. » Ich sage Dir nicht , was ich wünsche , « fuhr dieser liebenswürdige Brief fort ; » denn ich weiß , was meine Lucile nach Empfang dieser Nachricht thun wird ; ich wünsche Dir blos Glück zu der Dir und mir gleich unerwarteten Gelegenheit , meine liebenswürdige , junge Freundin kennen zu lernen , und wünsche und hoffe , daß Du ihr die schwermüthige Einsamkeit , mit der sie eine Pietät gegen die alte , ihr wunderbar ergebene Frau zu erfüllen denkt , in Etwas durch Dein Hinzutreten erleichterst . « Unbeschreiblich war der Jubel , mit dem Lucile , den Brief in der Hand , zu ihrem Gemahle lief . » Jetzt , jetzt , mein Lieber , habe ich den Schlüssel zu Emmy ' s Heiligthume ! Jetzt ist mein Geist erklärt - jetzt kenne ich den schlafenden Engel in Emmy ' s Gemache - Elmerice Eton ist es , an die ich einen Brief von Tante Franziska in Händen halte ! « Nach einigen Erklärungen theilte der Marquis die Freude über die gute Nachricht und begann mit Lucile Pläne zu entwerfen , wie man sich Elmerice nähern sollte . Lucile stimmte endlich ein , sich mit Margot nach dem Frühstücke zu Veronika zu begeben und von ihr den Weg zu erforschen , diesen Brief in die Hände der jungen Dame zu bringen ; bis dies geschehen und die Antwort erfolgt sei , wollten sie den Uebrigen ihre Entdeckung verschweigen . Es gab nichts Lieblicheres , als die junge Marquise bei Veronika einkehren zu sehen . Dem Alter gegenüber , entäußerte sie sich all ihrer Vorrechte und war wie ein liebenswürdiges Kind , das , aus der Schule kommend , die Großmutter umschwärmt . Dagegen erschwerte Veronika ihr diese Hingebung auch nicht durch eine frostige oder ironische Zurückhaltung , die so oft , blos aus Hochmuth und Ungeschick zusammengesetzt , geringere Frauen zu den vielen Mißgriffen verleitet , die es den höheren Ständen mit Recht verleiden , ihren Umgang zu suchen ; da sie durch solche Manieren , mit anscheinender Uebergehung ihrer menschlichen Verdienste , immer an die Aeußerlichkeiten ihrer Vorrechte erinnert werden , und um so mehr , da einem solchen Benehmen die leicht durchblickende , hochmüthige Versicherung zum Grunde liegt , daß man seine Rechte durch freundliches Entgegenkommen beeinträchtigt fürchte und sich glaube entbehren zu können , wenn nicht von der anderen Seite Alles zuerst geschehe . Veronika hatte , den höheren Ständen gegenüber , die Naivität eines edeln Naturells , und ihr war in diesem , wie in jedem anderen Stande , Jeder lieb , der etwas Rechtes war ; und sie sah keinen Grund , ihr Wohlwollen zurückzuhalten , weil es zufällig einen Adligen traf . So hatte sie auch mit Lucile und Margot eine Art mütterliches Liebhaben und innige Freude an Beider schönem Naturell . Sie hatte schon gelernt , ihnen eine Freude zu machen ; und wenn man durch die Blumenbeete ging , sah man kleine Mützen von weißem Papiere sich auf den schlanken Stengeln schaukeln , und Rose und Nelke , oder sonst eine zarte Blume , mußten ihre Reize schonen , bis die lieben Damen vom Schlosse kamen . Dann führte Veronika sie vor die Beete und nahm den Blumen höflich ihre Mützchen ab ; und wenn sie ihr schönes Köpfchen , von der Sonnenglut unversehrt , hervorstreckten , klopften die jungen Frauen vor Freude in die Hände , und Veronika schnitt sie dann vom Stock und machte ihnen zur Tafel Sträuße davon . Heute saß Jede schon mit ihrem Strauß in der Hand in der kühlen Halle vor Veronika und beeiferte sich , von den lieben Gästen zu erzählen , und Veronika begleitete ihre Erzählung mit Ausrufungen , Fragen und wohlgefälligem Nicken ihres kleinen , weißen Kopfes . Jetzt erzählte ihr die Marquise von ihrem Besuche bei Emmy Gray . » Auch Ihnen , liebe Mademoiselle Veronika , habe ich meine Sünde verborgen ; denn wie mußte ich Ihnen vollends vorkommen , die Sie von allen solchen Thorheiten frei sind . « » Ach , « lächelte Veronika - » das hat Alles seine Zeit , liebe Marquise ! Ich bin alt geworden mit den Dingen dort , und Geheimnisse sind es so eigentlich für mich nicht ; - aber irgend wie und wo regt sich in uns Allen einmal die Neugier ! Zum Beispiel jetzt , da gäbe ich viel darum , ich könnte einen Blick in die alten Gemächer thun . Denn , sehen Sie , die junge Schönheit , die Sie dort gesehen haben , an der hängt mein Herz , und ihre Lage will mir gar nicht gefallen . « - » Ist es möglich ! Sie kennen Miß Eton - für die wir heut Morgen von Tante Franziska einen Brief empfingen und die Aufforderung , sie aus ihrer Einsamkeit zu ziehen ? « - » Ja , meine lieben Damen , ich kenne sie ; - und wer sie kennt , wird sie nie vergessen ! « Dann erzählte sie ihnen , was wir bereits wissen , und verschwieg ihnen auch nicht die wunderbare Aehnlichkeit mit Fennimor , welche eben die leidenschaftliche Zuneigung der alten Mistreß Gray erregt habe . » Aber , « sagte die Marquise - » wie machen wir es nur , um Miß Eton den Brief zuzustellen ? Müssen wir warten , bis der alte Arzt zurückgekehrt ist , oder können wir ihn der kleinen Asta anvertrauen ? « » Beides ginge wohl , « erwiederte Veronica ; - » aber Anderes habe ich seit lange beschlossen , und diese Veranlassung soll es zur Ausführung bringen . Wollen Sie mir den Brief an Miß Eton anvertrauen , so will ich versuchen , ihn selbst zu übergeben . « » Wirklich ? « riefen Beide überrascht ; - » und glauben Sie Eintritt zu erlangen ? « - » Ich werde durch Asta Miß Eton schriftlich darum bitten , sie besuchen zu dürfen ; - und fast glaube ich