der alte Kastellan , da Betten oder Decken im ganzen Schloß nicht mehr aufzutreiben gewesen waren , aus seinem eigenen Kleiderschranke hergegeben hatte . In dem großen Bündel hatten sich übrigens auch noch drei Bücher befunden , die jetzt von seiten des Chasseurs unter affektiert respektvollen Verbeugungen und » avec les compliments de monsieur le Châtelain « an Lewin überreicht wurden . » Et à sept heures le souper . « Darnach klappten wieder die Pantinen auf der Treppe draußen , und das Kauderwelsch mit der Alten setzte sich fort , bis es in dem Winde , der über Bastion Brandenburg hinstrich , verklungen war . Lewin rückte den Stuhl ans Fenster , um in die drei Bücher hineinzusehen , die der Kastellan ihm geschickt hatte . Zwei , schwarz gebunden mit zitronengelbem Schnitt , waren , was sich erwarten ließ , Bibel und Gesangbuch . Aber das dritte ! Es war nur ein Büchelchen , zwei Pappdeckel , mit marmoriertem Papier , an den Ecken abgestoßen . Und nun las er : » Bericht des Majors von Schack über des Lieutenants von Katte Dekapitation , 6. November 1730 . « Das hatte der Alte schlecht getroffen . Es überlief unseren Gefangenen eiskalt , und er legte die Bibel darauf , daß er es nicht sähe . Lange , lange Stunden . Er ging wieder auf und ab und zählte . » Erst tausend Schritt . « Endlich schlug es sieben . Es war ihm ein unangenehmer Gedanke , den Gascogner noch einmal eintreten zu sehen , aber statt seiner erschien der alte Kastellan selbst und brachte das Nachtessen : eine Suppe , aus Brotrinden und Hagebutten gekocht . » Nun , Junkerchen , da haben Sie was Warmes . Das Brot , das haben die Franzosen gebacken , aber die Hagebutten , die sind aus Markgraf Hansen seinem Küchengarten , und meine Lene , was meine Jüngste ist , die hat sie selber gepflückt . Es war ein rechtes Hagebuttenjahr . Hören Sie , Junkerchen , auch für die Franzosen ; aber die haben die Hacheln gekriegt . « Und dabei setzte der Alte den Suppentopf und eine Stallaterne , in der ein Lichtstümpfchen schwelte , vor Lewin nieder und sagte , während er schon halb in der Türe stand : » Und nun Gott befohlen , Junkerchen . Es kommt , wie ' s kommt . Und blasen Sie gleich aus ; denn Licht darf nicht sein . Es geht mir sonst an Kopp und Kragen . Hören Sie , gleich ausblasen . « Lewin hatte Hunger , und der würzige Duft tat seinen Sinnen wohl . Aber er konnte nicht essen . Es war nicht der verzinnte Löffel , der so bitter schmeckte , es war die Todesfurcht , die sich ihm auf die Zunge legte . Er stellte den Napf aus der Hand , löschte das Licht und warf sich auf das Bett . Im Liegen empfand er , daß ihn die Uhr drücke , und er nahm sie heraus , um sie neben sich auf den Binsenstuhl zu legen . Dann erst wickelte er sich in den Mantel , zog den Kragen bis unter das Kinn und sah von seinem Kissen aus auf die Sterne , die matt durch die kleinen Fensterscheiben zu ihm her flimmerten . » Und kann auf Sternen gehn « , klang es in seiner Seele immer leiser , immer ferner , und darüber schlief er ein . Er schlief fest , viele Stunden lang ; der überanstrengte Körper verlangte sein Recht . Aber gegen Morgen begann er zu träumen . Er sah eine Schlittenfahrt und hörte das Läuten der Glocken , und als die Schlitten hielten , war es vor einem alten Rundbogenportal , durch das winterlich in Mäntel und Muffen gekleidete Paare in ein hochgewölbtes Schiff eintraten . An den Pfeilern hingen vertrocknete Kränze mit langen Bändern , die sich im Zugwind bewegten , und zwischen diesen Pfeilern hin schritten alle , unter denen auch die schöne Matuschka war , auf den Altar der Kirche zu . Und als sie nun dicht heran waren , begann die Orgel zu spielen . Aber in demselben Augenblicke wandelte sich das Bild , und die grauen Steinpfeiler wurden zu weißgetünchten Holzsäulen , um die grüne Girlanden gewunden waren . Und auch die Frauen waren nicht mehr dieselben , andere waren es , sommerlich gekleidete mit Blumen im Haar , und alle folgten einem voranschreitenden Paare , das er nicht erkennen konnte , denn er schritt hinterher , und erst als er den Altar erreicht hatte , vor dem ein Grabstein lag , sah er , daß er es selber war , der an dieser Stelle getraut werden sollte . Aber er wußte nicht mit wem , denn die Braut war über und über in einen weißen Schleier gehüllt , und auf dem weißen Schleier leuchteten goldene Sterne . Als nun aber die Orgel schwieg und der Geistliche nach dem » Ja « fragte , da schlug die Braut den Schleier zurück , und statt des » Ja « , das ihm auf der Lippe war , sagte er : » Marie « . Er hatte das Wort laut gesprochen und fuhr auf , als ob er eine schwindende Erscheinung festhalten wolle . Wo war er ? Er sah den Sternenhimmel und fühlte den von seinem eigenen Atem feucht und eisig gewordenen Mantelkragen . Und allmählich stieg die ganze furchtbare Wirklichkeit vor ihm herauf , und er lauschte , ob er nicht schon den Tritt eines ihn abholenden Wachkommandos hören könne . Wußte er doch , daß die Morgendämmerung die Zeit für solche Szenen sei . Aber was war die Stunde ? Er griff nach der Uhr und ließ sie repetieren . Fünf . Das war noch zu früh ; es konnte nicht vor sechs geschehen . Also noch eine Stunde Leben , aber auch noch eine Stunde Tod , und er wünschte sich die Minuten weg , um Gewißheit zu haben .