... Sie kannte ihren ganzen Inhalt ... Sie hatte alles das schon so oft gelesen und nahm es nur dann wieder vor , wenn sie sich für den Zwiespalt , in dem sie mit den Auffassungen Serlo ' s lebte , eine Beruhigung suchte , eine Brücke der Vermittelung ... Hätte Serlo noch gelebt und neben ihr gestanden - mit seiner elegischen Ironie , der lässigen Ergebenheit , der sichern Zuversicht , daß dies ganze Dasein der Mühe des Lebens nicht lohne - sie würde vielleicht über Religion und Kirche gedacht haben wie er . Bonaventura aber glaubte anders ... Das zog sie , sich nicht den Anschauungen Serlo ' s gefangen zu geben ... Wie sie schon den Beda Hunnius anders beurtheilte als Serlo , so hätte sie auch getrost den ganzen Bau , der sich um sie her durch ihr neues Bekenntniß wölbte , vollkommen anerkannt und an seiner Vollendung mitgearbeitet , hätte nur Bonaventura irgendwie ermuthigend und beifalllächelnd zu ihr herabgesehen ... und das stand überdies in ihr fest : Wahn ist ja alles ! Für den Glauben aber , es wäre kein Wahn ( und der ist nothwendig , wenn nicht alles zusammenfallen soll ) , kann es mancherlei Formen geben , von denen dann allerdings die eine vielleicht eine Kleinigkeit besser ist als die andere ... Der Name des Mönches Hubertus durchschauerte sie jedesmal , wenn sie von ihm las . Sie hatte ihn nie gesehen - aber in ihrer Jugend oft von ihm reden hören . Was knüpfte sich nicht alles an ihn an ! An diese alte Liebe der wie einst ihre Tauben gestern so am Küchenherd Erwürgten ! ... Die Nächte im Pavillon des Parks vom Schloß Neuhof , wenn die Ulmen rauschten und der Mond mit seinem so klugen , aller Dinge der Erde kundigen Antlitz in ihre Kammer schien , nachdem sie das Licht ausgelöscht und sich auf ihr Lager geworfen ... Auch jetzt ging sie zur Ruhe ... die Lampe auslöschend und hinter ihrem Schirm verschwindend wie ein Schatten ... Sie hatte die Ahnung , daß sie noch durch viel Untergang und Zerstörung gehen würde - Dann war es ihr immer , als stünde alles um sie her in Flammen ... Und auch heute war ihr erster Traum eine Feuersbrunst ... Allmählich wurden die Bilder ruhiger ... Noch zeigten sie wol die alte Frau Hauptmännin auf der Todtenbahre ... Hubertus trat zu ihr ein wie zu Pater Fulgentius ... Doch was sind Träume ! ... Der » Advocat « , der hinter ihm stand , war erst Lucifer selbst - dann milderten sich die Schrecken - die Gestalten wurden bleicher und bleicher - zuletzt blieben nur die beiden Bologneserhündchen übrig und Herr Maria mit seiner saubergefältelten Wäsche und mit Deutschlands feinstem Dialekte . Fußnoten 1 Wir werden gezogen und haben keinen freien Willen . 10. Hoiho ! ... Hoiho ! ... Hoiho ! So rief es hellauf hinter einer lieblichen Gruppe von Birken und Hängeweiden und von einer weiblichen Stimme , rein , metallen , wie Silberton . Die Ruferin war ein junges Mädchen in blauem Kleide , einem leichten runden Strohhut auf dem einfach gescheitelten Haare - Ein Ruder in der Hand stand sie in einem leichtgebauten Kahn , ihn hin- und herwiegend mit herausforderndem Muthe . Noch lag der Kahn an einer Kette , die ihn am Ufer festhielt ; noch stieß und rauschte sein Vordertheil an den Sand und die Steine des Strandes der Insel Lindenwerth . Ein Schifferknabe saß an der entgegengesetzten Seite ; das Steuerruder schon in der einen Hand und auf den erwarteten Befehl bereit , die Kette mit der andern zu lösen . Die Ruferin winkte jetzt durch die Hängeweiden und Birken hindurch einem alten , von Linden umstandenen Gebäude zu , das klosterähnlich dicht in der Nähe , in der Mitte der kleinen Insel lag . Sie schien es auf ein Fenster abgesehen zu haben , an dem auch eben eine andere , ältere weibliche Gestalt sichtbar wurde . Der Seemannsruf Hoiho ! Hoiho ! schien aber dort nicht die beabsichtigte Wirkung hervorzubringen . Armgart von Hülleshoven - sie nur ist es - befahl mit einem kurzen vertraulichen Winke dem Schifferknaben , weiter ins Wasser hinauszustechen und lehnte sich selbst über Bord , um die Kette vom Pflocke , der sie festhielt , abzunehmen . Als zu dem Ende der Knabe sein zweites Ruder ergriffen hatte , nahm sie ihren Hut ab und setzte sich ans Steuer statt seiner . Der Knabe wußte schon , sie wollte , um von der Dame am Fenster gesehen zu werden , mehr die Höhe der kleinen Hafenbucht gewinnen . Nun mußte doch gewiß das Winken mit dem großen Hute sichtbar werden an dem Fenster des Klostergebäudes ! Aber jetzt war die daselbst ersichtlich gewesene Dame vollends verschwunden . Armgart harrte erst , ob die Gerufene inzwischen vielleicht herabkäme ... Da sie aber ausblieb , forderte Armgart den Knaben auf , einige hörbare und kräftige Zeichen von sich zu geben . Hast ja dem geistlichen Herrn neulich um deine Stimme so gefallen , sagte sie , und sprichst als Ministrant dein » Saecla Saeclum « so prächtig laut , daß sie dich hören muß , Tönneschen ! Ruf ' einmal recht Juhu ! Und Antonius , genannt Tönneschen , rief denn auch , immer auf ihr Auge sehend , ein Juhu um das andere lautschallend in die Weite hinaus . Freilich mußte er dazu von Armgart erst wieder aufs neue ermuthigt werden , denn es ging gar still her um die Insel Lindenwerth und wirklich war er von jenem geistlichen Herrn um seines schönen Aussehens und seiner sanften Augenwimpern willen in allem Ernst zur Verfolgung der kirchlichen Laufbahn ermuntert worden , als er ihn beim Ueberfahren zu den Englischen Fräulein in einem Büchlein schon vor Wochen auf den Thuriferar studiren sah , den er am morgenden Sonntag drüben in der Kirche zu Drusenheim - noch nicht in der byzantinischen des Herrn Bernhard Fuld , sondern