ein blutendes Kind , daß sie nicht hinaus und an seine Brust fliegen dürfe . - Er suchte in mehreren Gemächern nach ihr , aber das übersah er , worin sie sich befand . Nun ging er nach dem Zimmer und sah die Goldrolle und das grüne Särglein abermals an , und wollte das Särglein zu sich stecken , denn was ging ihn das Gold an ? aber er nahm die Rolle und ließ das Särglein liegen , so verwirrt waren seine Gedanken . Die Blumen riß er aus dem Glase und warf sie heftig zu Boden , aber dann tat ihm dieser Zorn doch leid , und er hob sie wieder auf , wenigstens die Lilie , weil er wußte , daß diese der Lisbeth besonders gefallen hatte . Fast wahnsinnig vor Leid machte er einen neuen Gang in die Dunkelheit und als auch der vergebens war , blieb er erschöpft vor dem Hofe stehen und jeder Windstoß , jeder ferne Ruf mußte ihm Lisbeths Gang oder Stimme bedeuten . Aber sie kam nicht . - Zornig trat er in das Haus zurück und fragte jeden wild , ob er noch nicht Lisbeth gesehen habe ? und dann vertauschte er wieder das Haus mit dem Platze vor dem Hofe , dort immer von neuem horchend . So trieb es Liebesmühe umsonst bis spät abends . Mit der verzweiflungsvollen Unruhe des Jünglings bildete die unzerstörliche äußere Fassung des Hofschulzen einen merkwürdigen Gegensatz . Während der junge Graf wie ein verwundeter Löwe umhertosete , saß der alte Bauer gleich einem Bilde aus Stein an seinem Tische , die entsetzlichste Aufregung zurückhaltend im verschwiegenen Herzen . Siebentes Kapitel Ein Trauerspiel im Oberhofe Melpomene hat zwei Dolche . Der eine ist blank , haarscharf geschliffen , schneidet schnell und gräbt glatte , rein ausblutende Wunden . Der andere rostig , voll Scharten , reißt in das Fleisch unselige Zerstörung . Mit dem einen tritt sie Könige und Helden an , mit dem anderen pflegt sie sich öfter bei Bauern und Bürgern einzuschleichen . Der eine trifft um große , unleugbare Güter , um Krone , Reich , Leben , der andere quält um Nichtigkeiten , um einen Schall , um des Schalles Widerhall . Denn die Menschen werden nicht von den Dingen , sondern von den Meinungen über die Dinge gepeiniget . Der Palast ist nicht der einzige Schauplatz der Tragödie . - Wer jetzt bei den Schatten der Nacht unter das Dach des Oberhofes hätte blicken können , würde haben zugestehen müssen , daß dort die leidenschaftlichste Tragödie im Gange sei . Es war so spät geworden , daß die Nachbarn sich zurückgezogen , die Knechte und Mägde sich schlafen gelegt hatten und das Feuer auf dem Herde erloschen war . Der Hofschulze verschloß darnach alle Türen des Hauses und bereitete sich zu seinem Werke , welches er für die Nacht verspart hatte . Für ganz einsam hielt er sich , aber er war belauscht . Als die Türen abgeschlossen wurden , schlich sich eine dunkele Gestalt zu der Spähestelle im Eichenkamp und setzte sich dort nieder , das Gesicht nach dem Oberhofe gewendet . Es war der einäugige Spielmann , welcher inzwischen gehört hatte , daß sein Feind nicht am Schlage gestorben sei und nun sehen wollte , ob ihm nicht wenigstens die Qual aufliege , welche der Rachsüchtige ihm in heißem Grimme anwünschte . Nicht lange durfte er auf die Freude dieses Anblicks warten . Denn bald leuchtete in dem dunkelgewordenen Oberhofe ein Licht auf . - » Aha « , sagte der Spielmann , » jetzt gibt er sich ans Suchen . « - Das Licht begann eine Wanderung , jetzt erschien es hier , dann zeigte es sich da . - » Nun sucht er in den Stuben « , sagte der Spielmann . Zuweilen verschwand es . - » Hinten hinaus liegt auch nichts ! « frohlockte der Spielmann . Plötzlich kam es wieder rasch zum Vorschein . - » Da bist du ja schon gewesen ! « murmelte der Feind voll ingrimmiger Lust . So begleitete er jeden Schritt des verräterischen Lichtes mit seinem Hohne . Wie das Licht nicht müde ward zu wandern und der Reiche in seiner verzweiflungsvollen Anstrengung mit ihm , so ward der Bettler draußen im Dunkel nicht müde , das Licht und den Reichen zu verspotten . Endlich als es auf Mitternacht ging , und der Schein noch immer da und dort flammte , konnte er sich nicht mäßigen , sondern er feierte seinen nächtlichen Triumph durch ein Lied , welches er auf dem Leierkasten tönen ließ . Es war eins der sanften , stillen Lieder , welche das Volk auf den Gassen zu hören bekommt , er aber riß an dem Griff , daß die Walze , heftig umgeschwungen , die langsame Weise in das wildeste Allegro trieb . Damals um diese Mitternachtstunde saß auf dem Flure im Oberhofe der alte Bauer und ruhte eine kurze Zeitlang von seinem Suchen aus . Das Licht stand neben ihm und in dessen mattem Scheine glichen die gefurchten Züge des Antlitzes tiefen Gräben , die sich durch ein graues Feld ziehen , denn seine Gesichtsfarbe war von Schmerz und Gram um den ihm unbegreiflichen Verlust aschfahl . Die Augen waren fast aus ihren Höhlen getreten und er sah starr mit ihnen auf den Boden . Alles hatte er unten durchsucht , selbst das Stroh in dem Stalle umgewendet und nichts gefunden . Jetzt erhob er sich , um in dem ersten Stock des Hauses nachzusehen . Das Licht vor sich hinhaltend , ging er zitternd und gebeugt langsam die Treppe hinauf und hielt sich am Geländer . Oben stand er still und überschlug , wo er seine Forschungen anstellen müsse . Denn auch in dieser verzweiflungsvollen Seelenstimmung verließ ihn seine Bedächtigkeit nicht . Er erinnerte sich , daß er in der Kammer , worin die Kiste stand , schon gleich nach dem Wahrnehmen des Raubes nichts undurchstöbert gelassen hatte ; dort also wäre