Reklamegeschrei , diese überreizte Fruchtbarkeit ! Bekanntlich leidet unsre Zeit an drei großen Krankheiten : Atheismus , Morphiumsucht und Größenwahn . Wir wissen nicht , ob Leonhart an Morphiumsucht krankte . Seinen Atheismus vermuthen wir . Gewiß aber sind wir seines Größenwahns . Bei dieser widerlichen Selbstberäucherung , wo der Dichter gleichsam vor seinem verschönerten Ebenbild anbetend auf den Knieen rutscht , fällt wohl Jedem das gesunde Sprüchwort ein : Eigenlob stinkt , Andrer Lob klingt . - Krastinik lachte bitter auf . Klingt - ja leider klingt es manchmal wie Zwanzigmarkstücke . Und da scheint denn doch das Eigenlob beträchtlich weniger zu stinken . Ist heut nicht jedes Lob verdächtig ? Die wirklich Schlauen fügen in Lobhndeleien stets gehörigen Tadel ein , denn die Möglichkeit einer selbstlosen Begeisterung scheint ausgeschlossen . Fängt bei den Kollegen , die Wahrheitserkenntniß doch sicher erst an , wenn die persönliche Existenz des Autors erloschen ist . Was aber soll uns dann noch eine Kritik , die eben nur auf persönlichen Verhältnissen fußt ? Besser wahres Eigenlob , als erlogenes Andrerlob ! Es kommt hier einfach auf den Satz heraus : Quod licet Jovi , non licet bovi . Psychologisch betrachtet , verräth die Unvorsichtigkeit des Selbstlobes nur , daß die Eleusinischen Mysterien der Streberei dem muthigen Verletzer fremder Eitelkeit unbekannt blieben . Krastinik dachte aus der Fülle seiner Erfahrung an all jene Geschmeidigen , die der Kenner auf den ersten Blick durchschaut , heißen sie nun Cohn oder Baron , die geschickt das plumpe Selbstlob vermeiden , sich überall durchwindend ohne anzustoßen und doch vordrängend . Und wird nicht das verrufene Selbstlob vollends eine verzeihliche Nothwendigkeit , falls man gegen die Schmach , die Unwerth schweigendem Verdienst erweist gar keine andere Waffe mehr hat ? Hier hört das Selbstlob auf , rein persönliche Eitelkeit auszustrahlen , und verliert seinen ursprünglichen Charakter , indem es einfach zur Vertheidigungsrede sich umformt . Krastinik las weiter . Der kleine Lumpensammler kritikasterte nun so fort , indem er emsig auf die Untugend der Unbescheidenheit losklopfte und einen Injurien-Platzregen vom Olymp des Jupiter Pluvius Stupidus herabgoß . Krastinik verzog keine Miene . Denn wer einmal im inneren Ring der litterarischen Geschäfte thronte , constatirt ja nur mit ruhig geschäftsmäßigem Tone , warum dies und das geschrieben sei . Einen ungetrübten Blick für Ideales pflegen nur Fernstehende bewahren zu können . Zum guten Ton einer wahrhaft vornehmen Kritik gehört es hingegen unbedingt , die Absichten des Autors möglichst zu verdrehen und geistiger Urkundenfälschung zu fröhnen . Man erstarrt als Uneingeweihter zur Salzsäule über die angeblichen Motivirungen , welche dieser skandalisirende Mephisto über die idealsten Dinge zum Besten giebt . Dies Büchlein riecht zum Himmel , daß Zeus sich die Nase zuhält . Es athmet einen Rinnstein-Odeur von roher Bosheit . Unter dem würdigen Schlachtgebrüll eines edeln Zornes drängelte der verstorbene Litteraturpapst nicht übel mit dem Ellenbogen , um einen Platz in erster Reihe zu ergattern . Er schwenkte als Zwingvogt seinen Hut auf eine hohe Stange hinauf , und wer sich nicht aus dem Staube machte , wurde gefaßt , weil man dem Hut nit Reverenz erwiesen . Er schmiß sogar seinen Geßlerhut tief ins Lager der Widersacher , um ihn dort wieder herauszuhauen . Das Schlachtgetümmel mit Tschingderatata wollte kein Ende nehmen . Nun hat es ein Ende genommen , freilich ein Ende mit Schrecken . Mag der Geist des seligen Dichters noch so wuchtig mit dem Tölke ' schen Knüppel drohen : Wer dies Buch nicht lobt , fühlt sich von ihm getroffen - mag ihm als Motto seines Strebens der alte Vers vorgeschwebt haben : Was kann Genie ? das stirbt , eh man ' s begriffen , verkannt , verlästert , ausgepfiffen , - wir können nur achselzuckend dies hohle Machwerk einer kindischen Selbstanbetung bei Seite werfen . Trefflich urtheilt unser schneidiger Waffengänger Rafael Haubitz : Es fehlte eben Leonhart an einer ausgeprägten Physiognomie . De mortius nil nisi bene . Fesselte nicht diese Erwägung unsre Feder , wir möchten dieselbe wohl viel schärfer gespitzt haben . - Zum Schluß nur noch eine ruhige Frage , welche den ganzen Dunst des lächerlichen Todtentanzes einer schwindelhaften Dichtergrab-Bewunderung zerbläst : was hat Leonhart unter all seinen zahlreichen Schreibereien , speciell seinen Dramen , denn je geschaffen , was an Größe der Conception und Schönheit der Ausführung auch nur entfernt sich messen kann mit dem wundervollen Drama Graf Xaver Krastiniks , unseres neuerstandenen großen Dichters ? Schlägt Die Meeresbraut nicht alle verfehlten Versuche jenes Stürmers und Drängers um zwanzig Pferdelängen ? Nicht umsonst erlebte Die Meeresbraut jetzt schon die dreißigste Aufführung binnen so kurzer Frist , unerhört im Deutschen Theater . Dorthin gehe man , um zu schauen , was wahre Dichtkunst bedeutet ! Leonhart war höchstens ein Vorläufer des genialen Grafen Xaver von Krastinik . « Krastinik ballte das Zeitungsblatt mit der Faust zusammen und warf es zerknüllt zu Boden . O öffentliche Meinung des bedruckten Zeitungspapiers , du bist geduldig . Vorläufer , ja wohl ! Wagte nicht auch Webster in der Vorrede seiner » Vittoria Corombona « vier Jahre vor Shakespeares Tode den größten Genius aller Zeiten in einem Athem zu nennen mit dem Akademiker Ben Jonson und den adligen Theatralikern Beaumont-Fletcher , ja sogar mit Eintagsfliegen wie Chapman , Dekker und Haywood , die heut kaum der Literarhistoriker beachtet ! » Schließlich , doch ohne ihn durch diese letzte Nennung beleidigen zu wollen « nennt der gute Mann als seinen Vorläufer auch noch den gottähnlichen Ewigkeitsmenschen . Eine Posse von tiefbedeutsamer Mahnung . Jaja , Gegengewicht muß sein ; gegen drohendes Uebergewicht imaginäre Werthe ausspielen - vive l ' Egalité ! Und hier bei diesem Fall , wo durch die überwältigende zerschmetternde Ironie des Zufalls einmal die plumpe Gehässigkeit der Beschränktheit offenbar werden konnte , wo die Aufdeckung der Wahrheit - - Krastinik schauderte in sich zusammen . Er preßte die Hände vors Gesicht , wie um die Welt nicht zu sehn oder vielmehr sich vor ihr zu verstecken . - - - -