. Ich habe nur die ersten Keime der Bildung in sein allerdings sehr begabtes Innere pflanzen können . Es war ein liebes Kind , trotz Eigensinn und Starrheit und einer überlebhaften Neigung zu Extremen ! Ihn krank zu wissen , den nun herangewachsenen Jüngling , ja schon Mann , macht mich traurig .. Nach so vielen Jahren hätt ' ich ihn gern freudiger begrüßt . Ich bin gewiß , er hätte sich meiner ohne störendes Misbehagen erinnert ! Hat mir doch auch die Mutter in ihren letzten Lebensaugenblicken einen Beweis gegeben , daß sie in weiter Ferne meiner noch mit Achtung , ja sozusagen Versöhnung gedachte ! Sie schieden also von Hohenberg ? fragte Siegbert . Schon vor langer Zeit , fuhr Rudhard fort . Die Verstimmung zwischen der Fürstin und mir war nicht mehr zu heilen . Immer mehr Menschen , immer heftigere Bedürfnisse religiöser Schwärmerei drängten sich zwischen sie und mich , und als sie sich entschlossen hatte , gegen mein Bitten und Flehen den Prinzen nach Genf in eine bigotte reformirte Erziehungsanstalt zu schicken , war ich ohne ferneren Halt auf meinem Platze und zog vor , Plessen zu verlassen . Bei der Fürstin hatte sich ein Predigtamtscandidat , ein sehr befähigter , aber grundsatzloser Mann , eingenistet . Er wurde , da ich merkte , daß ich in jeder Hinsicht unbequem war , und nun eine andre Pfarre übernahm , mein Nachfolger . Ich darf , mein Verehrter , bei Ihnen , dem ich ganz fremd bin , kein Interesse ansprechen , wenn ich von meinen ferneren Schicksalen erzählen wollte , ich überschlage daher die Blätter meines Lebens bis auf den Augenblick , wo ich - Nein , nein , sagte Siegbert und ergriff treuherzig die Hand des Fremden , kann einem jungen Manne etwas lehrreicher sein , als die Erfahrung des Alters sprechen zu hören ! Ich fühle und lebe das Alles mit Ihnen mit , was Sie erzählen ! Meine Zeit drängt mich nicht und die letzte Aufklärung über Das , was Sie zu den Brüdern Wildungen führte , bleibt mir ja doch wol gewiß . Rudhard empfand ein sichtliches Wohlgefallen an diesen in so weichen Tönen gesprochenen Worten des jungen angenehmen Mannes . Er blickte auf ein reines Gemüth , wie er es lieben mußte . Seine Augen milderten sich der sanften Klarheit des Blickes gegenüber , den Siegbert auf ihn ruhen ließ . Doch that er Das nicht , was vielleicht jeder Andere gethan hätte und sprach etwa mit Anerkennung über die Gesinnung des jungen Mannes , die er doch schätzen mußte . Er machte nur eine kurze Pause und fuhr mit einer gewissen Strenge fort : Ich zog mit meinem kränkelnden Weibe an die fernste Grenze unsres Vaterlandes , Rußland zu , in einen Ort Namens Schmalelinken . Dort in einer Provinz , wo man klare Begriffe von der Provinzhauptstadt aus beförderte und beschützte , glaubt ' ich , für die spärliche Saat , die jetzt noch Geistliche in die Herzen der Menschen streuen können , hinlänglichen Boden zu finden und fand ihn . Die Nähe einer Rittergutsbesitzung , der angesehenen Familie von Osteggen gehörend , machte mich ganz besonders glücklich . Diese Familie war am begütertsten im benachbarten Kurland , lebte aber lieber als in Rußland auf dem bescheidenen Schlößchen Ostegg bei Schmalelinken , wo ich als Pfarrer wirkte . Dieses Glück dauerte aber nur kurze Zeit . Meine Gattin starb . Ich hätte es verwinden können . Aber dem Tiefgebeugten , der gleichsam mit dieser guten Frau auch die Kinder verlor , die sie ihm nicht hatte schenken können , der nun ganz allein in der Welt dastand , entzog sich auch der Trost jener Beziehung zu der Osteggen ' schen Familie , wo ich zwei jungen liebenswürdigen Mädchen , Adèle und Helene , Erzieher geworden war . In Plessen war ich von bigotten Deutschen verdrängt worden , in Osteggen verdrängte dagegen mein Erscheinen einen gewissen Rafflard aus der reformirten französischen Schweiz . Ich erlöste diese Familie förmlich von der Sklaverei unter dem Joche dieses Rafflard , eines eiteln , unwissenden Intriguanten und hatte die Genugthuung , daß mein Wirken anerkannt , gewürdigt wurde . Da starb aber mein Weib und meine einzige Anlehnung , die Osteggen ' sche Familie , wurde durch die glänzende Heirath Adèlens , der ältesten Tochter , mit dem Fürsten Wäsämskoi bestimmt , nach Odessa zu ziehen , wo der Fürst am russischen Gouvernement wirkte . Was that ich ? Ich entschloß mich , den dringenden Bitten der Familie , der ausdrücklichen und ehrenvollen Anerbietung des Fürsten Wäsämskoi zu folgen und ging , nahe meinem fünfzigsten Lebensjahre , mit nach Odessa . Dort am Ufer des schwarzen Meeres , unter südlichem Himmelsstrich verlebte ich glückliche Jahre . Mancher düstre , trübe Zug meines Charakters milderte sich . Was früher hart und starr war , wurde weicher und ebener . Leider verschonten uns herbe Schicksalsschläge nicht . Die alte Baronin Osteggen starb . Vor einigen Monaten ist auch ihr Schwiegersohn , der Fürst Wäsämskoi , auf einer Reise nach der Krim an einem Fieber dahingegangen . So fiel die Sorge für die Fürstin Adèle und ihre drei Kinder auf mich . Ihre jüngere Schwester , Helene Osteggen , hatte in Odessa die Bekanntschaft des in Aufträgen reisenden französischen Attaché , Grafen d ' Azimont , gemacht und war , nachdem er sie geheirathet , erst nach hier , dieser Stadt , wo er fixirt war , dann nach Paris mit ihm gezogen - Die Gräfin d ' Azimont ? fragte Siegbert gespannt . Irr ' ich nicht , so ist die Gräfin hier ? Sie ist es , sagte Rudhard mit düstrer Miene , auch ihre ältere Schwester , die Fürstin Wäsämskoi ist hier . Leider gerieth mein jüngster Zögling , Helene d ' Azimont , so in den Strudel des modernen Weltlebens , daß sie mit der ganzen Familie brach und durch ihre wilde phantastische Lebensweise die Liebe und das Herz der Mutter zu