Faltern vorüber geflogen waren , wenn sich ein Becher in einem Gebüsche geöffnet hatte , ja sie gab mir zuweilen Blumen , um sie in meiner Wohnung aufzubewahren . So verging der Frühling , und der Sommer rückte vor . War mir das Leben im vergangenen Jahre in dieser Familie angenehm gewesen , so war es mir in diesem noch angenehmer . Wir gewöhnten uns immer mehr an einander , und mir war zuweilen , als hätte ich wieder eine unzerstörbare Heimat . Der Herr des Hauses zeichnete mich aus , er besuchte mich oft in meiner Wohnung und sprach lange mit mir , er lud mich zu sich , zeigte mir seine Sammlungen , seine Arbeiten , und sprach über Gegenstände , die bewiesen , daß er mich auch achte . Mathildens Mutter war sehr liebreich , freundlich und gütig . Sie sorgte wie früher für mich ; aber sie tat es einfacher , und fast wie ein Ding , das sich von selber verstehe . Wir waren oft alle in ihrem Zimmer und spielten ein kindisches Spiel oder trieben Musik . Alfred hatte gleich anfangs schon viel Zutrauen zu mir gezeigt , dieses Zutrauen war immer gewachsen , und war dann unbedingt geworden . Er war ein vortrefflicher Knabe , offen , klar , einfach , gutmütig , lebendig , ohne doch einem heftigen Zorne anheimzufallen , heiter , unschuldig und folgsam . Er war jetzt gegen neun Jahre alt , entwickelte sich stets fröhlicher , und gewann am Geiste sowie am Körper . Mathilde wurde immer herrlicher , sie war zuletzt feiner als die Rosen an dem Gartenhause , zu denen wir sehr gerne gingen . Ich liebte beide Kinder unsäglich . Wenn Alfred Unterrichtsstunde hatte , war ich dabei , und leitete und überwachte sie , ich überwachte sein Lernen , und fragte ihn immer um das Gelernte , damit er sich bei dem Lehrer keine Blöße gebe . Die Gegenstände , die ich mit ihm vornahm , vermehrte ich ansehnlich , ich suchte sie ihm recht gut beizubringen , und er lernte sie auch besser als früher bei andern Lehrern . Vater und Mutter waren oft bei dem Unterrichte zugegen und überzeugten sich von den Fortschritten . Mathilde nahm ich nicht nur sehr gerne , sondern viel lieber als früher zu unsern Spaziergängen mit . Ich sprach mit ihr , ich erzählte ihr , ich zeigte ihr Gegenstände , die an unserm Wege waren , hörte ihre Fragen , ihre Erzählungen , und beantwortete sie . Bei rauhen Wegen oder wo Nässe zu befürchten war , zeigte ich ihr die besseren Stellen oder die Richtungen , auf denen man trockenen Fußes gehen konnte . Zu Hause nahm ich an ihren Bestrebungen Anteil . Ich sah öfter ihre Zeichnungen an , und gab ihr einen Rat , den sie sehr gerne verlangte und befolgte . Sie freute sich sehr , wenn das Veränderte dann viel besser aussah . Ich war dabei , wenn sie auf dem Klaviere spielte , und hörte zu , so lange ihre Finger aus den Saiten die Töne hervor zu locken suchten . Ich schrieb ihr in Hefte sehr zierlich ab , wenn sie irgendwo einen Gesang hörte und sich denselben aus dem Gedächtnisse in Musiknoten aufschrieb . Dies war besonders in Hinsicht der Zither der Fall , die sie spielen zu lernen angefangen hatte , die sie sehr liebte , und auf der sie bedeutende Fortschritte machte . Oft hörte die Mutter Mathildens mit Aufmerksamkeit zu , wenn sie anmutige Weisen aus den Metallsaiten hervorbrachte , und ich und Alfred regten uns nicht und lauschten . Ich las ihr und der Mutter aus ihren Büchern vor , und bezeichnete schöne Stellen durch eingelegte Zeichen . Auch Blumen , Waldfrüchte und dergleichen brachte ich ihr , wenn ich dachte , daß sie ihr Freude machen könnten . Der Sommer war beinahe vergangen , und der Herbst stand bevor . Wir hatten so viel getan , daß uns die Zeit sehr kurz schien . Wir waren uns auch genug , um unsere Stunden zu erfüllen . Wenn fremde Kinder zugegen waren , wenn Spiele veranstaltet waren , und alle auf dem heiteren Rasen hüpften und sprangen , stand Mathilde seitwärts und sah teilnahmlos zu . Wir fuhren auch nicht so oft in die Nachbarschaft wie im vergangenen Jahre , und verlangten es auch nicht . Eines Tages nachmittags standen wir drei an dem Ausgange des langen Laubenweges , der mit Reben bekleidet ist und zu dem Obstgarten führt . Mathilde und ich standen ganz allein an der Mündung des Laubganges , Alfred war unter den Bäumen damit beschäftigt gewesen , einige Täfelchen , die an den Stämmen hingen und schmutzig geworden waren , zu reinigen , dann las er abgefallenes halbreifes Obst zusammen , legte es in Häufchen , und sonderte das bessere von dem schlechteren ab . Ich sagte zu Mathilden , daß der Sommer nun bald zu Ende sei , daß die Tage mit immer größerer Schnelligkeit kürzer werden , daß bald die Abende kühl sein würden , daß dann dieses Laub sich gelb färben , daß man die Trauben ablesen und endlich in die Stadt zurückkehren würde . Sie fragte mich , ob ich denn nicht gerne in die Stadt gehe . Ich sagte , daß ich nicht gerne gehe , daß es hier gar so schön sei , und daß es mir vorkomme , in der Stadt werde alles anders werden . Es ist wirklich sehr schön , antwortete sie , hier sind wir alle viel mehr beisammen , in der Stadt kommen Fremde dazwischen , man wird getrennt , und es ist , als wäre man in eine andere Ortschaft gereist . Es ist doch das größte Glück , jemanden recht zu lieben . Ich habe keinen Vater , keine Mutter und keine Geschwister mehr , erwiderte ich , und ich weiß daher nicht , wie es ist . Man liebt den Vater , die Mutter , die