frühe knickte ... Seit mehren Jahren schon ist jeder Verkehr zwischen den Schwestern Helene und Adèle abgebrochen und selbst das unter andern Umständen sehr erfreuliche Zusammentreffen in dieser großen Stadt wird keine Aussöhnung zu Stande bringen . Ich erwähne da Dinge , die in der großen Welt leider zu bekannt sind ... Auf Siegbert ' s Lippen schwebte die Frage , ob Rudhard wol wisse , welche Beziehung zwischen dem Prinzen Egon und der Gräfin d ' Azimont stattfände ; doch schwieg er , weil er dem Herzen eines Mannes wehe zu thun fürchtete , dem ohne Zweifel das Werk seiner Erziehung an der zweiten Tochter der Baronin von Osteggen nicht gelungen war . Rudhard nahm aber diesen Gegenstand selbst auf und zeigte sich über die Chronik der Schwester seines treugebliebenen Zöglings , der Fürstin Wäsämskoi , vollkommen unterrichtet . Wie schmerzlich muß es mir sein , sagte Rudhard , daß sich die Nachrichten , die wir dann und wann über die Schwärmereien Helenens empfingen , an meinen plötzlich in Paris wieder auftauchenden Schüler Egon von Hohenberg anknüpften ! Ich sah , daß auch Egon durch seine Genfer Erziehung in den Strudel gerathen war , in welchem Helene unterging , als sie sich verheirathete an einen Mann , der ihr niemals eine sittliche Anlehnung bieten konnte . Wie tief hab ' ich das Conventionelle im Leben unserer vornehmen Stände damals verabscheut , wie bitter beklagt , daß mir unmöglich wurde , dies liebenswürdige , reizende , gutmüthige Kind , Helene Osteggen , nicht von einer , wie man sie nennen mußte , glänzenden Partie mit einem nicht mehr jungen , aber reichen und interessanten französischen Diplomaten fern zu halten ! Legte sich doch selbst der Wunsch des Kaisers in die Wagschale , russische Unterthanen in Paris , an der Quelle der Begebenheiten , in genauester Verbindung eben mit den Lenkern der Begebenheiten zu wissen ! Ich begehe keine Indiskretion , indem ich von diesen Dingen spreche ; denn ich muß sie Ihnen sagen , weil sie mit Dem zusammenhängen , was mich zu Ihnen und Ihrem Bruder führt . Ich erstaune über Das , was ich hören werde , sagte Siegbert und strich sich über die Stirn , als könnte sie kaum alle diese wunderbaren Beziehungen fassen . Mein Unmuth , fuhr Rudhard fort , erstreckte sich in dem Grade auf Alles , was mit Helenen zusammenhing , daß ich auch Egon verwarf und Niemanden mehr verwarf als die Mutter Egon ' s , die Fürstin Amanda , die mir so viele bittere Schmerzen in meinem an Freuden nicht reichen Leben verursacht hatte . Was sollte ich dazu sagen , daß ich vor anderthalb Jahren einen Brief von der Fürstin Amanda empfing , den sie auf ihrem Todtenbette geschrieben hatte ! Einen Brief , der mich erst in Schmalelinken suchte und ein halbes Jahr brauchte , mich am Schwarzen Meere zu finden ; einen Brief , dessen Absicht ich versäumt glaubte , als er ankam , ja der selbst rechtzeitig hätte eintreffen können und mir keinen Entschluß würde abgewonnen haben , so erbittert und gram war ich damals dem Andenken an Alles , was mich an Hohenberg erinnerte . Doch lesen Sie selbst diesen Brief und erfahren Sie damit zu gleicher Zeit den Grund , der mich zu Ihnen führte und mich bestimmte , Ihnen einen Überblick meines Lebens zu geben . Um jedoch Ihre Spannung nicht zu lange hinzuhalten , bemerk ' ich , daß mein Besuch mit einem Bilde der Fürstin Amanda zusammenhängt , das Sie besitzen . Mit einem Bilde ? fragte Siegbert erstaunt .... Ist es nicht so ? bemerkte Rudhard , der sich in seinem sichern Auftreten nicht stören ließ . Sie besitzen ein Bild der Fürstin ? Allerdings ; aber .... So bitt ' ich ! Lesen Sie ! Dreizehntes Capitel Eine neue Wendung Rudhard zog ein großes Portefeuille aus der Brusttasche , schnallte es auf und nahm aus mancherlei Papieren und Dokumenten , die in ihr angehäuft lagen , einen zierlichen Brief hervor , der durch seine mit hundert Notizen und Strichen überkritzelte Adresse einen wunderlichen Anblick bot . Es waren darauf ersichtlich die vielen Postzeichen und Bemerkungen des Hin- und Hersendens nach dem Adressaten in deutscher und russischer Sprache , in blauer , rother , grüner Tinte und wer weiß , setzte Rudhard mit einem leisen Anfluge von Lächeln hinzu , ob nicht noch in unsichtbarer , sympathetischer Tinte , die nur die geheime Polizei zu sehen und zu lesen im Stande ist ! Der Brief selbst , mit schwacher Hand , unsicher , wie von einer Todtkranken geschrieben , lautete : » Nach Allem , lieber Rudhard , was zwischen uns auf dieser Erde vorgefallen ist , werden Sie erstaunen , wie Sie noch , ehe ich dies Dasein verlasse , von mir einen Abschiedsgruß erhalten können ! Ja , mein lieber Rudhard , ich stehe an der Pforte der Ewigkeit . Die Stunden sind gezählt , die mich die Langmuth des Herrn noch athmen läßt und ich frage mich , warum der erlösende Engel noch immer nicht kommen , an mein Lager treten und mir die Augen zudrücken will ! Ich frage : Was gibt dir denn der Herr noch zu bedenken ? Was sollst du noch in deinem Hause ordnen , ehe du die Heimkehr zu deinem Erlöser antrittst ? Ich blicke um mich , wo wol noch ein Herz schlägt , das ich betrübte , wo wol noch ein Fehl zu sühnen und zu büßen ist , und der Erinnerungen an Schlimmes und Sündhaftes sind in mir so viele , lieber Rudhard , daß ich noch eine Ewigkeit leben müßte , jeden nagenden Gedanken aus meiner Seele zu tilgen . Ach , mein Heiland , muß ich beten , ich ermüde , mich so zu schmücken wie du mich haben willst ! Nimm mich hin in deine Arme und laß die Gnade mich rein waschen von meinen Sünden ! « Siegbert stockte , gerührt von diesen innigen Worten