , der einen rechtlichen Mann erfodert und unter Hunderten , die sie wählen konnte , Sie es sind , an den sie in der Sterbestunde dachte , Sie , der Jahre lang ihrem Gedächtnisse entrückt war . Ich bitte , lesen Sie ! sagte Rudhard ruhig und ohne den mindesten Anflug eines geschmeichelten Gefühls . » Was aus meinem unglücklichen Egon geworden , fuhr Siegbert fort , wissen Sie vielleicht ! Ich weiß , daß es Niemandem unbekannt geblieben ist . Die religiöse Weihe , die ich seiner Erziehung geben wollte , hat keinen Widerschein in seiner Seele gefunden . Mit zerrissenem Mutterherzen gesteh ' ich Ihnen , daß kein Sohn seiner Mutter geringere Aufmerksamkeit zeigt , kein Sohn die Hoffnungen seiner Ältern mehr getäuscht hat als dieser Unglückliche , Tiefverblendete ! Daß ihn die innere Haltlosigkeit seiner Seele anekelte und ihn antrieb , nicht seinem Stande gemäß zu leben , will ich nicht tadeln . Aber nicht das Gefühl der Reue ist es , was ihn veranlaßte , sich das Kleid des Handwerkers anzuziehen , sondern leere , nichtige Originalitätssucht , der schlimmste von allen Trieben nach Auszeichnung . Ich wenigstens kann nicht daran glauben , daß die Erniedrigungen , die er in Lyon und Paris über sich verhängte , aus Liebe zum Erlöser , aus Geringschätzung des Lebens , aus wirklicher Demuth kamen . Eine Zeit lang hab ' ich es geglaubt . Wie ich erfuhr , mein Egon ist von Genf nach Lyon zu Fuß gewandert , wie er mir einst einen guten , edlen Brief von dort schrieb , wie ich hörte , ihn ekle die schaale , große Welt an , er hätte fast denselben Beruf ergriffen , den Anfangs auch der Heiland von seinem Vater Joseph erlernte , - Rudhard lächelte - überkam mich eine Stimmung , die ich nicht schildern kann und doch hab ' ich sie geschildert , habe versucht , sie zu schildern und schrieb meinem Sohne einen Rückblick auf mein Leben mit der Wahrheit , die aufgedeckt ist im Buche des Lebens und zu der es mich drängt mit unwiderstehlicher Erleuchtung . Als ich diese Geständnisse kurz vor dem Augenblick , wo ich in einer Nacht glaubte , an meinem Übel sterben zu müssen , vollendet hatte , wußt ' ich nicht , wohin damit ? Du stirbst und diese Blätter , wer bringt sie dem Sohne und ruft ihm durch sie zu : Folge deinem Rufe ! Übe Demuth ! Sei was dein Heiland war ! Ach , es war Nacht um mich - die Wächterin schlief . Da griff ich nach einem alten Bilde , das meine jugendlichen Züge darstellte , es hing über meinem Bette . Es hatte ein Geheimniß , ein Kästchen , das auf einen Druck am Glase aufsprang , ein Scherz , den ich in jungen Jahren zu kleinem , verstecktem Krame benutzt hatte . Dort barg ich mein Gebet zu Gott , mein Geständniß , das ich in einigen schlaflosen und doch entzückten Nächten niedergeschrieben hatte , und glaubte nun zu sterben . « Siegbert war über die plötzliche Aufklärung des Bildes so erregt , daß ihm das Lesen der schwierigen Handschrift wunderbar von Statten ging . Er fuhr fort : » Ich starb nicht . Dies Übel ist fürchterlich , lieber Pfarrer . Es gewährt augenblickliche Pausen , wo man an Genesung glaubt und dann bricht die Macht der Zerstörung mit Hammerschlägen wieder auf die verwesenden Theile und man glaubt zu sterben , ohne es zu können . Moschus und Opium führen über die gräßlichen Krisen hinweg . Ich hatte oft Denkwürdigkeiten aus meinem Leben aufgesetzt und wenn ich Bogen vollgeschrieben hatte , sie wieder verbrannt . Sie waren nicht die reine Wahrheit , sie schlüpften ohne Reue über meine größten Sünden hinweg , ich vernichtete sie , weil ich mir vorkam wie der Pharisäer , der stolz auf seine Brust schlug und sich rühmte : Ich danke dir Gott , daß ich nicht bin wie Die ! In jenem Jubelrufe an den Sohn aber war ich wahr gewesen ; doch ich schauderte , wenn ich bedachte , was ich geschrieben ! Es war Anfangs meine Absicht , jenes Bild zu versiegeln und bei Gerichten niederzulegen . Aber dann ergriff mich ' s mit furchtbarer Angst . Wie kannst du Das von dir geben ? Wie kannst du dir die Möglichkeit nehmen , diese Blätter bei andrer Gesinnung rasch zu ergreifen und zu zerstören