nicht möglich wäre . Denn der auf die Naturwissenschaft gestützte Materialismus führt unnachsichtlich zu Consequenzen des Socialismus . Um daher dem Bild von Saïs einen Schleier vorzuhängen , pflegt man ab und zu den sogenannten Idealismus , das Interesse an idealen Kulturerzeugnissen . Man gähnt pflichtschuldig das Postament der Geistesheroen alt und versteckt seine stumpfsinnige Gleichgültigkeit unter dem Tamtam neuer Götzendiener , die vom Abfall früherer Geistesthaten leben und ein großes Geräusch machen , gleich den Ammen Jupiters , um die Stimme ihres Gottes zu übertönen . Man läßt zwar das lebendige Ideale als Aschenbrödel verhungern , aber man muß ab und zu über abstrakten Idealismus faseln , um das Gleichgewicht herzustellen . So wollte denn das Gejammere über das » unglückliche Genie « , » den edeln Dichter « kein Ende , nehmen . Die » Berliner Tagesstimme « nannte ihn , nachdem sie sich von Schritt zu Schritt mehr für ihren todtgeschwiegenen Liebling erwärmt , bereits nur noch schlechtweg den » erhabenen Jüngling « . Sie wußte mit dröhnendem Pathos unser Zeitalter der Reaction dafür verantwortlich zu machen , daß eine so hochherzige Natur aus purem Lebensekel sich aus dem Leben » fort jraulte « . Jaja , das Herz dieses erhabenen Jünglings brach , denn es schlug der Freiheit sowie der Menschheit . ( Die Aktien-Dividende der » Berliner Tagesstimme « war dies Jahr besondere fett gerathen . ) Hingegen wußte das » Deutschnationale Blatt « ganz genau , daß der Antisemit Leonhart nur durch das infame Judenthum , dessen Presse sich besonders an ihm versündigte , zur Verzweiflung getrieben wurde . Das » Bunte Allerlei « wimmerte wie ein kleines Krokodil und brachte u.A. die boshafte Notiz : » Wie wir hören , soll der gräßliche Sittenschilderer K. Schm . untröstlich sein . Der Selbstmord seines Freundes L - t wirst all seine Dispositionen um . Denn er hatte denselben bereits als Helden seines neuen Romans festgenagelt und als Typus des Größenwahns unsterblich lächerlich gemacht . Leider ist ihm nun der böse Mensch zuvorgekommen . Solche Todten persiflirt man ungern . « Jedenfalls zeigte sich die Deutsche Presse eifrig bemüht , den Fall Leonhart als typisch für die deutsche Verkennung und das deutsche Schriftstellerelend möglichst breitzutreten . Ein Aufruf des allgemeinen Schriftstellerverbandes und des litterarischen Schutzbureaus erschien , worin jeder dieser Concurrenten den andern für die deutsche Misère in verblümter Weise verantwortlich machte und dann zu dem Fall Leonhart überleitete . Sämmtliche sechzehntausend Schriftsteller und Schriftstellerinnen des Kürschnerschen Lexicons sollten einen Obolus entrichten für einen interessanten Grabstein , welchen man dem » verewigten Collegen « errichten wollte . An den Grafen Oscar von Scheckwitz , Excellenz , und andere millionenreiche Didaktiker richtete man eine Adresse : » Ew . Excellenz ! Hochgeborener Herr Graf , hochmögender Herr Kammerherr ! Mit jener Ehrerbietung , welche Alldeutschland Ihrem glorwürdigen Schaffen zollt « u.s.w. Er möge , um die entsetzliche deutsche Dichterverachtung im Volk der Dichter und Denker zu brandmarken , das Portrait Leonharts nach einer Zeichnung von Stauffer-Vern anfertigen lassen und seiner berühmten Gallerie einverleiben . Graf Scheckwitz , Excellenz , edelherzig wie immer , zog sich jedoch noch glänzender aus der Affaire . Er versprach nämlich statt dessen die Tantièmen seines neuen griechischen Dramas mit Chören » Gott Hymenäos « , falls dasselbe sofort von seinem Standesgenossen Graf Hochberg aufgeführt werde , als Preis auszusetzen für die beste Denkschrift über » Friedrich Leonhart , den deutschen Chatterton . « Es giebt noch gute Menschen . Regnete es doch nur so » Erinnerungen an den verewigten Dichter « ! Frank Säuerbach in München veröffentlichte einen Essay in der » Allgemeinen Zeitung « , worin er mit braminenhafter Spitzfindigkeit den Leichnam Leonharts secirte und an demselben pathologische Studien verübte . Der Keim zum Selbstmord habe von jeher in Leonhart gelegen , ebenso wie etwa Satyriasis in dem sogenannten Pantheismus jüngstdeutscher Lyriker . Er brachte als Beweismittel zwei Gedichte bei , die der Unglückliche vor Jahren veröffentlicht habe : Du , des Tages blind Geschöpf , jammerst , daß Dein Herz verblutet , Daß Dein ganzes Sein sich fühlt vom Verwesen angemuthet ? Ja , die Hoffnung bald entwich , Nur den Tod zu suchen frommt , nur der Tod macht Dich unsterblich . Nur des Denkers Ideal bleibt von Zeit zu Zeit vererblich , Dein Gedanke unveräußerlich . Als Volker vorgefiedelt , sprang auf des Tisches Brett Herr Hagen , jäh zertrümmernd die Krüge beim Bankett . » Nun trinken wir die Minne und zahlen des Königs Wein : Der junge Vogt der Hennen - der soll der Allererste , sein ! « Wer will zum Tanz mir fiedeln ? Ich möchte schon sogleich Zertrümmern meines Herzens Gefäß mit festem Streich . » Nun trinken wir die Minne und zahlen des Schöpfers Wein : Das Blut des Dichterherzens - das muß das allerbeste sein . « Diese traurige Lebensverschmähung , dieser bachantische Trieb zur Selbstvernichtung wie zu einem Festgelag , sei nun durch die berechtigte Verzweiflung des Dichters über die stumpfe Aera , in welche ihn das Schicksal verbannte , gesteigert worden . Sogar der Componist Francis Henry Annesley meldete sich einem litterarischen Magazin mit einem Artikel » Meine Beziehungen zu Friedrich Leonhart « . Denn obschon er für alle Zeiten jeglicher Schmier-Bethätigung entsagt und sich ganz der edeln Musika gewidmet habe , besäße für ihn die Feder noch immer genug Anziehungskraft , um zwei edeln Todten den Zoll der Dankbarkeit zu bringen . Dies seien der Maler Rother und der Dichter Leonhart , beide auf rätselhafte Weise verunglückt , wahrscheinlich durch Selbstmord . » Ja , sie wanderten nicht von einer Kaltwasserheilanstalt in die andere , wie so mancher andere Schmerzenreich , « - ( gestand der junge Musiker mit achtungswerther Selbstironie ) - » ewig entsagend und immer wieder da , von den Todten auferstanden . Sie machten Ernst mit ihrer Verneinung des Lebens , mit dem letzten Facit unter der Summe ihrer Schmerzen . « Und jetzt folgten eine Menge enthusiastischer Lobeserhebungen über die » hehren