, so war es um sie geschehen , das fühlte sie wohl . Kaum den Boden unter ihren Füßen sehend , schwankte sie aus dem Zimmer und wählte den Versteck , der sich ihren irren Sinnen zunächst darbot . Kein Gedanke , keine Überlegung , daß er ja nicht zu ihren Pflegern gegangen sein würde , wenn er es übel mit ihr meinte , kam in die gestörte Seele . Denn die Liebe ist , ungerüttelt , göttlicher Scharfsinn . Die Blitze ihrer Ahnung sehen das Verborgenste , sie gleicht dem Wunderrosse , welches Mahomet zwischen dem Umstürzen und Auslaufen eines Wasserkruges durch alle sieben Himmel trug und ihm die Herrlichkeiten eines jeden zeigte - verstört , in falsche Bahnen gelenkt , ist sie Wahnsinn , der bei Domen vorübergeht , ohne sie wahrzunehmen , und Maulwurfshügel für Alpengipfel ansieht . Oswald betrat unten das Haus . Er hätte nie gedacht , daß er über eine Schwelle so scheu wie ein Sünder würde schreiten müssen . Ein grimmiger Verdruß über die ekelhaften Schlangenknäuel des Lebens , über den plumpen Spaß des Daseins , welcher oft Spülicht und die Blume des Weines zusammen mischt , saß ihm am Herzen . Immer kränker fühlte sich dieses Herz . Noch hingen die Locken des Jünglings verwirrt vor seinem Antlitz , um welches zuweilen eine fliegende Röte ergossen war , und seine Augen sprangen unstet zwischen den Gegenständen hin und her , ohne einen derselben mit ihren Blicken zu treffen . Er schritt an den Leuten vorüber , die im Flur waren und an dem Hofschulzen , ohne jemand zu grüßen . Sein Herz war voll von Gram aber auch voll von Entschluß . Zu Lisbeth ging er , zu der Lisbeth , welche ihn gestern mit dem Wiesenkrönchen als ihren König und Herrn gekrönt hatte , und die er nun der süßen Dienstbarkeit entlassen wollte . Denn ihr Bild war ihm besudelt worden ; freilich ohne Schuld der Unschuldigsten . Aber ist das Liebesgefühl , stark wie der Tod , nicht auch verletzlich , gleich den Hörnern der Schnecke ? - » Es muß mir das nicht bei ihr einfallen « , hatte Oswald unaufhörlich auf dem Wege zu sich gesagt . - » Sie wird zwar unglücklich , aber werde ich ' s nicht auch ? Nicht tief , tief unglücklich ? - Ach , wie wollte ich an ihrer Seite daheim werden in meinem Herzen , daheim und selig zu Hause sein bei mir , und jedes Winkelchen kennenlernen , darin lieblich Geräte steht und Krüge würzig duften voll sanften Weines und Öles , und muß nun doch wieder mich selber draußen suchen gehen ! Aber die Braut des Grafen Waldburg darf nicht - « Er tat die Türe des Zimmers mit dem gewaltigsten Herzpochen auf . » Sie « wollte er sie nennen und zu ihr sagen , daß er komme , um von ihr Abschied zu nehmen , sie solle ihn aber nicht fragen , was sich so plötzlich zwischen sie beide gedrängt habe . Mit diesen Gedanken trat er in das Stübchen , vernichtet fast von dem bevorstehenden Augenblicke und als er sie nicht fand , da - rief er : » Sie ist nicht hier ! « mit eben dem Entzücken , mit welchem er gestern die verschlossene Türe der Dorfkirche begrüßt hatte . Denn nun hatte er sie ja noch , vielleicht zwei , vielleicht gar drei Minuten , bis sie wieder in das Zimmer trat . Er setzte sich am Bette nieder und streichelte die Decke , als streichle er ihre Hand . Dann schob er die Hand unter die Decke am Fußende , wo er ihre Nachtkleider vermutete , und da geriet ihm ihr Mützchen zwischen die Finger . Er drückte das Mützchen mit seinen Fingern , denn er wollte Abschied nehmen von allem , was sie berührt hatte . Dann legte er die Hände in den Schoß und sah vor sich hin und um sich her , lange . Ach , alles war reinlich und sauber umher und der Hauch ihrer Nähe webte noch in dem kleinen Zimmer . Es kam ihm vor , als sei es darin golden helle , als scheine die Sonne draußen und doch dunstete der graue , häßliche Nebel auch um dieses Haus . - Nach einem langen Schweigen sagte er beklommen : » Ich hätte nicht hierher kommen , ich hätte ihr schreiben sollen ; so schwere Dinge soll man schriftlich abmachen . « Sie blieb immer aus . Er begann , sich nach ihrer Erscheinung zu sehnen , stand auf und ging unruhig hin und her . » Was ? « rief er , indem er sich plötzlich über dieser Sehnsucht ertappte , » du verlangst danach , von ihr Abschied zu nehmen ? « - Sein Blick fiel in den kleinen Spiegel an der Wand , er sah seine Locken in greulicher Verwirrung , schämte sich dieses Anblickes , strich sie in Ordnung , und ein Gesicht sah dahinter hervor , welches zwar bleich war , aber sich doch nicht so übel ausnahm , wie er noch vor wenigen Augenblicken gemeint hatte , daß es sich ausnehmen müsse . Denn eine sanfte Wärme hatte sein ganzes Inneres durchdrungen , welches seit einigen Stunden wie erfroren gewesen war . Es hob sich eine Last von seinem Herzen , es trat wie ein schwerer Fluch von seiner Seele zurück . Mit jedem Augenblicke wurde ihm freier und freier ; ihm ward zumute , wie dem begnadigten Sünder , wie dem verlorenen Sohne , da der Vater ihm ein köstliches Mahl anrichten ließ . Ganz und voll durchdrang ihn eine unaussprechliche Empfindung , die aus hülfreichem Mitleid und schöpferischer Zärtlichkeit gemischt war ; ein herzliches Wollen , ein tiefes Entschließen und eine göttliche Geburtswehe des Gemütes . Alles das wallte wie ein Meer in ihm empor und in die Fluten dieses Meeres sanken die Fratzen des sogenannten Schlosses hinab und wurden nicht mehr gesehen . Ja , er