, denn er fühlte , daß er es wieder und immer wieder lesen werde . Dann aber sank er , wo er stand , in die Knie und dankte Gott für die Rettung seines Lebens . Denn er zweifelte nicht mehr , daß er gerettet werden würde , und war fest entschlossen , wenn alles andere scheiterte , den Sprung von dem Bastion aus zu wagen . Sprang er fehl , so starb er wenigstens in den Händen der Seinen , und der Armesündergang , samt dem Trommelwirbel und den verbundenen Augen , blieb ihm erspart . Und vor diesem Apparat erschrak er am meisten . » Der Tod ist erträglich , aber die Exekution ist unerträglich . « Das bloße Wort widerte ihn an , und alles , was roh und häßlich ist , stieg bei dem bloßen Klange desselben in einer Reihe fratzenhafter Jahrmarktsbilder vor ihm auf . Und diesem Widerwärtigen , was auch kommen mochte , war er nun entronnen . Aber freilich , als der erste Jubel seines Herzens vorüber war , fühlte er bald , daß er nur die Tyrannen gewechselt habe und daß das Horchen auf die Rettungsstunde fast so qualvoll sei wie das Horchen auf den Tod . Er durchmaß den engen Raum immer wieder , öffnete und schloß das Fenster und überflog den Zettel , dessen Inhalt er längst auswendig wußte , zum zehnten und dann zum hundertsten Mal . Der Chasseur brachte das Mittagessen ; aber er bat ihn , alles wieder mit fortzunehmen ; ihn verlangte nur nach Luft und Frische , und wahrnehmend , daß vom Dache her lange Eiszapfen bis dicht an sein Fenster niederhingen , brach er ein paar davon ab und labte sich an ihrer Kühle . Dann las er wieder und prüfte das Knäuel und berechnete die Höhe des Bastions . Und das letzte war immer , daß es nichts sei und daß jeder Sprung aus einer zweiten Etage viel , viel mehr bedeute . Und unten zehn Fuß Schnee ! Es mußte glücken , und er vergaß unter diesen Vorstellungen fast , daß ihm der Sprung überhaupt nur als Notbehelf und letztes Mittel dienen sollte . Und nun war Mittag vorüber und endlich auch der Nachmittag . Die Sonne ging unter , das Abendrot erblaßte , und der Tag schwand hin . Nur noch sechs Stunden , bald nur noch fünf . Er zählte die Minuten . Um sieben Uhr kam der alte Kastellan . » Junkerchen , sie sitzen jetzt am grünen Tisch ; der alte General ist auch da , ein bon garçon , wie der Tagedieb sagt , den sie mir als Kalfakter zugelegt haben . « » Also Kriegsgericht über mich ? « » Ja , Junkerchen . Ich habe den großen Saal heizen müssen . Das ist der mit dem Balkon , wo Markgraf Hans über dem Kamin hängt , lebensgroß mit gelbledernen Stiefeln , und Sporen so lang wie meine Hand . Der wird sich wundern . « » Ich glaub ' s. « » Und wenn der junge Herr noch einen Brief schreiben wollen oder eine Bestellung an den Papa ... « » Steht es so , Kastellan ? « » Ich sage nicht , daß es so steht ; aber es kann so stehen . Ein Kriegsgericht ist ein Kriegsgericht , und es hängt allewege an einem seidenen Faden . Ach , Junkerchen , unser Bestes ist schon immer : gesattelt sein . « » Das ist es « , sagte Lewin mechanisch , während sich seine Seele , der ihre Furcht noch einmal wiederkehrte , mit doppelter Gewalt an das Leben klammerte . Aber der Alte sah es nicht ; er nahm den Deckelkorb , den der Chasseur zurückgelassen hatte , bot eine » Gute Nacht ! « und ließ seinen Gefangenen allein . » Sie sitzen also jetzt oben « , sagte dieser , » und Markgraf Hans mag dreinschauen , wie er will , er wird mich vor ihrem Todeswort nicht retten . Es ist mir , als sprächen sie es jetzt . Und ich fühle den Stich hier im Herzen . Aber ich will leben ; Gott , erbarme dich meiner und sei mit deiner Gnade über mir . Laß ihr Wort zuschanden werden . « Und er faltete die Hände wieder und preßte seine heiße Stirn an die Scheiben . Die Sterne zogen herauf , und er suchte die Bilder zusammen , soviel er deren kannte . Aber im Gewölk verschwanden sie wieder . » Die Stunde rinnt auch durch den längsten Tag . « Und nun endlich schlug es elf . » Noch eine Stunde « , murmelte er vor sich hin , » und diese Qual hat ein Ende ! So oder so . « Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Befreiung Um dieselbe Zeit , wo Lewin diese Worte sprach , hielten zwei Schlitten vor dem Hohen-Vietzer Herrenhause . Der vorderste war eine bloße Schleife und sah dem Planschlitten ähnlich , in dem Lewin am Weihnachtsheiligabend seine Fahrt von Berlin nach Hohen-Vietz gemacht hatte , nur daß die Korbwände niedriger waren und der hohe Planbogen völlig fehlte . Statt dieses Planbogens war ein Stück schwarze , nach beiden Seiten hin tief herabhängende Wachsleinwand über den Wagenkorb gelegt und mittels eingeschnittener Löcher an den vier Speichen befestigt worden . In der Gabeldeichsel ging ein kleines struppiges Bauernpferd , und Pachaly , die Leinen in der Hand , saß auf dem Vorderbrett . Das zweite Gefährt war ein gewöhnlicher , aber sehr großer Fahrschlitten , den man sich , um eben dieser Größe willen , von Schulze Kniehase geborgt hatte . In diesem Schlitten saßen sechs Personen : Berndt und Hirschfeldt im Fond , ihnen gegenüber auf dem Rücksitze Tubal und Kniehase , vorne Krist und der junge Scharwenka . Krist fuhr . Die Ponies waren eingespannt , aber ohne Geläut . Was am meisten überraschen durfte , war , daß Bamme fehlte , und doch war eben dieses Fehlen für jeden ,