die , so in Sorgen leben , am besten mit Geduld und Nachsicht zusammen aus kommen , was aber dann eine um so größere Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit mit sich bringt , die wiederum nicht so wohl wie eine harte Geschäftspflicht als mit frohem Dank aufgenommen wird . Jetzt bat sie ihn um Berichtigung seiner Schuld , da mit ihrer Beobachtung , daß Heinrich einiger Barschaft froh war , zugleich das eigene , nicht eine Stunde länger zu ertragende Bedürfnis sich gesteigert hatte , und zwar in aller Aufrichtigkeit und Überzeugung . Denn das ist das ergötzliche und artige Band bei der Armut , wenn eines ein Häppchen erschnappt hat , so schreit das andere , das sich bislang ganz still gehalten , plötzlich und ohne Bosheit , als ob es am Spieße stäke , und dieser liebenswürdige Wechsel von Entbehrung und Mitgenuß , von Opfer- freudigkeit und unverhohlenem Anspruch läßt sie nur um so natürlicher und menschlicher empfinden und zum Vorschein kommen . Heinrich , der seinerseits ebenso unbefangen nicht an seine Schuld gedacht hatte , war in der gleichen Unbefangenheit nur froh , der Frau sogleich genügen zu können , und sah sich , ehe er sich ganz ermuntert , beinahe des ganzen Ergebnisses seiner Spirallinie beraubt . So erfuhr er nun eine noch bedeutsamere Seite der Schuldbarkeit und Pflichterfüllung , nämlich wie es tut , wenn man nicht etwa nur mit leicht erworbenen oder fremden Mitteln zierlich und gern seine Pflicht löst , sondern auch mit der Frucht der bitteren und anhaltenden Arbeit Recht und Menschlichkeit zufriedenstellt , ehe man an die eigene Not denkt . Dies war sein glückliches Erbgut , das weit mehr in seinem Blute als in seinem Wissen lag , daß er durchaus keinen Unterschied zu machen vermochte zwischen dem Gelde , das er ohne Mühe durch die Sorge anderer erhalten , und zwischen dem , was er sich sauer erworben ; denn es hinderte ihn nun , in der Versuchung der Not jener Klugheit und anscheinend gerechtfertigter Berechnung zu verfallen , welche so manche Menschen in schlimmeren Zeiten wohl schlau über dem Wasser hält , aber nur um sie dann gänzlich in Selbstsucht und Gemütsschmutz untergehen zu lassen . Die bedrängte Wirtin befreite sich noch am selben Tage von einer Menge kleiner heftiger Gläubiger , erhielt neuen Kredit beim Bäcker , tat sich etwas gütlich mit ihren vom Vater verlassenen Kindern , erwarb sogar ein Stück geringen Zeuges zu neuen Hemdchen für dieselben , kurz , sie atmete auf und lebte nach ihrer Weise herrlich und in Freuden , während Heinrich am gleichen Tage einen so ratlosen Zeitraum antrat , wie er ihn vor kurzem noch nicht geahnt . Hatte sich seine Wohnung von allem Besitztume geleert , so sah er jetzt , daß sie dennoch noch leerer und kahler werden konnte , indem er von den letzten , fast völlig wertlosen Gegenständchen und Bruchstücken zehrte , und bald sah es so verzweifelt dürr und hoffnungsarm um ihn aus , daß die Wirtin ihn auffordern mußte , sich eine andere Wohnung zu suchen ; denn er war nun , wie sie wohl sah , unter den Stand ihrer eigenen Armut hinabgesunken , und bei dieser Ungleichheit lag es nicht mehr in ihrem Vermögen , etwa auf sein besseres Glück zu bauen und die Selbsterhaltung hintanzusetzen . So zog er mit seinem leeren Koffer , in welchem allein das Buch seiner Jugendgeschichte lag , in eine neue Wohnung und erlebte es zum ersten Male , von unbekannten Leuten gleich als Habenichts ohne Höflichkeit und mit Mißtrauen empfangen und angesehen zu werden , als sie seine Nichthabe bemerkten . Er ging jetzt auch schlecht in Kleidern einher und mußte tausend Geschicklichkeiten erwerben , dies so gut als möglich zu verbergen , und alles dies und wenn ihm das Wasser in die zerrissenen Sohlen drang , lehrte ihn mit stummer Beredsamkeit die menschlichen Dinge zu empfinden und zog und bog den grünen Zweig seines Wesens kräftig nach allen Seiten , daß er geschmeidig wurde . Er ertrug das Härteste ohne Verbitterung und ohne Hoffnungslosigkeit , wohl fühlend , daß eher ein Berg einstürzt , als ein Menschenwesen ohne angemessene Schuld zugrunde geht ; wenn er sich selbst sah , wie er ebenso still und geduldig alle Strapazen , Entbehrungen und Demütigungen zu bestehen als behende und begehrlich , wie ein hungriges Füchslein , ein sich darbietendes Lebensmittelchen zu erschnappen und auch dem Allerwenigsten dankbar einen hohen Wert beizulegen verstand , ohne sich doch gierig und tierisch zu gebärden , so übte er sich gerade an diesem Schauspiel , sein besseres Bewußtsein über dasselbe zu erheben ohne geistige Überhebung und Mystizismus und sein edleres Ich beschaulich aus dem dunklen Spiegel der leiblichen Not zurückleuchten zu sehen . Es fand sich und kam ihm gut , daß Heinrich von Natur aus verstand , geduldig zu sein und äußeres leibliches Leidwesen zu dulden , ohne die Beweglichkeit der Seele zu verlieren . Diese Kunst des Duldens , welche das Christentum vorzüglich sich angeeignet und zu einer ausgebildeten Kultur erhoben hat , ist eine löbliche Eigenschaft des ursprünglichen Menschen , und das Christentum hat sie weder vom Himmel geholt noch sonst erfunden , sondern fertig im Vermögen des Menschen vorgefunden , und sie ist so gut weltlicher Natur , daß nicht nur kluge und edle Heiden sie besessen , sondern auch am kranken und leidenden Tiere täglich zu sehen ist , und zwar nicht zum Zeugnis ihrer Niedrigkeit , sondern ihrer maßgeblichen Ursprünglichkeit und Natürlichkeit . Freilich ist das Dulden der meisten Christen längst nicht mehr dieser edle und kraftvolle Grundzug , sondern ein künstliches Wesen , welches darauf hinausläuft , so bald als möglich nicht mehr dulden zu wollen und für das Erduldete hinlänglich entschädigt zu werden , daher auch die gedankenlosen und lärmenden Gegner des Christentums das Kind mit dem Bade ausschütten , alles Leiden entweder für Heuchelei und Beschränktheit oder für Feigheit halten und sich gebärden wie eigensinnige kreischende Kinder , die keine Suppe essen wollen .