still auf der Straße , in dem Hause , in der Stube , und wie schwere Schläge fielen die Worte Seba ' s : Und nun hieltest Du Dich berechtigt , mich zu verachten ? in des jungen Mädchens Seele . Sie wollte sich abermals vor der Tante niederwerfen , diese hinderte sie jedoch daran , und sich leise mit der Hand nach dem Herzen fahrend , sprach sie : Man hat Dir die Wahrheit gesagt - ich habe einen vornehmen Mann geliebt und bin von ihm verrathen worden ! Ich bitte , ich beschwöre Dich , sprich nicht weiter ! rief Davide mit flehender Geberde - vergib mir , o , vergib mir , daß ich Dich daran mahnte , und schweige ! Seba beachtete ihre Bitte nicht . Da Du Dich zu meinem Ankläger und Richter aufgeworfen hast , sagte sie mit einer schmerzlichen Kälte , so wirst Du mich auch wohl hören müssen ! Ich weiß nicht , wie Deine Wärterin zur Kenntniß jenes unglücklichen Ereignisses gekommen sein kann ; darauf kommt es auch nicht an . Das Leben ist wie ein Strom , unsere Vergangenheit , unsere Thaten sinken in ihm unter , daß wir sie selbst dem eigenen Blicke für immerdar entschwunden meinen , und plötzlich bringt ein unvorhergesehenes Ereigniß sie aus der Tiefe wieder vor unserem Auge als ernste Mahnung an das Licht . - Sie hielt inne , seufzte und sprach danach : Laß es Dir eine solche Mahnung sein , eine Mahnung , den größten und reinsten Empfindungen Deines Herzens zu mißtrauen , wo sie mit dem Gesetze und der Sitte in Widerstreit gerathen ; denn wie rein unser Selbstgefühl auch sein mag , es schützt uns nicht gegen die Schmerzen , die fremder Tadel uns zufügt , und es bewahrt uns nicht davor - Du hast es eben selbst erlebt - , von denen gelegentlich mißkannt , ja , selbst verachtet zu werden , denen wir durch ein ganzes Leben unsere Liebe zugewendet und deren achtendes Vertrauen wir gewonnen und verdient zu haben glauben . Das ist für mich eine bittere , für Dich eine heilsame Erfahrung ! Die Stimme bebte ihr , sie stand auf und ging nach dem Nebenzimmer . Davide wollte ihr folgen , indeß sie gab ihr ein Zeichen , zurück zu bleiben , und noch einmal lagerte sich die frühere bange Stille über diese Räume . Daviden ' s Thränen waren versiegt . Es ging etwas in ihr vor , das sie sich nicht zu erklären wußte , und doch fühlte sie die Veränderung . Es dünkte sie , als sei sie älter geworden , als sei ihr ein Amt zuertheilt , als habe sie eine Pflicht übernommen . Sie dachte mit einer ganz neuen Empfindung , mit einer ihr bis dahin völlig fremden Art von Liebe an die Tante . Sie sorgte sich um dieselbe , sie hätte sie auf ihren Händen tragen mögen wie ein Kind , und doch zog es sie , ihr Abbitte zu leisten und ihre Vergebung zu erhalten . Aber auch dabei blieben ihre Gedanken nicht haften , sie nahmen eine Richtung , in welcher sie sich nie vorher bewegt hatten . Was ist die Tugend , fragte sie sich , wenn die Tante , dieses reinste , dieses edelste der Herzen , eine That begehen konnte , welche die Religion , das Gesetz und die Sitte verdammen ? Wie war es möglich , daß ich jemals an ihr irre werden konnte , deren selbstverläugnende Güte mir beständig als ein unerreichbares Vorbild vor Augen schwebte , und wo fand ich den Muth , die Härte , die Undankbarkeit und die Grausamkeit , vor ihr auszusprechen , was , wie ich sicher wußte , sie nothwendig verwunden , doppelt verwunden mußte , da ich es war , die sich gegen sie erhob ? Davide hatte sich bisher in unbefangenem Selbstvertrauen für gut gehalten , sich ohne Bedenken die besten Eigenschaften zuerkannt , weil die übeln Leidenschaften der menschlichen Natur in ihr noch nicht zur Anregung gekommen waren , und erschreckt und gedemüthigt stand sie in dem Augenblicke , in welchem sie sich zum Ankläger ihrer Pflegemutter , ihrer Seba machte , vor sich selber da . Es war der erste Schritt , den sie auf dem schweren Pfade der Selbsterkenntniß machte , der erste Einblick in die Selbstsucht des menschlichen Herzens überhaupt , das erste Mal , daß in ihr die Ahnung auftauchte , wie leicht es sei , nach überkommenen Gesetzen blindlings abzuurtheilen , wie schwer , die Umstände erwägend , das Wesen eines Menschen und seinen Lebensgang zu verstehen und selbst in seinen Irrthümern zu begreifen . Sie verlangte nach der Wiederkehr der Tante und scheute sich doch , ihr unter die Augen zu treten . So verging eine geraume Zeit , und sie ward der Einsamen lang genug . Als Seba endlich wieder in das Zimmer trat , war jede Spur von Bewegung aus ihren Mienen verschwunden . Sie gab Davide die Hand , schloß sie , da sie sich an sie lehnte , um ihr Gesicht in den Armen der Tante zu verbergen , sanft an ihre Brust und sagte : Sei weiser und werde glücklicher , als ich ; das soll mein Trost , das soll mein Lohn sein , Kind ! - Und als die Erschütterte ihr mit neuen Thränen darauf Antwort geben wollte , hinderte Seba sie daran . Wir müssen gefaßt sein um des lieben Gastes willen , den wir erwarten . Nur so viel für diesen Augenblick , da dein Sinn nach Aufklärung verlangt : Paul ist eines Edelmannes unrechtmäßiger Sohn , und seine Mutter gab sich in der Verzweiflung ihres Herzens selbst den Tod . Ein Zusammentreffen von Umständen brachte ihn früh in meine Nähe , ein anderes Zusammenwirken von Ereignissen bewog ihn , da er dem Knabenalter kaum entwachsen war , aus dem Hause zu entfliehen , in welchem er erzogen wurde . Du hast bereits davon gehört , Du