Nacht . Sie kam sich verworfen vor in diesem Kreise schuldloser Menschen , die ein furchtbares Geschick wohl tief hatte beugen , nicht aber einen wirklichen Makel ihren Seelen hatte anhaften können , und die Verachtung vor ihr selbst steigerte sich mit dem Bewußtsein , daß sie mit Vorbedacht gefehlt habe ! Dieß ließ sie eine baldige Veränderung wünschen , und sie war eben im Begriff , Aurel um die Erlaubniß zu bitten , ihr irgend ein passendes Unterkommen in einer größeren Stadt zu verschaffen , als ein Brief von Adalbert eintraf und den Gedanken Biancas eine andere Richtung gab . In seinem vornehm kühlen und freundlich zarten Tone schrieb der stolze Bruder an Aurel , daß er gehört habe , es lebten unter seinem Schutze zwei sehr hübsche gebildete junge Damen , die alle Eigenschaften besäßen , das Hauswesen eines wohlhabenden Mannes in Ordnung zu erhalten . Vorausgesetzt , daß er geneigt sei , eine oder die andere dieser jungen Damen einem Dritten zu überlassen , wage er es , im Namen ihres Bruders Adrian anzufragen , ob sich vielleicht eine von den Schönen entschließen könne , ihm sein verwaistes und einer umsichtigen Lenkerin bedürftiges Hauswesen zu führen ? Aurel dürfe immerhin annehmen , setzte Adalbert hinzu , daß keinerlei Nebenabsicht bei dieser Anfrage im Spiele sei . Ihre Rechtsangelegenheiten hätten durchaus nichts damit zu schaffen und er sowohl , wie auch Adrian seien weit entfernt , die gesuchte Dame etwa als Spion zu mißbrauchen ! Aurel wunderte sich zwar über diesen Brief , indeß fand er am Ende die Frage nicht so gar ungewöhnlich . Deshalb sprach er mit Herta darüber und als auch diese kein Bedenken trug , dem Gegner in diesem Punkte sich gefällig zu erweisen , theilte er Bianca den Antrag mit , deren wachsender Trübsinn ihn seit einiger Zeit zu beunruhigen begann . Bianca war auf der Stelle bereit , darauf einzugehen , nur wollte sie sich nicht eher verbindlich machen , als bis sie Adrian persönlich kennen gelernt und mit ihm gesprochen haben würde . Sie läugnete nicht , daß sie schon längst begierig sei , mit einem Manne zusammen zu kommen , der ihrem gerechtigkeitliebenden , großmüthigen Retter so gar nicht gleiche , und der einen so eisernen Willen zeige , daß er sich nicht scheue , allen seinen Gegnern mit kalter Stirn zu trotzen . Dieser Bereitwilligkeit freute sich Aurel Biancas wegen , und es ward festgesetzt , daß man Boberstein oder vielmehr das Dorf am See besuchen wolle , sobald die neu entdeckten Documente mit den nöthigen Angaben ihrem Anwalt überliefert sein würden . Nur Einer konnte sich mit diesen Anordnungen nicht befreunden . Dies war Gilbert . Der junge lebensfrohe Matrose hatte Bianca angelegentlichst den Hof gemacht , obwohl ganz ohne Erfolg . Es schien aber gerade , als wünsche und beabsichtige er dies ; denn je kecker , spitziger und trotziger die spröde Schöne seine Galanterieen beantwortete , desto beharrlicher setzte er sie fort . Es gewährte ihm unbeschreibliches Vergnügen , von den blühenden Lippen des schönen Mädchens , in der er eine büßende Magdalene in üppigster Formenpracht erblickte , die härtesten Wahrheiten anhören zu müssen . Abweisen ließ sich Gilbert durchaus nicht , so sehr Bianca auf ihrer Hut war . Verriegelte sie ihm die Thür , so unterhielt er sich mit ihr durch ' s Schlüsselloch und sagte ihr die verlockendsten Schmeicheleien über ihre Schönheit . Er lobte ihre Hand , ihre Anmuth , ihr reizendes Zürnen , das schmollende Stampfen ihres zarten Fußes , kurz wie immer sich die Aergerliche gebehrdete , der unermüdliche Gilbert fand alles reizend und entzückend an ihr . - Als ihm später Aurel seine Zudringlichkeiten verbot und Bianca dem Späher jeden Spalt verstopfte , kletterte er in Schnee und Wind an den Wänden hinan , um durchs Fenster mit seiner Angebeteten zu conversiren , und so brachte er Bianca fast zur Verzweiflung . Weil sie sah , daß Zürnen , heftige und beleidigende Worte bei dem jungen Tollkopf nichts furchteten , ließ sie endlich geschehen , was sie nicht hindern konnte , und ertrug die wunderlichen Aufmerksamkeiten des verliebten Jünglings mit heroischem Gleichmuth . Sie that , als spräche , flehte und girrte der tolle Mensch gar nicht , mochte er nun vor der Thür ihre Augen in einem Sonett besingen oder vor dem Fenster ihres Zimmers klappern , um den Umriß des schönen Mädchens durch die Gardinen mit Seufzen zu betrachten . Gilbert amüsirte sich bei dieser originellen Art , eine hübsche Widerspänstige andauernd zu verfolgen und auf alle Malicen nur süße Liebesworte zu erwiedern , über alle Maßen . Es verging ihm die Zeit dabei und außerdem konnte man ja doch nicht wissen , ob die neue Magdalene nicht zuletzt von der wandellosen Treue ihres Verehrers gerührt werden und ihm dieselbe auf das Anmuthigste belohnen würde . Gilbert hatte Erfahrung genug , um zu wissen , daß oft die sprödesten und widerspänstigsten Mädchen nach einiger Zeit die freundlichsten und hingebendsten werden und daß gerade eine so erzwungene Liebe die genußreichste ist . Darum fiel es ihm nicht ein , seine Nachstellungen aufzugeben und die Vorschriften des Kapitäns zu befolgen . Als er den Beschluß Biancas hörte , schimpfte er ganz lästerlich , setzte seinen bebänderten Hut schief auf den Kopf und rannte in den Garten , um an dem Rutschberge zu arbeiten , dessen Erbauung ihm Aurel erlaubt hatte . » Erst soll die verdammte Hexe doch noch Arm und Beine brechen ! « rief er aus . » Ja das soll sie oder - ich gehe wieder zu Schiffe . Verdammtes Landrattenleben ! ' s Ist langweilig zum Sterben ! « Und wüthend , als säßen ihm Schweißhunde auf den Fersen , häufte er Schnee auf Schnee , schleppte Wasser und arbeitete sich so matt und müde , daß er an diesem Abende nicht einmal das Spalier erklettern und vor dem Fenster seiner grausamen Schönen eine verliebte Serenade ächzen konnte . - Inzwischen kam der Tag heran