lernt . Der Werth , den er uns auf die Arbeiten des Landmanns , auf Feldbau , Baumzucht und alle Arten von Anpflanzungen , legen sieht , wird ihn immer aufmerksamer auf diese Gegenstände machen ; er wird sehen , bemerken , fragen , auch wohl zuweilen selbst Hand anlegen , und so unvermerkt zu Kenntnissen kommen , die er , sobald der Anfang einmal gemacht ist , bei jeder Gelegenheit zu vermehren suchen wird . Ich sehe mit Vergnügen , daß sich zwischen ihm und Kratippus , dem ältesten Sohn meines Bruders , eine gegenseitige Zuneigung entspinnt , die zu einer dauerhaften Freundschaft zu erwachsen verspricht . Mein Neffe hat fünf oder sechs Jahre mehr als dein Sohn , und weiß sich des kleinen Ansehens , so ihm dieser Vorsprung gibt , mit so guter Art zu bedienen , daß er wirklich mehr über ihn vermag als wir andern alle . Lysanias zeigt eine Anhänglichkeit an seinen ältern Freund , von welcher sich viel Gutes um so gewisser erwarten läßt , weil Kratippus nichts Liebkosendes in seinem Betragen hat , und für die Lebhaftigkeit eines jungen Atheners eher zu trocken scheinen könnte . Wahrscheinlich wird diese Vorliebe zu meinem Neffen deinen Absichten förderlicher seyn , als alles was wir Aeltern dazu beitragen können . Mein Bruder besitzt große und einträgliche Ländereien in allen Gegenden der Cyrenaika , und Kratippus hat sich aus angebornem Hang zum thätigen Landleben der Verwaltung der väterlichen Güter gänzlich gewidmet . Dieß veranlaßt häufige kleine Reisen und einen längern oder kürzern Aufenthalt bald auf diesem bald auf jenem Gute . Lysanias , der nicht lange ohne seinen Freund leben kann , hat ihn also schon mehrmals begleitet , und findet an diesen landwirthschaftlichen Reisen , die ihm in einem der fruchtbarsten und angebautesten Striche des Erdbodens immer neue und anziehende Gegenstände , Ansichten und Genüsse verschaffen , so viel Belieben , daß wir eher auf Mittel denken müssen , ihn in der Stadt zurückzuhalten als ihm Neigung zum Landleben einzuflößen . Indessen , da es bei diesen Landpartien weniger um Ergötzlichkeiten als um Geschäfte zu thun ist , und unser junger Gastfreund jedesmal gelehrter , verständiger und gesetzter zurückkommt , ohne einen andern Nachtheil davon zu haben , als daß die etwas mädchenhafte Gesichtsfarbe , die er nach Cyrene brachte , unvermerkt eine bräunliche Schattirung gewinnt ; so halten wir es für besser ihn hierin seiner eigenen Willkür zu überlassen , und werden dennoch alles so einzurichten wissen , daß die übrigen Zwecke seines Hierseyns nicht vernachlässiget werden sollen . Seit kurzem , lieber Eurybates , habe ich auch von Learch einen Brief erhalten , der mir über das Schicksal unsrer armen Lais nicht mehr Licht noch Trost gibt als der deinige . Wenn sie nirgends gefunden werden kann , und niemand etwas Zuverlässigeres von ihr zu sagen hat , als daß sie aus Pandasia , ihrem letzten Aufenthalt , plötzlich verschwunden sey ; wenn der Taugenichts , dem sie sich aufgeopfert , sie in einer Lage verlassen hat , wo ihr keine andere Wahl blieb , als entweder die Hülfe ihrer Freunde anzunehmen - oder zur Schmach einer gewöhnlichen Hetäre herabzusinken - oder zu sterben - so weiß ich was sie gewählt hat . O mein Freund , der Stolz dieses so hochbegabten außerordentlichen Weibes hatte keine Gränzen ; er mußte ihr in einer solchen Lage das Herz brechen , und - es brach ! Das meinige sagt es mir - sie hat gelebt ! 8 - Und wohl hat sie , in der schönsten Hora des Lebens , gelebt , wie nur wenigen von Göttern Gezeugten oder ohne Maß Begünstigten zu leben vergönnt wird ; und was auch das Loos ihrer letzten Tage war , über die Natur und das Glück hatte sie sich nicht zu beklagen ; denn schwerlich haben beide jemals zugleich so viel für eine Sterbliche gethan als für sie . Ob sie nicht mit den Geschenken von beiden besser hätte haushalten können ? - ist eine Frage , welcher die Freundschaft itzt , da ihr Schicksal entschieden ist , auszuweichen strebt . - Vielleicht hätten wir weniger schonend mit ihr umgehen sollen , da sie noch glücklich war ? - Diesen Vorwurf habe ich mir selbst schon mehr als Einmal gemacht , und kann jedesmal nicht umhin , mir selbst zu antworten : es würde vergebens gewesen seyn ; denn schwerlich hat man je ein Weib gesehen , die mit einer so zauberischen Sanftheit und Geschmeidigkeit eine so eisenfeste Beharrlichkeit auf ihrer Meinung , und mit einem so hellen Blick und scharfen Urtheil eine so unerschöpfliche Gabe sich selbst zu täuschen und ihre eigene Vernunft ( wenn ich so sagen kann ) zu überlisten , vereinigt hätte . Ob wir gleich wohl thun , uns unaufhörlich zu sagen , es hange immer von unserm Willen ab , recht zu handeln oder nicht : so scheint doch - wenn wir den Menschen betrachten , so wie er , in unzähligen , ihm selbst größtentheils unsichtbaren Ketten und Fäden an Platons großer Spindel der Anangke hangend , von eben so unsichtbaren Händen in das unermeßliche und unauflösliche Gewebe der Natur eingewoben wird - so scheint , sage ich , nichts gewisser zu seyn , als » daß ein jedes ist was es seyn kann , und daß es unter allen den Bedingungen , unter welchen es ist , nicht anders hätte seyn können . « Lais selbst hielt sich nur zu gut hiervon überzeugt . » Da ich nun einmal Lais bin ( schrieb sie in ihrem letzten Brief an Musarion ) , so ergebe ich mich mit guter Art darein , und kann nicht wünschen , daß ich eine andere seyn möchte . « - Auch mir , lieber Eurybates , wird es , je mehr ich alles erwäge was hier zu erwägen ist , immer einleuchtender , daß der Ausgang , den das genialisch fröhliche , schimmernde und vielgestaltige Drama ihres Lebens nahm , dazu gehörte , wenn sie