er anbetet , er leidet durch ihren Willen , und er kennt kein höher Gesetz . Diese Leibeigenen sind glücklicher als wir , mein Herr Legationsrath von Wandel . Wie das Animal , die Pflanze , stehen sie dem Ursprünglichen näher . Und wir ringen unser Leben durch vergebens nach dem Paradieseszustande zurück , in dem sie existiren . Wie die Lilie auf dem Felde , wie der Vogel im Busch , freuen sie sich der Sonne , die sie bescheint , sie legen ihr Haupt nieder auf den grünen Rasen unter freiem Himmel , oder auf die Bank , die man ihnen am Ofen gebaut . Sie denken nicht , sie sorgen nicht auf den andern Tag ; Speise und Trank ihnen schaffen ist unsere Aufgabe . Sie kennen unsere Pein und unsere Qualen nicht , unsere Zerrüttung und Zerrissenheit steht ihnen fern . Sie würden sie so wenig begreifen , als der Herr von Wandel , warum der Erlöser für uns gelitten hat , warum in Natur und Welt es so gefügt ist , daß immer ein Anderer für den Schuldigen leidet , daß es Sündenböcke gab im alten Testament , Märtyrer und Heilige , die den Ueberschuß ihrer guten Werke uns als Erbe ließen . Diese Sklaven singen und lachen , während wir , die Erwählten , die tausend Nadel- und Dolchstiche empfinden , die Welt und Verhältnisse täglich in unser Herz drücken , und wir müssen dazu ein lächelnd Gesicht machen , auch wenn wir in krampfhafter Pein vergehen möchten . Was ist das Bischen Noth dagegen , das unsere Laune ihnen bereitet ; die schöpferische Laune , die heute quält und morgen dafür entzückt . « » Warum stehen Sie in Gedanken verloren ? « hub sie nach einer Pause wieder an ; ihre Verzückung , wie es schien , hatte sich gelöst . Sie ließ die Arme sinken , und sah ihn fast mitleidig an . » Sie armer Mann , was ich Sie bedaure in dem hochmüthigen Mitleid , was Sie in dem Augenblick über die Schwärmerin empfinden mögen . « - » Ich bedauerte nur , « erwiderte er , » daß die Gottheit , die wir uns als männliches Wesen denken , kein Weib ist . Wie viel schöner würde ihre Welt sein . « - » Ihr Spott kann mich nicht mehr beleidigen . Sie thun mir so unendlich weh , weil jede Entzückung Ihnen versagt ist . Aber ich appellire an Ihren Verstand . Womit wollen Sie die Welt zusammenhalten ? Diese Masse , diesen Pöbel , das Chaos von kriechendem Gewürm , das fliegen möchte und nicht aufrecht gehn kann ! Wer soll sie bändigen , fesseln , wenn keine eherne Faust , umspielt von süßen Himmelslichtern , da ist , keine beseligende Illusion ; diese gemeinen , rohen , selbstischen Kreaturen , die aus Habsucht Einer auf den Andern stürzen , sich zerreißen , verzehren möchten . Sie kratzen sich die Augen aus , damit der Bruder nicht schärfer sieht , sie verschlingen die Vorrathskammern , die ihren eigenen Winter sichern sollten , damit die Mitmenschen nicht im Vollen leben . Täuscht sie der Popanz Humanität , den die Afterweisen an ihren papiernen Gesetzhimmel malen , und Jeder stellt dem Andern ein Bein , und Gift auf der Zunge , Erbschleicherei , Betrug , Raub , Brudermord lauert unter der Lämmermaske dieser Alltagsgesichter . « » Der Popanz täuscht mich nicht , Prinzessin , « sagte Wandel . » Mich täuscht überhaupt nichts . Ja , könnten wir sie alle wieder als eine Horde Leibeigene einpferchen in die dumpfen Ställe alter Gewohnheiten . - Schade nur , daß es auch nur eine Illusion ist , und wenn - die Priester würden sich untereinander auch auffressen . « » Hoffen Sie noch auf die Vernunft . « fuhr die Fürstin fort , die ihn wieder nur halb gehört . » Die Göttin , die sie in Frankreich auf die Altäre hoben , hat doch zu aller Welt geschrieen : seht , wie albern und ohnmächtig ich bin ! Oder hoffen Sie ' s mit dem Geist , der wie ein Blitz aus dem Himmel in das Gewürm wetterleuchtet . Wie oft fuhr er nieder in diesem Deutschland , in Philosophen und Gesetzgeber , in verstockte Mönche , Stubengelehrte und Fürsten auf dem Thron . Was hat er gezündet , gewärmt und gefruchtet ! Die dumpfen Ställe der alten Gewohnheit hat er in Brand gesteckt , aber die Unglücklichen , daraus Vertriebenen , wo fanden sie anderes , helleres , wärmeres Obdach ! Feuersbrünste hat er angefacht , Wälder und Haiden verzehrt , aber wo nur eine Fackel angezündet , die in der Nacht leuchtet , welche immer darauf wieder eintrat . Da lobpsalmen die alten Weiberstimmen in den nüchternen Kirchen den Herrn , daß er die Greuel des Aberglaubens und der Finsterniß verscheucht hat , aber wo blieb ihr Licht , das ihnen leuchtete , durch den finstersten Wald des Zweifels ihnen den Weg zeigte , wo ihr Haus , das die Müden und Beladenen aufnahm , wo das Geläut der Himmelsglocken , die sie mit Engelszungen in Schlaf einlullten , wo der Schlafpelz , die weiche Bärenhaut , in die sie sich hüllten , und alle Sorgen waren vergessen ! Wo in aller Welt können diese Verirrten , Heimatlosen , anklopfen in ihren Aengsten , ihrer Zerrissenheit , um den Trost zu finden , den nur die Gewißheit giebt ! Was hilft ' s ihnen , wenn sie sich von des Teufels Krallen gepackt fühlen , und der gelehrte Herr mit den Päffchen setzt die Pfeife fort , um vornehm herablassend der armen Kreatur mit rationalistischer Salbaderei zu demonstriren , daß der Teufel wahrscheinlich nicht existirt . Um etwas Gewisses , Festes , Sicheres schreien sie , und er setzt ihnen eine Schüssel Schlangeneier vor , aus denen , statt eines , tausend Zweifel schlüpfen ! « Diesmal war es der Legationsrath , welcher nicht Acht gegeben